Diese junge Französin ist wegen Macron in die Politik gegangen

Pauline Rivière wurde durch den französischen Präsidenten inspiriert, sich politisch zu engagieren. Und schon bald könnte sie für seine Partei ins Parlament einziehen.

Pauline Rivière wurde durch Macron klar, dass sie Politik machen will. © Sébastien Chétif

Pauline Rivière ist überzeugt davon, dass sie viel für Frankreich tun kann. „Das Land braucht Leute wie mich“, sagt die 33-Jährige: jung, dynamisch, aus der Mitte der Gesellschaft. Als Politikerin hat sie sich trotzdem nie gesehen. Bis zu dem Tag, an dem sie Emmanuel Macron zum ersten Mal live sah.

Im Januar besuchte sie zusammen mit einer Freundin eine Wahlkampfveranstaltung des heutigen Präsidenten im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand. „Da hat es Klick gemacht“, sagt Rivière. „Ich war bereit, mich für ihn zu engagieren.“ Macron versammelte damals auf einem seiner ersten Wahlkampfauftritte knapp 2.000 Menschen. Kurz vor Beginn der Präsidentschaftswahl im April sprach er in Paris schon vor 20.000 Zuschauer*innen.

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Mittlerweile ist der 39-Jährige der jüngste Präsident, den Frankreich je hatte und Rivière eine von 526 Kandidat*innen seiner Partei La République En Marche (Die Republik in Bewegung, LREM) für die Parlamentswahl. Sie tritt im ersten von drei Wahlkreisen im Département Allier in der zentralen Region Auvergne-Rhône-Alpes an. Der erste Wahlgang findet am 11. Juni statt. Am 18. Juni präsentieren sich die Kandidat*innen in einer Stichwahl.

Die 33-Jährige schwärmt von Macron

© Sébastien Chétif

Wenn die Jungpolitikerin über den Präsidenten und Parteigründer spricht, gerät sie ins Schwärmen: „Er ist ein inspirierender Anführer.“

Macron wolle die Menschen dazu bringen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, anstatt über Arbeitslosigkeit und politische Blockaden zu schimpfen. Er bringe die Menschen in Frankreich dazu, das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen. Er zeige den Tatendrang, der nötig sei, um das Land, das viele für unreformierbar halten, umzustrukturieren. Allein dass er es geschafft habe, in der neuen Regierung linke und konservative Politiker*innen zusammenzubringen und für die Parlamentswahlen viele Kandidat*innen aus der Zivilgesellschaft zu präsentieren, sei für sie der Beweis, dass er derjenige sei, der den Wandel möglich mache. „Er hat mir bewusst gemacht, dass man die Dinge ändern kann, wenn man motiviert ist und seine Sache gut macht.“

Linke Medien kritisieren, dass die meisten der Politikneulinge unter Macrons Kandidat*innen in ihrem früheren Berufsleben Führungskräfte waren und die Auswahl elitär sei. Für Rivière ist die Erneuerungswelle eine Chance. Nach dem Wahlkampfauftritt im Januar beschloss sie, sich aktiv bei LREM einzubringen, das Bündnis hieß damals noch nur En Marche. Vier Monate lang engagierte sie sich ehrenamtlich im Wahlkampf. 15 bis 20 Stunden in der Woche war sie die rechte Hand des offiziellen Parteireferenten in ihrem Département Allier. Seit knapp drei Wochen ist sie offizielle Kandidatin für LREM.

Vorher hat Rivière freiberuflich für regionale Wirtschaftsförderungsagenturen und Vereine gearbeitet. Jetzt sei sie etwa 19 Stunden am Tag auf den Beinen, treffe sich mit Wähler*innen, Gewerkschaften oder Unternehmer*innen. Um den Wahlkampf zu finanzieren, hat sie einen Kredit aufgenommen. Wer sie reden hört, bekommt den Eindruck, sie habe nur auf diese Gelegenheit gewartet: „Ich habe keine Kinder und ich bin nicht verheiratet.“

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich dafür bestimmt bin, mich für andere einzusetzen und etwas zu tun, das größer ist als ich selbst.“

Sollte Rivière die Wahl gegen die elf Gegenkandidat*innen in ihrem Wahlkreis gewinnen, wäre Politikerin bereits der dritte Beruf, den sie ausübt. Die 33-Jährige wurde in der drittgrößten französischen Stadt Lyon geboren, die etwa 200 Kilometer von ihrem Wahlbezirk und Wohnort Moulins entfernt liegt. Sie beschloss mit 27, sich in der Kleinstadt niederzulassen, nachdem sie etwa vier Jahre in England und Spanien in Hotels und Restaurants gearbeitet hatte. „Ich habe die Einfachheit und den direkten Kontakt mit den Menschen gesucht“, sagt sie.

