Wie es ist, mit 36 Jahren Professorin zu sein

Professor*innen kommen uns häufig unnahbar vor. Doch wie ist das Unileben aus deren Sicht? Eine erst 36-jährige Professorin gibt Einblick in ihren Joballtag – der abwechslungsreicher ist als gedacht.

© Sandra Schaftner

Der Weg zur Professorin ist weit. Tessa Flatten hat ihn geschafft. © Sandra Schaftner

Es ist noch gar nicht lange her, dass Tessa Flatten selbst als Studierende in Vorlesungen saß – nun steht sie vor den Studierenden und lehrt betriebswirtschaftliches Technologiemanagement. „Meine größte Vorlesung besuchen 600 Leute“, sagt Flatten. „Dieser Perspektivenwechsel war schon witzig“.

Als Studierende hat sie immer gedacht, dass sie in der anonymen Masse untergeht und der Professor nicht sieht, was sie macht. „Aber wenn man selber da steht, merkt man ganz genau, wer gerade mit wem flirtet, wer auf Amazon etwas bestellt, wer eine Serie schaut, Mathehausaufgaben macht oder mir zuhört.“ Schön ist es für Flatten natürlich, wenn viele Studierende aktiv dabei sind. Dafür hat sie ein paar Tricks. Sie macht oft Witze und baut Live-Abstimmungstools in ihre Vorlesung ein. „Das ist dann ein bisschen so wie bei ‚Wer wird Millionär‘“, sagt sie.

„Wann kommt der Professor?“

Manche Studierende und Doktorand*innen sind etwa genauso alt wie die Professorin. Anfangs wurde Flatten oft für die Assistentin gehalten. Die Studierenden fragten dann: „Wann kommt denn der Professor?“ Flatten machte das aber nichts aus: „Solange sie mir zuhören, ist es mir egal, ob sie denken, dass ich Assistentin oder Professorin bin.“

In diesem Semester hält Flatten drei Vorlesungen mit Übungen und zwei Seminare. Doch zum Professorinnendasein gehören noch viel mehr Aufgaben. Sie betreut Abschluss- und Doktorarbeiten, trifft sich regelmäßig mit Forscherkolleg*innen und forscht selbst viel. „Das Tolle ist, dass ich jetzt genau an den Themen forschen kann, die mich interessieren.“ Sie begeistert sich vor allem für die Digitalisierung in Unternehmen.

Ein für sie spannendes Forschungsprojekt war zum Beispiel mit Unternehmen aus der Automobilzuliefererindustrie. Mit ihnen hat sie ein Tool für Innovationsmanagement entwickelt. Konkret geht es darum, dass die Zulieferer normalerweise nur mit den Automobilunternehmen, wie VW und BMW,  zu tun haben, aber nicht mit den Endkunden. Diese müssen sie im Endeffekt aber auch mit ihren Produkten überzeugen. Dabei soll das entwickelte Tool helfen.

Flattens Doktorand*innen sind kaum jünger als sie. © Sandra Schaftner

Vor ihrer festen Anstellung richtete sich Flatten meist an den Journalen aus, in denen sie publizieren wollte. Ihre Forschungsergebnisse stellt sie regelmäßig auf internationalen Kongressen in Europa und den USA vor. Kürzlich war sie in Kalifornien bei der größten Management-Konferenz. Als Dozentin und Vortragende war Flatten auch schon in Indien und Äthiopien. Damit sie den Bezug zur Praxis nicht verliert, trifft sich Flatten oft mit Unternehmer*innen. Sie Aufsichtsrätin in einem Unternehmen. Außerdem wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten in Düsseldorf und pendelt jeden Tag nach Dortmund.

Als Professorin hat sie also einiges zu tun. „Das ist oft stressig und anstrengend, aber auch cool“, meint Flatten. Neuland ist für die meisten Professor*innen vor allem die hochschulinterne Politik. „Eine Universität muss sich selbst verwalten, Personal einstellen und die Lehre verändern“, erklärt Flatten.  Sie nimmt am Fakultätsrat, an Hochschullehrersitzungen und an Berufungskommissionen teil. In diesen wird zum Beispiel entschieden, welche Professor*innen als Nächstes aufgenommen werden.

Der entscheidende Brief

Der Weg zur Professur ist lang – von der Bewerbung über den Ruf bis hin zu den abschließenden Verhandlungen und der Vertragsunterzeichnung. Flatten ist froh, dass sie diese Arbeit hinter sich hat. „Zuerst einmal muss man ganz viele Punkte im Lebenslauf abgehakt haben“, erklärt sie. Dazu gehört, in möglichst angesehenen Journalen zu veröffentlichen, viel auf internationalen Konferenzen vorzutragen, im Ausland zu lehren, bei Forschungsprojekten mitzumachen und gute Lehrevaluationen zu haben.

Dann kann die Bewerbung beginnen. Diese Phase dauerte bei Flatten knapp ein Jahr. Ende 2014 erhielt sie schließlich den „Ruf“ an die Uni Dortmund. „So ein Ruf ist eigentlich nur ein Brief, ein Stück Papier, auf das man sehr lange hingearbeitet hat“, sagt Flatten. Von außen war es ein normaler Umschlag, aber darin befand sich dickes, geprägtes Briefpapier mit dem Uni-Siegel und etwa den Worten: „Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass sie auf die ausgeschriebene Professur Betriebswirtschaftliches Technologiemanagement berufen worden sind.“

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Danach verhandelte Flatten mit der Uni über ihr Personal und ihre Geldmittel, zum Beispiel für die Büroausstattung. Als alles geklärt war, unterzeichnete sie ihren Vertrag und wurde verbeamtet. Das ist in Nordrhein-Westfalen so üblich. Außerdem musste sie einen Eid leisten. „Ich musste auf das Gesetzbuch schwören und sagen, dass ich meinen Rechten und Pflichten nachkommen werde“, erzählt Flatten. Das geschah auf einer Feier mit weiteren neuen Professor*innen, der Rektorin und Dekan*innen.

Bis sie etwa 30 Jahre alt war, wollte Flatten Unternehmerin werden. Das änderte sich, als ihr das Schreiben ihrer Doktorarbeit sehr viel Spaß  machte. Sie fand außerdem die Lehrveranstaltungen ihres Doktorvaters inspirierend. „So wie er wollte ich es auch irgendwann machen“, sagt Flatten. Sie möchte auf jeden Fall weiterhin als Professorin an der Uni bleiben. Vielleicht sogar bis zur Rente.