Wie es ist, ein Kind von jemandem zu kriegen, den man gerade erst kennengelernt hat

Es gibt Momente im Leben, die verändern alles. Ein paar Sekunden und nichts ist mehr wie zuvor.

Sie haben sich gerade erst kennengelernt und plötzlich ist sie schwanger. © Anita Peeples on Unsplash

Bei Amelie und Erik war es dieser eine Moment, in dem sie nicht aufpassten: Frisch verliebt an einem lauen Abend kann man nach ein paar Gläschen Wein schon mal vergessen, dass Verhütung Sinn macht, besonders wenn man sich erst seit drei Monaten kennt.

Doch die Verliebtheit pustete den letzten Funken Vernunft aus ihren Köpfen, weil da nur noch dieser neue, wunderbare andere Mensch drin Platz hatte.

Schwanger, drei Monate nach dem Kennenlernen

Weniger großartig war der Moment ein paar Wochen später, als der Schwangerschaftstest in Amelies Hand positiv anzeigte. „Das war ein totaler Schock für uns beide“, erzählen sie. Da saßen sie nun auf ihrem Sofa, an einem Samstagnachmittag, überrumpelt und ratlos. Zwei, die sich kaum kannten. Noch so wenig voneinander wussten. Sich gerade noch an den anderen herantasteten und das Leben prima gewesen war, so wie es war.

Vom verliebten Pärchen in den Elternmodus umschalten geht nicht innerhalb eines Tages. „Es herrschte total gedämpfte Stimmung“, erinnern sie sich. Nicht dass beide nicht gewusst hätten, was passieren kann, aber wenn es dann wirklich passiert, ist das wie eine Lawine, die sich ins Leben wälzt.

Amelie und Erik hatten sich gerade erst in einem Freeride-Camp kennengelernt. Die ersten Dates verbrachten sie auf Skipisten, Wanderwegen, Mountainbike-Trails. Er zeigte ihr, wie sie steinige Downhill-Biegungen nimmt, sie nahm ihn mit zum Schwimmen im Fluss. Irgendwo unterwegs funkte es. Nach langer Singlezeit waren beide ziemlich verliebt. Vom ersten Treffen an schien alles beschleunigt: Kennenlernen, Berge runterdüsen, schwanger werden – alles innerhalb weniger Wochen. Wenn in die unbedarfte Kennenlernphase plötzlich Familien- und Zukunftspläne knallen, muss der Kopf erst mal hinterherkommen. Aber Verliebtheit verfliegt deshalb nicht unbedingt.

Es gab nur zwei Optionen

Sie legten sich zwei Szenarien zurecht: Option A und Option B. A wie Abtreibung, B wie Baby. Nach etwa einer Woche hin und her überlegen, hatten sie Gefühle und Fakten ein wenig sortiert: Beide hatten ein abgeschlossenes Studium, feste Jobs, mit Anfang Dreißig das eigentlich richtige Alter und die 100 Kilometer Entfernung zwischen ihren Wohnorten würden sie auch irgendwie hinbekommen. Option A rückte für beide weiter weg. Sie hatten nicht aufgepasst und wollten sich nun nicht vor der Verantwortung drücken, da waren sie sich einig.

Vielleicht sollte es einfach so sein, vielleicht war es ein Zeichen, dass sie zusammengehören? Also beschlossen sie, erst mal abzuwarten, bis die ersten drei kritischen Monate rum sind. Viele Frauen verlieren das Baby in den ersten Schwangerschaftswochen. Vielleicht, so hofften sie, würde sich die Frage dann erübrigen.

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Tat es nicht, die Schwangerschaft war stabil. Auch ihre Verliebtheit blieb. Trotzdem überkam sie kein Glücksrausch werdender Eltern, kein aufgeregtes: Wow, wir sind schwanger. Eher ein stilles An-den-Gedanken-gewöhnen-Müssen. Jede*r für sich.

