„Ein Porno, den man beeinflussen kann“ – Wie Paare in Fernbeziehungen online Sex haben

Ohne guten Sex gehen viele Beziehungen in die Brüche. Das ist vor allem ein Problem für Paare in Fernbeziehungen. Wie lösen sie es? Wir haben mit jungen Leuten gesprochen, die auf Distanz lieben.

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Sich fallen lassen – geht das, wenn eine Kamera auf einen gerichtet ist? Pixabay/CC0

Das dritte Bier lässt Flo* redselig werden. Der 29-Jährige hockt auf einem Berliner Hausdach und erzählt von seiner Freundin, von der ihn mehr als 8.400 Kilometer trennen. „Ich habe Malie* in Thailand kennengelernt“, sagt Flo. „Das war wie ein Hammer, sowas habe ich vorher nie erlebt.“ Wäre es finanziell möglich, er würde sofort seine Sachen packen und wieder zu ihr reisen. „Aber so bleibt mir nichts anderes übrig, als mit dem Vermissen klarzukommen.“

Die Zerrissenheit von Flo spüren in Deutschland Hunderttausende. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung leben hierzulande 13,4 Prozent der Paare in einer Fernbeziehung; nach einer repräsentativen Umfrage reicht jede fünfte Fernbeziehung über Ländergrenzen hinweg.

Ob Fernbeziehungen gutgehen, hängt für Dr. Peter Wendl, den Autor des Buchs „Gelingende Fernbeziehung“, von fünf Faktoren ab: 1. muss die emotionale Verbundenheit stark sein; 2. müssen sich die Paare vertrauen und ein Gefühl von Geborgenheit geben können; 3. müssen sie bereit sein, sich bei Streit zu versöhnen, 4. müssen sie generell viel kommunizieren – und 5. braucht es eine „erfüllende Sexualität“.

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Dank WhatsApp, Skype, Facebook und Co. ist die Kommunikation ein weniger großes Problem als früher, als Ferngespräche nur zu toughen Tarifen möglich waren. Social Media sorgt dafür, dass Paare auch auf Distanz leicht am Leben des Anderen teilhaben können. Aber wie steht es um die körperliche Nähe? Wie kriegen Paare es hin, ein erfüllendes Sexleben miteinander zu führen, wenn sie selten miteinander schlafen können? Kann auch dabei die Technik helfen?

„Im Dirtytalk bin ich nie gut gewesen. Aber wenn die Kamera an ist, muss man ja nicht unbedingt was sagen.“ – Flo, 29

Flo ist der Meinung, dass Skype-Sex den echten Sex am ehesten ersetzt. „Ich stehe darauf, Malie beim Skype-Sex anzugucken“, erzählt er. „Das ist wie ein Porno, nur dass man ihn beeinflussen kann.“ Am Anfang habe es ihn noch irritiert, dass er sich beim Video-Sex auch selbst in einem kleinen Fenster sieht. „Das ist man vom Pornogucken ja eher nicht gewöhnt“, sagt er und lacht.

Inzwischen sei der Camsex mit Malie aber Routine – und werde dadurch immer besser. „Ich finde Sex mit Bild und Ton auch viel einfacher als Telefonsex“, sagt Flo. „Im Dirtytalk bin ich nie gut gewesen. Aber wenn die Kamera an ist, muss man ja nicht unbedingt was sagen, sondern kann einfach nur gucken.“

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Flo weiß jetzt auch ganz gut, wie er sich anfassen muss, damit Malie scharf wird (Brust, Arme, Penis) – und sie weiß, was ihn anmacht (Hüfte betonen, Beine nur leicht spreizen). Aber nicht alle Paare gehen so easy mit Camsex um, selbst wenn sie es unbedingt wollen: In zig Foren tauschen sich Menschen darüber aus, wie beim Sex per Stream beide am besten auf ihre Kosten kommen.

Häufige Tipps: Quickie? Funktioniert nicht, lieber den Camsex in ein langes Gespräch einflechten, damit sich beide wohlfühlen. Großer Bildschirm? Hervorragend! Kopfhörer aufsetzen? Ein Abturner! Das Video für später aufzeichnen? Ein absolutes No-Go!

„Ich stehe auf BDSM – aber das geht über die Kamera schlecht.“ – Verena, 28

Privatsphäre und Sicherheit spielen bei den Netz-Diskussion über Camsex eine große Rolle. Für Verena* sind die Bedenken, dass ihr Stream angezapft werden könnte, das Ausschlusskriterium. „Von Video-Sex halte ich nicht viel“, sagt die 28-Jährige, „liegt wohl auch ein bisschen an meinem Job – ich bin Rechtsanwaltsfachangestellte.“

Dass Verena so rigoros ist, führt dazu, dass sie zurzeit überhaupt keinen Sex mit ihrem 33-jährigen Freund hat. „Er ist eher der visuelle Typ. Er muss es sehen und kann es sich nicht vorstellen. Wir sind zwar beide der Meinung, dass es sehr wichtig ist, offen und ehrlich über Sex zu reden, aber irgendwie können wir es auf die Distanz nicht.“ Hinzu käme, dass Verena auf BDSM stehe – was per Video schlecht funktioniere.

