Wie eine Therapie Viktor das Leben rettete

Ein Mann ist hart, zeigt keine Schwäche, boxt sich selbst durch. Therapie? Was für Weicheier. Viktor hätte diese Einstellung fast sein Leben gekostet. Hier erzählt er seine Geschichte.

Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von Viktor selbst. © privat

Als eine Freundin ihm das erste Mal rät, zum*r Therapeut*in zu gehen, steckt Viktor* richtig tief drin in der Dunkelheit, dem Loch, dem kognitiven Treibsand, der absoluten Scheiße. Nicht die erste, aber die schwerste depressive Episode in Viktors Leben. Das große S-Wort ist kein Tabu mehr. Es fängt an, sich wie ein Versprechen anzufühlen. 

Warum morgens aufstehen? Wozu zur Vorlesung gehen oder Leute treffen? Warum weiter gegen diese Bleischwere ankämpfen, die sich wie ein Korsett um den Körper legt, um jeden Gedanken und jeden Gang, jeden Satz, der aus dem Mund fällt? Warum das alles, warum … leben? Die ewigen, ewig kreisenden Fragen des Depressiven versucht Viktor in Alkohol und Drogen zu ertränken. Das Problem: Sie können schwimmen.

Die Selbstmedikation hat Nebenwirkungen. Er hat Filmrisse, Blackouts, baut richtig Scheiße. Seine „richtig, richtig harte Depression“ bekommt immer öfter Besuch von unlieben Verwandten, den Panikattacken. Bestandsaufnahme eines Lebens: Viktor ist Mitte Zwanzig und studiert im ersten Semester Grafikdesign. Er hat keine Kohle, keinen Job und wohnt bei einem Freund im Wohnzimmer, dafür hat er ein Vorstrafenregister wegen Diebstahls und Körperverletzung. Der Rat seiner Freundin? „Voll der Schwachsinn, Therapie ist was für Softies. Ich krieg das schon irgendwie selbst hin.“

Mit der Einstellung ist Viktor nicht allein. Verschiedenen Statistiken zufolge sind etwa 40 Prozent aller psychisch Erkrankten männlich. Gleichzeitig machen Männer nur ein Drittel der Patient*innen in psychotherapeutischer Behandlung aus. Sie sind in Praxen und Kliniken also spürbar unterrepräsentiert.

Brüchige Identitäten und gebrochene Kiefer

Viktor und ich treffen uns heute, knapp fünf Jahre nach dem absoluten Tiefpunkt, in einem Kreuzberger Café. Viktor, 29, mag Cafés eigentlich nicht. Normalerweise zieht er seinen Cappuccino in ein paar Zügen weg und ist raus. Aber jetzt, hier, das geht, ist „alles gut“, wie er mit einem Lächeln versichert. Viktor wirkt entspannt, wie er da auf der Bank sitzt, die Arme auf die Rückenlehne gestützt. Die schlimmsten Sturmböen, die fürchterlichen Gewitter in seinem Kopf, haben sich erst mal gelegt. Er ist seit einem Monat aus der psychotherapeutischen Klinik raus.

Der Viktor von damals, der keine Schwäche zeigen, ein harter Typ sein wollte, und der ruhige, reflektierte Viktor, der bereits mehrere Therapiestationen hinter sich hat, die sitzen jetzt zusammen am Tisch und erzählen ihre Geschichte. Eine Geschichte von brüchigen Identitäten und gebrochenen Kiefern. Von Verrat, Rebellion und der Suche nach Heilung. Wann, gottverdammt, wann ist ein Mann ein Mann?

Konformität bis zum Kotzen

Viktor ist in Russland aufgewachsen, eine Großstadt im Vorland des Uralgebirges. Russland: wirklich anderes Land, wirklich andere Sitten. Seine Eltern trennen sich 1992, da ist er vier Jahre alt. Seine Mutter geht nach Deutschland, lässt ihn bei den Großeltern. Vertrauensbruch Nummer Eins. Oma und Opa, das ist jetzt die Familie, das hat er bald akzeptiert. 1995, der nächste Einschnitt: Die Mutter reißt ihn raus aus seiner neuen Familie, von der sie nicht Teil ist. Sie holt ihn nach Deutschland, Spießerland. Ihr neuer Freund? „Der krasseste Oberspießer.“

[Außerdem auf ze.tt: Warum eine Therapie kein Zeichen von Schwäche ist]

Doch sie will sich hier ein neues Leben aufbauen. Integrieren, deutsch werden, das heißt für Viktors Mutter: sich anpassen. Dafür überspielt sie ihre eigene Identität, so erinnert Viktor sich, „ein Paradebeispiel für Überintegration.“ Und der nächste Vertrauensbruch. Viktor muss Deutsch lernen, fremde Wörter in fremde Grammatik reihen. Aber vor allem: lernen, ein Deutscher zu sein. Ein Deutscher, wie sein neuer Stiefvater Jürgen. Konform sein bis zum Kotzen.