Was würde aus seinen Bergtouren mit den Jungs werden, fragte sich Erik. Soll er aus seiner WG ausziehen, eine größere Wohnung suchen oder den Job wechseln, um zu Amelie zu ziehen? Karriere unterbrechen, Sporturlaube canceln, Zusammenziehen, das war auch für Amelie bisher unfassbar weit weg gewesen. Und was, wenn man feststellt, dass es doch nicht passt, dachten beide in manchen Momenten.

Erst mal so weitermachen

Solche Antworten brauchen Zeit. Also machten sie weiter, wie bisher. Sie stiegen schwanger auf Berge und aufs Mountainbike, wedelten im sechsten Monat noch Pisten runter. Es war, als würden sie die Anfangsphase einer Beziehung jetzt im Schnelldurchlauf genießen. Nur zu zweit sein, sich besser kennenlernen, wissen, dass man sich auf den*die andere*n verlassen kann, schauen, wie der*die andere tickt. Statt über Kinderwagen sprachen sie über Bike-Modelle, statt über Erziehungsthemen lieber über die besten Skitouren.

Der Bauch wuchs, der Kleine strampelte, da wollte jemand auf die Welt kommen, unbedingt.

Nach und nach erzählten sie es Familie und Freund*innen. Ihre Eltern hatten sie jeweils erst einmal getroffen, schon beim zweiten Treffen verkündeten sie, dass sie Großeltern werden würden. Überraschte Gesichter überall, mal freudig, mal ungläubig. Manchmal hatte Amelie ein schlechtes Gewissen: Einige Freundinnen wünschten sich so sehr ein Baby, aber fanden nicht den Richtigen. Und bei Amelie, für die Kinderwunsch und Familiengründung noch denkbar weit entfernt schienen, klappte es dann einfach so?

Ein Baby in der WG

Erst als der Geburtsvorbereitungskurs anstand, der Bauch so groß war, dass Amelie ihre Winterjacke nicht mehr zu bekam und der Mutterschutz begann, rückte das Elternwerden unvermeidbar näher. „Das war alles total surreal, wie im Film“, sagte Amelie. Vor ein paar Monaten waren sie noch im Freeride-Camp die Steilpisten hinuntergejagt, nun wippten sie mit fünfzehn anderen werdenden Eltern auf dem Gymnastikball der Hebamme.

Nestbau, wo gerade noch Singleleben herrschte, Strampelanzüge, wo vorher Softshelljacken hingen. Sie hatten sich zusammen in diese Situation gebracht, da wollten sie nun auch gemeinsam durch.

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Zu Beginn des Mutterschutzes zog Amelie probehalber zu Erik in seine WG. Beide wollten die letzten Wochen vor der Geburt möglichst nah beieinander sein. Die Mitbewohner freuten sich über den Zuwachs. Sogar als der kleine Tom auf die Welt kam, ein properes Kerlchen, das nachts die WG aus dem Schlaf krakeelte. Aber für Amelie und Erik fühlte es sich komisch an: Jedes Paar muss sich zunächst neu sortieren, wenn es zusammenzieht und noch viel mehr, wenn da plötzlich ein Baby ist. Noch mehr Menschen passen da einfach nicht rein. Also suchten sie sich eine neue, eigene Wohnung. Wenn schon Familienleben, dann richtig, dachten sie.

Was, wenn es diesen einen Moment nicht gegeben hätte?

Was jetzt wohl wäre, wenn sie in diesem einen Moment damals besser aufgepasst hätten? „Wir sind mittlerweile überzeugt, dass es einfach so passieren sollte“, sagt Amelie. „Wahrscheinlich hätten wir den Gedanken an Familiengründung sonst noch ewig vor uns hergeschoben“, fügt Erik hinzu.

Statt Bergtouren gibt’s nun Kinderwagenschieben, statt Freeriden babytauglichen Campingurlaub. Eine Beziehung im Schnelldurchlauf, vom ersten Kuss bis zur Familienwohnung. Sie haben sich von den Steilpisten ins Abenteuer Familie gestürzt, ohne zu wissen, ob sie heile unten ankommen. Aber sie sind weich gelandet. Nur eben etwas schneller als gedacht.