Wie eine Journalistin in Australien als Fem-Porn-Darstellerin glücklich wurde

Ronja heißt nicht wirklich Ronja. Aber ihre Geschichte ist echt.

© Ronja/privat

Ronjas Hintern. © Ronja/privat

Vor knapp vier Jahren hing Ronja ihre Journalisten-Karriere an den Nagel. Sie wollte lieber reisen als in einer Redaktion abzuhängen. Aber auch im neuen Traumleben blieben die Probleme nicht aus: Als Ronja im April 2014 in Australien landete, ging ihr das Geld aus, sie hatte bloß noch 300 Euro auf dem Konto.

Die Rettung aus der Finanzkrise begegnete ihr an einer Kreuzung in Melbourne-Brunswick an einer roten Ampel. „Darstellerinnen für feministische Pornos gesucht“, stand auf einem Flyer am Straßenmast. Ronja fühlte sich sofort angesprochen. Immerhin hatte sie kurz zuvor bereits bei dem Projekt „Beautiful Agony“ mitgemacht, bei dem sich die Teilnehmer*innen beim Masturbieren filmen. Nach ein paar Tagen Grübeln rief sie die Nummer auf dem Flyer an und drehte bald darauf ihren ersten Fem Porn. Schon nicht mehr wegen des Geldes, sondern weil sie einfach Bock drauf hatte.

Im Gespräch erklärt sie uns, was die feministischen Pornofilme ausmacht, in denen sie mitspielte, wie wichtig ein Orgasmus wirklich ist und warum das Thema Porno endlich enttabuisiert werden muss.

[Außerdem auf ze.tt: Umfrage – Wie viel Sex habt ihr wirklich?]

Ronja, zur Bebilderung dieses Interviews hast du uns ein Foto deines Hinterns geschickt. Aber gerade die Reduzierung der Frau auf ein oder zwei Körperteile wird doch von Feministinnen kritisiert.

Ronja: Ich finde nicht, dass die reine Abbildung eines Körperteils sexistisch oder frauenverachtend ist. Erst der Kontext kann zur Abwertung führen. Und hier geht es ja um die Bebilderung eines tiefsinnigen Interviews. (lacht)

Das Poster an der nächsten Straßenkreuzung, auf der eine Frau im Bikini für einen Softdrink wirbt, ist aber etwas Anderes?
Ja. Denn beim Softdrink soll’s um den Softdrink gehen. Was hat denn eine Frau, die schlicht als Deko dient, da zu suchen? Sowas finde ich auch scheiße. Porno ist hingegen Porno, da kommen selbstverständlich nackte Körperteile vor. Und wer einer Frau nicht zugesteht, sich nackt zu zeigen, wenn sie es genießt, schränkt ihre Sexualität ein. Und schließlich finde ich auch Schwänze geil.

Du bist Darstellerin in Fem-Porn-Videos. Was unterscheidet den feministischen vom gewöhnlichen Sexfilm?
Ich spreche jetzt erst mal nur für die australische Produktionsfirma, mit der ich zusammengearbeitet habe: Uns war vor allem auch wichtig, den Orgasmus der Frau zu fokussieren. Der Look der Darsteller ist unverfälscht: keine falschen Brüste, keine aufgeklebten Fingernägel und wer behaart ist, hat das so stehenlassen. Das Produktionsteam, also die Produzentin, Kamera, Ton und so weiter waren rein weiblich, was für eine angenehmen Atmosphäre auf dem Set gesorgt hat. Wer mehr darüber lernen will, was genau feministischer Porno ist, der kann das auf der Seite vom Feminist Porn Award Europe nachlesen.

