Vom Finanzberater zum Craftbeer-Brauer: Wie ein 29-Jähriger sein Leben änderte

Wie kommt ein junger Finanzberater mit Mitte zwanzig dazu, eine Bierbrauerei zu gründen? Timo Thoennißen hat uns erzählt, was ihn dazu brachte, sein sicheres Leben aufzugeben, um eine Brauerei zu eröffnen.

© Philipp Arnoldt Photography

Timo Thoennißen bei der Arbeit. © Philipp Arnoldt Photography

Ein neues Unternehmen zu gründen, kostet Mut. Vor allem, wenn man sich schon in finanzieller Sicherheit wägt. So wie Timo Thoennißen. Mit Mitte zwanzig hatte er alles: eine gute Ausbildung, einen Beruf und ein finanzielles Polster. Nach einem erfolgreichen Studium in Neuseeland, Singapur und Australien arbeitete er bei einem großen Versicherungsunternehmen in der Schweiz.

Heute sitzt Timo auf Holzbänken vor der Bar Straßenbräu im Berliner Szenebezirk Friedrichshain. Hier laufen junge Künstler*innen und Eltern in Birkenstocks statt hektische Anzugträger*innen mit Aktentasche über die Straße. Wenn die Finanzwelt Ying ist, dann ist Friedrichshain Yang.

Dennoch zog es den 29-jährigen Timo im Januar diesen Jahres dorthin. Er eröffnete eine Mikro-Brauerei mit Bar, obwohl er bis vor zwei Jahren keinen Schimmer vom Bierbrauen hatte. Wieso dieser Wandel? „Mit Straßenbräu habe ich Craft-Beer-Brauerei und Bar an einem Ort verbunden. Ich habe mir hiermit einen Traum erfüllt“, sagt Timo.

Vom Finanzberater zum Bar-Besitzer

Schon im Ausland fing Timo damit an, sich beruflich umzuorientieren. Er stellte sich sich die Frage, ob er seinen Finanzjob für den Rest seines Lebens machen möchte. „Im Finanz-Sektor habe ich mich nur als kleines Rädchen in einem gigantischen System gesehen“, erzählt Timo. Als Bierbrauer und Barbesitzer ist das anders: „Heute kann ich mich stetig weiterentwickeln und sogar den Markt weiterentwickeln, ich kann hier etwas bewegen. Glücklicherweise hatte ich den Puffer, mich komplett zu verändern. Ich konnte das Risiko eingehen, dass es nicht funktioniert“, sagt der junge Unternehmer.

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Die große Tafel mit allerlei Bier-Sorten nach eigenen Rezepten. Foto: Facebook/Straßenbräu

Die Idee der Bar mit integrierter Brauerei entwickelte sich mit der Zeit. Ursprünglich interessierte er sich für das Destillerie-Handwerk. „In Singapur schmiedete ich den Plan, aus Durian, einer südostasischen Frucht, einen Schnaps zu destillieren, um daraus einen Cocktail zu entwerfen.“ Doch nach einer Marktanalyse verwarf er die Idee. „Das Projekt war mir dann doch zu riskant. Als ich wieder in Europa war, kam ich auf die Idee mit dem Bier. Mit der Entwicklung von Bierrezepten kann man sich kreativ austoben und Bier mag jeder, es ist leichter zu verkaufen“, sagt Timo. Ganz so risikofreudig war Timo dann doch nicht.

„Kleines Rädchen in einem gigantischen System“

„Den Business-Plan aufzustellen war kein Problem für mich“, erzählt Timo. „Bloß fehlten mir natürlich die Kenntnisse des Bierbrauens“, erzählt er. Also belegte Timo Ende 2014 einen Kurs. Die anderen Teilnehmer*innen waren teilweise skeptisch: Was macht ein Finanzberater beim Bierbrauen? Timo hat für die etablierte Craft-Beer-Szene sehr untypische Hintergründe. Er eröffnete die Brauerei nicht, weil er aus einer Brauerei-Familie stammt oder seit Jahren passioniert Bier herstellt – sondern weil ihm die Idee des „Brauerei-Bar-Konzeptes“ gefiel und sich selbst verwirklichen wollte. Ein paar Gourmets und bekannte Namen in der Bier-Szene begegneten ihm deshalb mit Vorbehalten. Timo steckte viel Arbeit in sein Konzept, um ernst genommen zu werden.

