Wie es ist, einer Freundin den Typ auszuspannen – und ihr zehn Jahre später davon zu erzählen

Zehn Jahre ist es her, dass unsere Autorin einer guten Freundin den Freund ausgespannt hat. Erzählt hat sie es ihr nie – bis jetzt.

Weißt du noch, damals? © REHvolution.de / photocase.de

Hinweis: Die Namen der Personen, die in diesem Text auftauchen, wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.

Es gibt einen Haufen alter Freund*innen, die lange aus meinem Leben verschwunden sind. Ich weine ihnen keine Träne nach, denn wir werden eben andere im Laufe der Zeit. Unser Humor verändert sich, unser Musikgeschmack, unser Trinkverhalten. Alles Faktoren, die ein glückliches Auseinanderleben begünstigen. Und dann gibt es Andrea. Die hätte ich wirklich gern als Freundin behalten. Wenn ich mich nicht in ihren Typ verknallt hätte. Und das kam so:

Die Todeszone

Manchmal ist das Leben ein Disneyfilm. Da begegnen sich zwei Menschen und wissen augenblicklich: Sie sind Faust und Auge. Arsch und Eimer. Bonnie und Clyde. Zehn Jahre ist es her, dass mir Andrea in irgendeinem Kellerclub ihren neuen Typ vorstellte. „Wtf?“, hämmerte es in meinem Hirn, während mein Körper auf der Tanzfläche Contenance vortäuschte. Diese Begegnung vereinte sämtliche Klischees, die je über das schicksalhafte Aufeinandertreffen von zwei ahnungslosen Menschen bedient worden sind: Blitze schossen, Luft brannte, Herzen explodierten. Love was in the air.

Es durfte nur keiner merken, weil: Moritz war verdammt nochmal Andreas Eroberung. Und damit die denkbar ungeeignetste Person, in die ich mich verknallen konnte. Schließlich lautet das eherne Gesetz: Die Liebe kann überall hinfallen, nur Freund*innen von Freund*innen darf sie nicht treffen. Auch nicht deren Expartner*innen. Das ist Todeszone, umgeben von Minenwarnungen und Seuchenhinweisen. Verraten und verkauft sind wir in unserem Leben schon genug, da wollen wir wenigstens bei den Menschen, die uns nah sind, sicher sein, dass sie uns nicht wehtun. Oder uns was wegnehmen.

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Moritz war für mich tabu. Also tat ich so, als würde er mich nicht weiter interessieren und knutschte demonstrativ mit irgendwem anderes. Hauptsache weg da. Aber ich kam nicht weg. Jedenfalls nicht auf lange Sicht. Denn nur wenige Tage später trafen wir uns zufällig auf einem Konzert wieder. Die Gedanken an Andrea wischte ich weg. Ich ließ nur das davon über, was meine Nerven angenehm bekitzelte. Als wir Hand in Hand zu mir nach Hause schwebten, fühlte es sich an wie Pferde stehlen.

Erst am nächsten Tag, als sich die Grauschleier des Alkoholmissbrauchs lichteten, realisierte ich, was passiert war: Ich hatte Hochverrat begangen. An einer Freundin, die ich seit der fünften Klasse hatte. Das Schuld- und Schamkarussell wartete nicht, bis ich bereit dafür war. Es legte einfach los, Tempo 200, und keine Kotztüte weit und breit. Andrea wollte mit mir ins Kino, Moritz wollte mit mir was trinken gehen und ich wollte nur noch über der Kloschüssel hängen und „Ich bin ein schlechter Mensch!“ weinen. Dennoch wusste ich: Das mit Moritz konnte ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen. So plötzlich und heftig zugleich hatte es mich noch nie erwischt. Das musste was heißen.

Natürlich konnte es nicht einfach so weitergehen

Er hatte eingeschlagen wie eine Bombe – und Bomben machen leider ziemlich viel kaputt. In diesem Fall war es Andrea’s und meine Freundschaft. Nicht, weil sie etwas mitbekommen hätte – darauf achtete ich aufs Pingeligste. Ich wollte sie ja nicht verletzen. Nicht in ihren Augen als Betrügerin dastehen. Keine Auseinandersetzungen mit ihr. Ich wollte einfach, dass zwischen uns alles so bleibt, wie es war.

Es gab Anlass zur Hoffnung: Moritz machte bei ihr unauffällig die Biege – Ghosting, in Gegenwartssprache –, und weil es keinen gemeinsamen Freundeskreis gab, wären wir in absehbarer Zeit nicht in die Verlegenheit gekommen, von Andrea händchenhaltend auf irgendeiner Party überrascht zu werden. Es stellte sich heraus, dass meine Idee der totale Bullshit war. Naiver, selbstsüchtiger Bullshit. Natürlich konnte es nicht einfach so weitergehen.