Was bedeutet das denn, den Orgasmus der Frau zu fokussieren? Hat man vor allem die Frau gesehen, wie sie kommt?
Bei den Pornos, die ich gesehen habe, gab es immer eine Dramaturgie, die ganz klar darauf hinzielt, dass der Mann kommt – und fertig war der Spaß. In unseren Filmen ist der Orgasmus des Mannes jedoch nebensächlich. Es geht um das Vergnügen der Frau. Dass sie nicht kommt, indem der Mann ihr ins Gesicht spritzt. Wir haben den weibliche Orgasmus in den Mittelpunkt der Filme gerückt. Und zwar so, wie er in Natur bei einer Frau tatsächlich abläuft. Und da ist es – wie auch im richtigen Leben – auch mal okay, wenn sie nicht kommt.

Wenn er denn tatsächlich zustande kommt, ist der Orgasmus der Frau im Fem Porn immer echt?
Ja, so sollte es sein.

„Das Nichtkommen sollte niemals zu einem Gesichtsverlust führen.“

Aber vielleicht ist der gespielte Orgasmus ja Teil der natürlichen Sexualität und hat damit auch im Porno seine Berechtigung. Angeblich gibt es ja viele Frauen und auch Männer, die das im Bett mit ihren Partnern so praktizieren.

Der gespielte Orgasmus ist bestimmt nicht Teil der weiblichen Sexualität. Aber die Frage zeigt ja, dass mit dem Bild von erfüllter Sexualität in unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Stattdessen wäre es natürlich, seine Bedürfnisse mitzuteilen, damit der Partner darauf eingehen kann und der echte Orgasmus kultiviert wird, statt des vorgetäuschten. Und natürlich es ist auch völlig okay, nicht zu kommen. Das Nichtkommen sollte niemals zu einem Gesichtsverlust führen.

Die bekannte schwedische Fem-Porn-Macherin Erika Lust verfilmt die sexuellen Fantasien ihrer weiblichen Fans: zum Beispiel die sexuelle Affäre einer Frau mit dem Bruder ihres Freundes. Wie sieht es mit der Handlung in euren Filmen aus?
Es gibt bei uns kein Skript. Die Handlung hat sich bei uns natürlich zwischen den Beteiligten ergeben. Alle Beteiligten vor der Kamera machen zusammen das, worauf sie gerade Lust haben. Dabei ist die Bandbreite der Vorlieben natürlich so weit gefächert wie im richtigen Leben. Meist wird davor aber schon abgesprochen, in welche Richtung es gehen wird. So muss ja zum Beispiel das Set entsprechend gewählt oder ausgestattet sein.

Kam es dabei auch mal zu Situationen, in denen du mit einem Mann oder mit einer Frau eigentlich nicht intim sein wolltest?
Männer musste man selbst mitnehmen. Frauen wurden einem vorgestellt und dann konnte man ganz offen darüber sprechen, ob das was wird oder nicht.

Wen hast du mitgebracht?
Einen meiner damaligen Lover. Die anderen Filme waren mit Frauen oder Szenen, in den ich masturbiert habe.

Gibt’s eigentlich einen speziellen Typ von Mann, der besonders auf Fem Porn abgeht?
Ich glaube, es gibt einige Männer, die den Standard-Plastik-Porno nicht ganz so prickelnd finden und stattdessen auf Filme mit selbstbestimmten Frauen stehen, die tatsächlich Lust verspüren, bei dem, was sie da gerade machen. Außerdem ist ja auch so, dass jede Form von Porno mit der Zeit langweilt und dadurch Raum für Neues entsteht.

[Außerdem auf ze.tt: Porno ist überall – auch dort, wo du ihn nicht erwartest]

Wie lief dein erster Drehtag ab?

Ich wurde vom Team ganz langsam rangeführt. Am ersten Tag gab es nur ein Fotoshooting mit langsamem Ausziehen. Da bekommt man auch noch Anweisungen, wo die Hände hin sollen und so. Dabei war das Team auch nur in Unterwäsche. Ein komisches Gefühl kann deshalb also gar nicht erst aufkommen. Der erste Film war dann eine Masturbationsszene. Dabei konnte ich mich voll und ganz auf mich konzentrieren. Der Rest war dann auch nicht weiter schwierig.

Wurdest du schon mal auf der Straße erkannt?