Im Juni 2015 kündigte er seinen Job, unterschrieb den Mietvertrag und investierte in eine Brauanlage. Bis zur endgültigen Eröffnung dauerte es jedoch noch sechs Monate, in denen stetige Verzögerungen an Timos Nerven zehrten. „Eine der größten Hürden war die Masse an bürokratischen Genehmigungen und die Bauarbeiten, die sich außerplanmäßig in die Länge zogen. Auch die leeren Bar-Abende zu Anfang waren schwer zu verkraften“, sagt Timo.

Was machen, wenn keine Gäste kommen? Was ist, wenn die Idee nicht aufgeht? All diese Zweifel schossen Timo an solchen Abenden durch den Kopf. Zwei Dinge hielten bei der Sache: viel Geduld und ein starkes Team.

Der Bierbrau-Prozess an der Wand. Foto: Straßenbräu
Der Bierbrau-Prozess an der Wand. Foto: Straßenbräu

Für die Braukunst suchte er schließlich professionelles Personal über einen Universitäts-Verteiler. Sebastian und Paul waren die einzigen, die antworteten, aber die drei verstanden sich auf Anhieb.“ Seitdem zieht das Trio gemeinsam die Bar auf. Timo konzentriert sich jetzt auf administrative Tätigkeiten, ganz von den Zahlen ist er nicht weggekommen. Sebastian, Sam und Paul übernehmen das Brau-Handwerk. Von Anfang an konnten sie sich aufeinander verlassen. „Ohne die beiden hätte ich die anfänglichen Schwierigkeiten nicht so gut überwunden“, erzählt Timo.

Sebastian war der erste, der zu Timos Projekt stoß. Der Sohn einer Belgierin und eines Winzers ist Diplom­-Braumeister mit Leidenschaft. Seit Jahren produziert er eigenes Bier, er betreibt sogenanntes Homebrewing. Bierbrauen darf übrigens jede*r. Dafür brauchen Bierliebhaber*innen keine Ausbildung. Bis zu 200 Liter Bier pro Jahr darf jede*r Bürger*in zuhause steuerfrei brauen, vorausgesetzt das Homebrewing ist beim örtlich zuständigen Hauptzollamt angemeldet. Auch Urberliner Paul ist studierter Brauer und Getränketechnologe. Er liebt es, exotische Rezepte zu kreieren und mit vielen Rohstoffen zu experimentieren.

Timo Thoennißen, Sebastian Pfister und Paul Schmidt in der Bar. Foto: Facebook/Straßenbräu

Seit einigen Monaten brauen Sebastian, Paul und Sam auch für externe Bars. „Das meiste Bier wird aber immer hier im Laden ausgeschenkt. Und wenn wir mal kein Bier mehr liefern können, dann ist das eben so. Wir sind eine handwerkliche Brauerei, wir stoßen eben an Produktionsgrenzen“, sagt Timo.

Das Risiko hat sich gelohnt

Das Risiko, das sichere Gehalt aufzugeben und anfängliche Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, hat sich gelohnt: Brauerei und Bar zu kombinieren, zieht viele Bier-Liebhaber*innen an. Auch die exotischen Sorten wie zum Beispiel das „Straßenbaristas“ für Kaffee-Liebhaber oder das „Berliner Beerengarten – erfrischend fruchtig, roséfarben, mild“ kommen bei Kund*innen gut an. In das Straßenbräu geht man nicht, um sich mal schnell ein Bier zu zischen, sondern um ein „India Pale Ale“ in geschwungenen Gläsern zu genießen oder zukünftig „Beerengarten-Ale-Eis“ zu schmausen.

Das Straßenbräu habe sich im Kiez etabliert, sagt Timo. Mittlerweile läuft das Geschäft mit dem Bier sogar so gut, dass er bald mehr verdiene als früher. „Die Craft-Beer-Bewegung in Berlin ist noch jung und ich möchte vorangehen und Straßenbräu als Marke etablieren“, sagt Timo. „Ja, es ist natürlich sehr anstrengend, aber dadurch wird es nie langweilig.“