Wie ein ehemaliger Postbote zum Held deutscher Comic-Nerds wurde

Anfang Dezember steigt in Dortmund die erste deutsche Comic-Con, der circa 30.000 Menschen eifrig entgegenfiebern. Zu verdanken ist das vor allem einem Ex-Postboten, der seinen Traumjob suchte. Und der Kelly Family.

© Cindy Ord/Getty Images For Turner

Cosplayer auf der New York Comic Con 2015. © Cindy Ord/Getty Images For Turner

Manchmal ist das echte Leben besser als das im Fernsehen: Als Sheldon Cooper in einer Folge der US-Sitcom „The Big Bang Theory“ seine eigene Comic-Con starten will, geht das gehörig schief – weder Stars noch Gäste wollen zu seiner Nerdmesse kommen. Markus Borcherts Plan vom eigenen Comic-Großevent geht hingegen auf. Am 5. und 6. Dezember findet die erste German Comic-Con in Dortmund statt, voraussichtlich 30.000 Menschen nehmen daran teil.

Wenige Tage vor Beginn der Messe sitzt Borchert im Comic-Laden Strips & Stories in einer Querstraße zur Hamburger Reeperbahn. Er wirkt sehr zufrieden. „Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass die erste Ausgabe direkt so groß wird“, sagt der 33-Jährige, der die Messe gemeinsam mit dem Veranstalter Thomas Hartz und einem Team von 15 Leuten aus der Taufe gehoben hat. „Als wir am 1. April die Facebook-Seite live geschaltet haben, hielten das viele für einen Scherz.“

© ze.tt/Mark Heywinkel
Markus Borchert holt die Comic-Con nach Deutschland. © ze.tt/Mark Heywinkel

Das glaubt nun niemand mehr, das Nerdfest findet tatsächlich statt. Auf 25.000 Quadratmetern werden über 150 Aussteller neue Werke präsentieren, Lesungen abhalten und Workshops veranstalten. Auf der Hauptbühne in der Dortmunder Westfalenhalle sollen US-Schauspieler wie Nathalie Emmanuel („Game of Thrones“), Laurie Holden („The Walking Dead“) und James Marsters („Buffy“) für Glam sorgen.

An das Vorbild aus den USA reicht die German Comic-Con damit zwar noch lange nicht heran. Nach San Diego pilgern jedes Jahr über 130.000 Comic-, Film- und Serienfans, um in Bildbänden zu blättern und Autogramme von Zeichnern, Schauspielern und Autoren abzugreifen. Aber im Vergleich zu europäischen Pendants wie der Wiener Comic-Con und der Dutch Comic-Con steht die deutsche Ausgabe bereits sehr gut da.

„Ich habe Joey Kelly gefragt, ob er bei der Comic-Con einen Weltrekord aufstellen will.“

Das war viel Arbeit. „Privatleben gab’s in den vergangenen Monaten keins mehr und die Wochenenden waren auch gestrichen“, erzählt Borchert. Er hat sogar sein Sofa vertickt, um mehr Platz im Wohnzimmer für Unterlagenstapel zu haben. Sein 15-köpfiges Team, darunter Freunde aus der Comic-Branche und die Frauen der beiden Hauptorganisatoren, hat alles selbst in die Hand genommen. „Wir haben für nichts eine Agentur beschäftigt, sondern jede Frage per Facebook und Mail selbst beantwortet, die Seiten gepflegt, die Tickets gedruckt, bei Veranstaltungen Flyer verteilt und auf Messen Werbestände aufgebaut.“

Und das alles, ohne Kohle dafür einzustreichen – im Gegenteil: Damit die deutsche Comic-Con stattfinden kann, wird Borchert sein Erspartes anzapfen müssen. „Mit einem Verdienst rechnen wir in diesem Jahr gar nicht“, sagt er. „Es geht um die Sache, das Geld muss in den Folgejahren fließen.“ Die Deals für 2016 sind schon geschlossen.

Wie bei der Kelly Family

Warum Borchert dieses finanzielle Risiko und den Stress auf sich nimmt, wird schnell klar: Der gebürtige Mönchengladbacher brennt für seinen neuen Job als Veranstalter. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Postboten gemacht, sein Abitur nachgeholt, Jura studiert – ohne sich mit seinen Beschäftigungen allzu wohl zu fühlen. „Das Veranstalter-Sein hat mich schon immer fasziniert, ich gehe darin total auf.“

Auf die Jobidee gebracht hat Borchert eine Band, die lange nicht mehr auf der Bildfläche zu sehen war: In den 90ern lernte er über Freunde Joey Kelly von der Kelly Family kennen. „Die Auftritte fand ich toll, weil da immer ganz unterschiedliche Menschen an einem Ort zusammenkamen – vom Arzt bis zur Reinigungskraft, alle fühlten sich da wohl“, sagt Borchert. „Genauso ist das auch bei der Comic-Con, in den USA und auch bei den Ablegern in Europa. Das ist ein Event für jeden und alle Altersstufen.“ Am liebsten hätte Borchert seine Vergangenheit und das Jetzt zusammengebracht; er fragte Joey Kelly, ob der nicht einen seiner zahlreichen Weltrekorde bei der Messe aufstellen wollte. „Aber er hatte dieses Jahr keine Zeit mehr“, sagt Borchert. Vielleicht klappt’s ja 2016.