„Wir achten darauf, dass man unsere Köpfe nie sehen kann.“ – Tommy, 35

Der 35-jährige Tommy* findet die Sicherheitsfrage beim Camsex ebenfalls problematisch. Seine 22-jährige Freundin wohnt in Passau, er in Eckernförde. Die beiden setzen hauptsächlich auf Sexting. Die Wortkombination aus „Sex“ und „Text“ beschreibt inzwischen auch das Versenden von erotischem Foto- und Videomaterial.

Vor allem Snapchat gilt als geeignet fürs Sexting – weil Fotos und Videos nach einmaligem Angucken verschwinden. Tommy und seine Freundin benutzen allerdings wie für ihre restliche Kommunikation WhatsApp. „Ich kannte Sexting vorher gar nicht und habe mich am Anfang ein wenig schwer damit getan“, sagt er.

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Inzwischen findet Tommy Gefallen daran, möglichst realistische Fantasien zu beschreiben. „Ich baue zum Beispiel Orte aus ihrer oder meiner Heimat mit ein, an denen wir es dann wirklich machen.“ Ab und an würden sie sich auch Intim-Bilder schicken. „Dazu gehört sehr großes Vertrauen“, findet Tommy. „Das ist da, dennoch achten wir zum Beispiel darauf, dass man unsere Köpfe nie sehen kann.“ Das würde die Lust manchmal killen, aber so sei es schwieriger, die Bilder jemandem direkt zuzuordnen. „In Zeiten, in denen Smartphones am Flughafen oder sonst wo mal eben gehackt werden, ist das einfach auch Eigenschutz“, sagt Tommy.

„Die Polizei rät dazu, keine solchen Bilder zu erstellen!“ – Polizei Niedersachsen

Besonders für Jugendliche gilt Sexting als Gefahr. Die Befürchtung lautet: Wenn Teens unachtsam Bildmaterial verschicken, könnte das als Druck- und Mobbing-Mittel genutzt werden – oder als Kinderpornografie im Netz landen.

Unter anderem weist die Polizei Niedersachsen auf Revenge-Porn-Fälle und Addbörsen hin, in denen Sexting-Material von Fremden getauscht und verbreitet wird. „Die Polizei rät dazu, keine solchen Bilder zu erstellen!“, heißt es auf einer Infoseite. Viele junge Leute sind sich des Risikos aber durchaus bewusst, wie eine Interviewstudie mit 160 Großstadtjugendlichen von drei Hamburger Wissenschaftler*innen nahlegt. Zumindest die Befragten betreiben Sexting sehr selbstreflektiert.

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Auch Annika* ist mit Vorsicht ins Sexting eingestiegen. Sie kam mit ihrem Freund zusammen, als beide 17 waren. Ohne eine solide Vertrauensbasis hätte sie nicht angefangen, sich vor der Handykamera für ihren Freund auszuziehen. Heute sind beide 21, zwischen Hannover und Leipzig getrennt – und der Sex per WhatsApp gehört zur Beziehungsroutine dazu. „Wir fangen meist damit an, uns zu schreiben, wie sehr wir die Nähe des Anderen vermissen“, sagt sie. „Dann schicken wir uns Bilder – ich von meiner Brust oder er davon, was er in seiner Boxershorts hat.“

„Gerade beim Cybersex kann man das aussprechen, was man sich vielleicht persönlich nicht traut.“ – Annika, 21

Erst tauschen sie und ihr Freund ein paar heiße Nachrichten aus („Ich will dich ganz tief in mir spüren!“), dann würden sie zu Sprachnachrichten wechseln. „Natürlich ist Skype-Sex schöner, da man sich sehen kann. Wir tendieren aber eher dazu, uns Sprachnachrichten zu schicken. So hat man Zeit, sich seine Worte zu überlegen.“ Zwei Mal im Monat würden sie sich sexten, beide würden das als sehr wichtig empfinden.

Eine US-Studie von 2015 beobachtete, dass Paare, die sich sexten, zufriedener mit ihrem Sexleben sind. Ob da ein direkter Zusammenhang besteht, konnte die Studie nicht nachweisen. Annika ist davon jedenfalls überzeugt. Denn:  „Gerade beim Cybersex kann man das aussprechen, was man sich vielleicht persönlich nicht traut“, sagt sie. „Davon profitiert dann auch der echte Sex.“ Eine Fernbeziehung ohne scharfe Texte und Bilder? „Ich kann mir auch eine normale Beziehung ohne Sexting nicht mehr vorstellen.“

*Die Namen wurden auf Wunsch der Protagonist*innen von der Redaktion geändert.


Und ihr so?

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