Eine russische Seele, jung und wild, gefangen im Regellabyrinth preußischen Kleinbürgertums. Es geht nicht gut. Es bleibt nur Rebellion. Stress in der Schule, Prügeleien, Stress zu Hause. Viktor fühlt sich von seiner Mutter, der überangepassten, verraten. Sie hat sich für das Leben mit Jürgen entschieden, und damit gegen ihn. Sie steckt Viktor in ein Heim, als er 15 ist. Der vierte Einschnitt.

Nationalität: zwischen allen Stühlen

Viktor bestellt Käsekuchen und zündet sich die nächste Zigarette an. Er legt die Stirn in Falten, was ziemlich gut aussieht. Reflektierender Viktor: „Es gab verhältnismäßig viele Vertrauensbrüche in meinem Leben.“ Das ist fast ein bisschen rührend: Der junge Mann, der sich so an diesem neuen, sperrigen Jürgenland abgearbeitet hat, stellt da zwischen zwei Zigarettenzügen einen Satz hin, auf den jede*r deutsche Beamte stolz wäre: sachlich, relativierend, German Understatement.

Mit seinen hellen blauen Augen, den kurzgeschorenen blonden Haaren und seinem perfekten Deutsch würde Viktor tatsächlich als der überdeutscheste Deutsche durchgehen, wie er selbst lachend feststellt. Doch von dem ganzen Nationalkram hat er sich irgendwann losgelöst. Er sieht sich nicht als Deutscher und nicht als Russe, auch wenn er sich dem Wertesystem seines Geburtslandes verbundener fühlt.

Irgendwann kamen die Suizidgedanken

Heim statt Heimat, Freund*innen statt Familie und zu Weihnachten zusammen einen saufen. Da klafft ein Riesenloch und Viktors Ich sucht nach Wegen, es zu stopfen. „Keine Schwächen zeigen, hart sein, sich durchboxen – so waren wir drauf“, erzählt Viktor. Wenn alles wegbricht, hat Mann immer noch sich selbst. Einmal, da läuft er abends sturzbesoffen nach Hause, trifft auf eine Gruppe, Pöbelei, klar, und dann richtet er einen Typ so zu, dass der zwei Wochen im Krankenhaus liegt. „Der hatte ’ne Platte im Kiefer und ’ne Stützfolie im Auge.“

Mehr Alkohol, mehr Drogen, mehr Scheiße, so ging das weiter. Die Kumpels bestätigen sich gegenseitig darin. „Das war nicht so ganz ernst gemeint, aber hatte schon einen ernsten Kern“, sagt Viktor. Er klaut und prügelt, sammelt Hausverbote, Sozialstunden und Gerichtsvorladungen, dann eine Woche Jugendarrest. Das Gymi bricht er ab, harzt ein Jahr, macht ein Jahr Handelsschule und holt dann das Fachabi nach.

[Außerdem auf ze.tt: Psychische Erkrankungen auf der Arbeit – Ansprechen oder Schweigen?]

Zwischendurch, so mit 18 oder 19 Jahren, melden sich das erste Mal die Depressionen. Diese dumpfe Trauer, die Viktor auf jedem Schritt begleitet wie ein Schatten, sie bricht sich Bahn. Dass er an einer psychischen Erkrankung leidet, weiß er zu der Zeit nicht. Halt eine Verstimmung, die irgendwie wieder geht. Sie geht auch irgendwann – und kommt mit doppelter Wucht zurück, als das Stützgerüst Schule wegfällt.

Viktor wollte mit seinen Jungs in Hannover studieren, so der große Plan zu der Zeit, doch er bekommt den Platz nicht. Hildesheim also, Grafikdesign. Da wird es dann richtig heftig. Ziel verfehlt, neues Umfeld, alte Gewohnheiten. Die Depressionen schlimmer als je zuvor, existenzielle Ängste, dazu auch noch Panikattacken und Blackouts, wenn er säuft. Tiefpunkt Suizidgedanken. Viktor denkt: „Alter, ich halte das nicht mehr aus.“ Der Rat der Freundin, er wehrt sich dagegen, doch der sickert langsam durch. Er macht einen Termin beim Therapeuten des Studentenwerkes.

Frauen entscheiden sich eher für eine Therapie – noch

Als Mann ist er damit eher ein Exot. Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin nennt drei Gründe, warum etwa zwei Drittel aller Patient*innen in psychotherapeutischer Behandlung weiblich sind. Frauen sind häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen, pro Jahr erfüllen laut einer Erhebung von 2014 33,5 Prozent aller Frauen und 22,1 Prozent aller Männer die Kriterien für eine psychische Erkrankung.

Das alleine erklärt aber nicht die Überrepräsentation von Frauen in Therapie. Wie Jacobi erklärt, fällt es ihnen im Schnitt leichter, über psychische und emotionale Probleme zu reden. Und drittens zeigen Frauen im Allgemeinen ein besseres Gesundheitsverständnis. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede nähmen allerdings in jüngeren Generationen sukzessive ab, so der klinische Psychologe. Männer öffnen sich für Therapien.