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„Moritz meldet sich nicht mehr“, sagte Andrea eines Abends traurig. Ich guckte auf den Boden und zuckte unauffällig mit den Schultern. In diesem Augenblick wusste ich: Es geht nicht weiter zwischen uns. Ich hielt sie nicht aus, diese moralische Keule, zu der Andrea für mich geworden war. Diesen Spiegel, der mir mein eigenes Fehlverhalten unverhohlen um die Fresse schlug. Ich konnte mich selbst in ihrer Gegenwart nicht ertragen, und darum beschloss ich, sie nicht mehr zu ertragen. Eine von uns musste dran glauben, und dass ich diejenige sein sollte, war allein schon physisch nicht drin.

Auch das mit Moritz war zu diesem Zeitpunkt schon im Auslaufen begriffen – ja, geneigte*r Leser*in, inzwischen weiß selbst ich, dass heftigstes Gefunke kein Garant für gar nix ist. Aber das spielte keine Rolle für die Tatsache, dass die Freundschaft zwischen Andrea und mir inzwischen im Eimer war. Nach und nach ließ ich den Kontakt einschlafen und als er endlich schlief, war ich unendlich erleichtert.

Weißt du noch, damals?

Das Dornröschen ruhte ganze zehn Jahre, bis Andrea sich dazu entschloss, es wachzuknutschen. Sie würde mich gern wiedersehen, schrieb sie. Genau genommen, mich ein paar Tage besuchen, schließlich trennten uns inzwischen mehrere hundert Kilometer. Einfach so, sie habe an mich denken müssen.

Es war ein kleines Wagnis, auf das wir uns da einließen. Würden wir uns so gut verstehen wie damals? Oder uns einfach nur auf den Sack gehen, ganze drei Tage lang? Und wie würde sich mein Gewissen gebärden? Würde es Magenkrämpfe bekommen? Oder buddhistische Mönchsgesänge anstimmen? Ich war nervös. Und gleichzeitig freute ich mich, mir ein Stück meiner Vergangenheit zurück zu erobern. Denn genau so hatte es sich all die Jahre angefühlt: wie etwas, das mir unversehens abhanden gekommen war.

Ich hätte mir gar nicht so in die Hosen machen brauchen: Alles war wie früher. Nur, dass wir ein paar Lachfältchen um die Augen bekommen hatten. Und als wir schließlich am Abend mit einem Glas Wein auf dem Sofa saßen, war mir klar, dass ich es ihr sagen würde. Jetzt, sofort.

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„Weißt du noch, Moritz?“, setzte ich an. Sie musste gar nicht weiter reden, denn ich sah es auf ihrem Gesicht: Sie hatte es all die Zeit geahnt. „Ich bin doch nicht blöd, Katja. Ihr beide habt euch gesehen, und im selben Moment war ich raus.“ Sofort war die Scham wieder da. Und eine gewisse Empörung. Warum hatte sie nichts gesagt? „Weil ich ihn dann eh nicht mehr wollte. Er hat immerhin ein astreines Arschlochverhalten an den Tag gelegt. Ich dachte halt, wir beide kriegen das schon hin. Und dass du es mir selbst sagen würdest. Aber das kam ja nie.“ Da war er wieder, der Spiegel meiner Unzulänglichkeit. Ich fragte sie, was wohl passiert wäre, hätte ich es getan. Hätte unsere Freundschaft das überstanden? Schließlich löst das so allerhand aus, wenn jemand sagt: „Du, ich bin scharf auf deinen Typ. Und außerdem waren wir gestern miteinander im Bett.“

„Ich fühlte mich ganz schön verraten von dir“. Andrea seufzte. „Und ich war wütend. Aber nicht, weil du ihn mir weggeschnappt hast. Sondern, weil du nicht ehrlich zu mir warst. Ich bin mir sehr sicher, dass wir da rausgekommen wären. Was ist schließlich wichtiger: unsere Freundschaft oder irgend so ein Typ?“ Natürlich feierte ich Andrea für ihren Großmut. Natürlich war es eine unglaubliche Erleichterung, das alles losgeworden zu sein. Aber das Größte an meinem Outing war die Gewissheit: Ich habe meine Freundin wieder. Und ich hätte sie schon all die Jahre haben können.

Klar, wäre Andrea anders gestrickt, hätte sie mir damals schon die Augen ausgekratzt, um mich in einer dunklen Ecke verbluten zu lassen. Aber dann wären wir beide ungefähr gleich scheiße gewesen, und eben auch kein großer Verlust für einander. Uns beiden standen in diesem Moment die Tränen in den Augen. Andrea, weil sie froh war, dass ich endlich ehrlich war. Und mir, weil ich wusste: Wer solche Freund*innen hat, dem kann im Leben nix passieren.