Ein Mal, von einem Unbekannten. Es war in der Tram und ich dachte mir schon so: Ey, was guckt der denn so. Ich hab ein recht auffälliges, einzigartiges Tattoo, daran wird es gelegen haben. Er war aber sehr nett und wir haben gelacht. Das klingt jetzt eigentlich voll nach einem potentiellen Plot für einen Porno. Oder für einen Liebesfilm? (lacht)

Hast du dich auch ein bisschen geehrt gefühlt, dass du in der Öffentlichkeit erkannt wirst?

Nee. Ich stehe nicht so auf Öffentlichkeit.

„Dass mir jemand zuschaut, trägt nichts zu meiner Lust bei.“

Aber eine exhibionistische Ader braucht man schon als Sex-Darstellerin?

Exhibitionistisch meint ja, dass es einen aufgeilt, wenn man anderen Menschen – gefragt oder ungefragt – seine Nacktheit oder Sexualität präsentiert. Das ist bei mir aber nicht wirklich so. Dass mir jemand zuschaut, trägt nichts zu meiner Lust bei. Ich habe aber auch kein Problem mit meiner Nacktheit – und das ist bestimmt eine Grundvoraussetzung, wenn du in Pornos mitspielen willst.

Dass am Set Menschen und eine Kamera dabei waren, fandst du nie geil?

Nö. Eher ablenkend. Du musst dich ja entsprechend positionieren, damit die Kamera genug sieht, was anstrengend sein kann.

Das klingt jetzt aber doch nach harter Arbeit und nicht mehr so, also könnte man noch authentisch Spaß haben, wie es vom feministische Porno verlangt wird.

Es war immer noch eine Menge echter Spaß dabei. Die Welt ist halt nicht schwarz oder weiß. Und am Ende kann auch harte Arbeit sehr befriedigend sein.

[Außerdem auf ze.tt: Welche Kamasutra-Stellung passt zu dir?]

Haben Freunde dich schon mal erkannt?

Nein, oder sie haben sich nicht getraut, es zu sagen. Das kann natürlich auch sein. Aber ich meine, es gibt ja auch Unmengen von Pornos da draußen. Dass jemand, der mich kennt, gerade auf meine stößt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Vor allem nicht Zuhause in der Heimat, denn die Website hat 99 Prozent australische Besucher.

Was würdest du sagen, wenn deine Eltern trotzdem Wind von den Filmen bekommen und dich darauf ansprechen?

Dass es eine gute Erfahrung war. Und dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Ich glaube, sie würden das ganz easy nehmen. Ich glaube, Eltern sind vor allem ganz okay, wenn man sein Leben auf die Reihe bekommt. Ob ich jetzt ein paar Tage der Pornografie gewidmet habe, spielt da keine große Rolle. Ist Porno denn noch so verpönt?

Verpönt genug, als dass du dich um deine Karriere gesorgt hast und in diesem Gespräch anonym bleiben willst.

Das hat aber auch etwas mit meiner speziellen beruflichen Laufbahn zu tun. Ich habe bereits mit pubertierenden Teenagern an Schulen gearbeitet und vielleicht möchte ich das nebenberuflich auch wieder machen.

Also brauchen wir jetzt mehr Vorbilder wie Fredrik Erklund, der in Pornos mitgespielt hat und jetzt ein großer Immobilienmakler ist, um das Metier weiter zu enttabuisieren?

Ich glaube nicht, dass wir noch mehr große Immobilienmakler brauchen. Aber ich finde die Frage auch so schwierig … Auf der einen Seite denke ich, dass natürlich gelebte Sexualität noch mehr enttabuisiert werden muss. Andererseits mag ich die Übersexualisierung der Öffentlichkeit auch nicht.

Eine Mitwirkung in einem Porno sollte nicht dazu führen, dass eine Karriere in der Wirtschaft oder in der Politik nicht mehr möglich ist?

Im Gegenteil, zumindest für Politiker sollte es sogar zur Voraussetzung werden. (lacht)