Schritt für Schritt aus der Dunkelheit

„Hätte ich so weitergemacht, wäre ich im Gefängnis geendet oder tot“, sagt Viktor rückblickend, „da ging gar nichts mehr.“ Bei dem Therapeuten vom Studentwerk, „ganz cooler Typ“, war er nur ein paar Mal, aber es war ein Einstieg. Über Probleme sprechen, statt sie wegzudrücken, sich öffnen, statt sich wegzuballern – das ging.

Seit diesem ersten Termin ist Viktor den Weg Schritt für Schritt weitergegangen. Zögerlich zunächst, doch zunehmend entschlossener. Verhaltenstherapie von 2013 bis 2015. „Das war teilweise gut, aber nicht ganz das Passende“, weiß er aus heutiger Sicht . Sein Alkoholproblem hat er damals noch nicht in den Griff bekommen. Und die tiefer liegenden Probleme, die Trauer, die Bindungsangst, eh nicht. Doch er hat herausgefunden, was er an Hilfe braucht.

Viktor nimmt seit zweieinhalb Jahren das Antidepressivum Escitalopram, obwohl er Medikamente immer abgelehnt hat. „Das war für mich ein weiteres Zugeständnis von Schwäche“, sagt er und nippt an seinem Cappuccino, „aber Alkohol und Drogen, das ging. Echt bescheuert.“ Seit den Medis ist er clean. Die haben geholfen, konnten allerdings nicht verhindern, dass er im vergangenen Winter wieder in ein Loch gefallen ist. Die Psyche kann man nicht einrenken wie eine herausgesprungene Schulter. Sie braucht Zeit. Und, in Viktors Fall: einen Klinikaufenthalt.

Boden unter den Füßen

Zwei seiner wichtigsten Bezugspersonen in Berlin sind im Winter weggezogen. Viktor hat keinen Job, verdammt viel Zeit zum Grübeln. Lange Wintertage waren das, sie verschmilzen im Nachhinein zu einem einzigen grauen Matsch. „Es ist mir mega schwer gefallen“, erklärt er, „doch irgendwann habe ich mich aufgerafft.“ Viktor hat Glück, bekommt relativ schnell einen Platz in der Wiegmann-Klinik. Dort arbeiten sie tiefenpsychologisch, das war ihm wichtig.

Was hat sich in den acht Wochen Klinik verändert? „Ich hatte vorher konkrete Ziele: eine Tagesstruktur aufbauen, wieder Kontakt mit Menschen haben, so eine Art Resozialisierung, und irgendwie an diese Trauer rankommen.“ Die ersten beiden Dinge haben ziemlich gut geklappt. Boden unter den Füßen. Viktor: „Ich bin wieder etwas mehr im Reinen mit mir selbst.“

Die Sache mit der Trauer will er in einer ambulanten Therapie weiterverfolgen, lernen, emotional offener zu sein. Und vielleicht auch eine Gruppentherapie anfangen. Zu sehen, dass er nicht der Einzige ist mit diesen Problemen, das hat enorm geholfen in der Klinik.

Spezielle Therapien für Männer könnten in Zukunft helfen

In den vergangenen Jahren hat sich das Bewusstsein dafür geschärft, dass es sinnvoll sein kann, Therapien geschlechterspezifisch auszurichten. Die Symptome etwa einer Depression unterscheiden sich bei Männern und Frauen zum Teil systematisch. Dies zu berücksichtigen, könnte die Effektivität von Therapien erhöhen.

Vielen Männern fällt es auch leichter, sich einem männlichen Therapeuten gegenüber zu öffnen. Laut der Bundespsychotherapeutenkammer sind allerdings 71 Prozent ihrer Mitglieder weiblich, bei Mitgliedern unter 35 Jahren sogar 91 Prozent. Junge männliche Psychotherapeuten werden händeringend gesucht.

Und was kommt jetzt?

Da ist noch die große Frage, wie es so weitergehen soll im Leben. Viktor hat sechs Semester studiert, bevor er sich nicht mehr in Hildesheim zurückmeldete. Grafikdesign ist vermutlich eh nicht das Richtige, eigentlich interessiert ihn Kunst mehr. „Lehrer haben immer gesagt, dass andere mich beneiden würden um meine Fähigkeiten“, sagt Viktor, „doch die irgendwie unter einen Hut zu kriegen, das ist nicht einfach. Ich will auch nicht unbedingt arbeiten, beziehungsweise kann mir gerade nicht so recht vorstellen, wie oder was.“

Eine Therapie ist kein Wunderheilmittel, das weiß er, eher Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist noch viel Arbeit vor ihm, doch er hat, so wie er jetzt hier sitzt, schon einen verdammt langen Weg geschafft. Viktor legt die Stirn noch einmal in Falten: „Wenn ich eine Sache in meinem Leben ändern könnte, dann wäre ich früher in eine Klinik gegangen.“


* Name von der Redaktion geändert

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