Zurück in Frankreich, studierte sie Wirtschafts- und Regionalentwicklung. Nach einer Zeit als Angestellte bei einer öffentlichen Wirtschaftsförderungsagentur beschloss sie, sich in der Branche selbstständig zu machen. Die ständigen politischen Blockaden hätten sie genervt. Etwa, wenn die Anwerbung von Unternehmen an politischen Grabenkämpfen gescheitert sei oder wenn sie versucht habe, Arbeitslose in Mini-Job-ähnliche, erfolgsbasierte Tätigkeiten zu vermitteln. Die Einrichtungen, die die Betroffenen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt begleiten sollten, hätten das oft nicht gewollt, so Rivière. Die Begründung: Diese Angebote seien zu prekär.

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Rivière hat eine pragmatischere Sicht auf Arbeit, die sie sich vor allem in Großbritannien angeeignet habe: „Man arbeitet, weil man darauf angewiesen ist.“ Als Freiberuflerin habe sie selbst immer wieder mal als Kellnerin gejobbt, wenn sie wenig Aufträge hatte. „Das ist doch nicht schlimm“, sagt sie. Aber viele Menschen in Frankreich würden es für herabwürdigend halten, eine Arbeit auszuüben, die nicht ihrer ursprünglichen Ausbildung entspreche. „Hier hat man entweder seinen Traumjob oder man ist arbeitslos.“

Rivière möchte etwas für ländliche Gegenden erreichen

Weniger Ausruhen auf staatlichen Leistungen. Mehr Eigeninitiative. Rivière hofft, dass sich mit Macron die Einstellungen der französischen Bevölkerung ändern. Sie selbst gehe an die Zukunft der Arbeit in ihrem Wahlkreis logisch heran, sagt die Kandidatin. So sollen Arbeitslose, die eine Umschulung planen, besser beraten werden, welche Jobs wirklich gebraucht werden. Berufsausbildungen müssten besser auf die tatsächlichen Anforderungen vorbereiten. Wer zum Beispiel heute in der Schlachtindustrie arbeite, brauche mehr als nur eine einfache Metzgerausbildung.

Rivières Wahlheimat Moulins liegt in einer ländlichen Gegend, die von Landwirtschaft, Lebensmittel- und Metallindustrie, mittelständischen Unternehmen, alternder Bevölkerung und einer Arbeitslosigkeit geprägt ist, die leicht über dem nationalen Durchschnitt liegt. Es sei wichtig, die mittelständischen Unternehmen bei den Arbeitnehmerkosten zu entlasten, um Jobs zu schaffen, so die Kandidatin. Zudem schlägt sie vor, ehrenamtliches Engagement zu entlohnen. In ländlichen Gegenden wie ihrer leisteten Sport- und Kulturvereine eine unglaubliche Arbeit, wie sie sagt.

Warum nicht einmal darüber nachdenken, ob wir die Menschen für ein paar Stunden in der Woche bezahlen können?“

Macron habe verstanden, dass die Themen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit für die französische Wählerschaft am wichtigsten seien, sagt die Kandidatin. Eines der ersten Großprojekte des neuen Präsidenten ist die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. So sollen Unternehmen mehr Freiheit bei Festlegung von Löhnen und Arbeitsbedingungen erhalten. Rivière betont aber, dass das Programm weit davon entfernt sei, Frankreich in einen, wie sie es ausdrückt, Liberalismus nach US-amerikanischer Art ohne soziale Absicherung zu führen. So sollen Gewerkschaften mit der Reform mehr Mitsprache bei Entscheidungen in Unternehmen erhalten. Zudem sollen Selbstständige Zugang zur Arbeitslosenversicherung bekommen. Bisher haben nur Angestellte Anspruch darauf. Für Rivière gehe es um die Emanzipation des Individuums: Menschen, die bereit sein, ihre Ideen umzusetzen und etwas zu riskieren, sollten gefördert werden. Macrons Vision für Frankreich sei das einer Start-up-Nation.

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Ob der Präsident im Parlament die nötige Mehrheit bekommt, um dieses Ziel in den kommenden fünf Jahren zu erreichen, hängt von Kandidat*innen wie Pauline Rivière ab. Der aktuelle Abgeordnete im Wahlkreis der Jungpolitikerin ist ein Sozialist – der Ausgang der Wahl ist aufgrund der neuen Verhältnisse schwer vorherzusagen. „Wenn ich verlieren sollte, fahre ich erst mal für einen Monat ganz weit weg“, sagt Rivière. Aber eigentlich ziehe sie diese Möglichkeit nicht in Betracht.

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