Wie es ist, nach der Trennung mit dem Ex zusammenzuwohnen

Heute blicke ich mit einem Lächeln auf die Zeit zurück, vielen meiner Freund*innen geht es leider anders: In der gleichen Wohnung mit dem*der Ex festzusitzen, kann extrem an den Nerven zerren.

WG

Freunde? Mitbewohner? Liebende? Manchmal sind die Übergänge fließend – und trotzdem schmerzhaft. © Toa Heftiba / Unsplash

Wir waren zu sechst in der WG, ich bin kurz nach ihm eingezogen. Nach knapp einem Jahr verstanden Ben, 25, und ich, 26, uns so gut, dass wir es mit einer offenen Beziehung probierten. Die folgenden acht Monate waren schön, die Trennung kam für mich unerwartet. Ich fand, dass wir noch nicht genug an unserer Beziehung gearbeitet hatten – er sah das anders. Es war kurz vor Weihnachten. Es war furchtbar. Und zwischen uns stand bloß eine weiße Wand.

Ähnlich ging es Max. Nachdem er mit seiner Freundin zusammengezogen war, hielt ihre Beziehung eineinhalb Jahre, bevor sie zerbrach. In der Wohnung blieben sie beide – der Mietvertrag fesselte sie, zu Mutti wollten sie auch nicht zurück. „Das war gar nicht geil“, erzählt der 30-Jährige. „Man hat sich belauert, war eifersüchtig und destruktiv. Der Haushalt hat nicht mehr funktioniert und von gegenseitiger Rücksichtnahme kann gar keine Rede sein.“ Drei Monate ging das so.

Noch eine Nummer härter erlebte Simon, 52, seine Trennung. Sehr zum Leid seines Mitbewohners tobte nach knapp fünf Jahren Beziehung Streit in der Wohnung. Irgendwann tauchte seine Ex mit ihrem angeblich schwulen Freund auf, der die kommenden Monate einfach blieb. Und plötzlich war sie schwanger. „Das war natürlich richtig mies. Ich habe mich belogen, betrogen, emotional und finanziell ausgenutzt gefühlt. Der Typ hat nicht mal Klopapier gekauft.“ Aber Simon hatte auch kein Geld für einen Umzug. „Ich hab drei Kreuze gemacht, als die endlich ausgezogen sind!“

Die ganze WG leidet mit

So krass lief es bei mir zum Glück nicht. Die ersten Wochen floh ich aus meiner WG. Ich schlief bei Freund*innen und fuhr für die Festtage früher als geplant in meine Heimat. Ich heulte viel. Als ich zurück war, warf ich manchmal Dinge gegen die Wand, die sein Zimmer von meinem trennte. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so mitnehmen würde. Was mir an der Situation aber besonders leid tat: Meine WG bekam alles mit und die bedrückte Stimmung breitete sich auf alle aus.

Das weckte in mir den Wunsch, unser Zusammenleben könnte wieder so unbeschwert sein wie früher. Mir fiel auf, dass Ben und ich vor der Beziehung besser funktioniert hatten. Früher saßen wir oft zu zweit auf der Schlossmauer, tranken Rotwein, gingen in den Wald zum Geocashen oder ins Open-Air-Kino. Während unserer Beziehungszeit taten wir nichts davon. Und mir wurde klar, dass ich unsere Freundschaft retten wollte.

Der Schmerz ist zu groß

Mit dem*der Ex-Partner*in zusammenzuwohnen ist immer schwierig. Bernd Nixxdorff, Psychotherapeut der Universität Hamburg, glaubt daran, dass es sich dabei eher um Übergangsfälle handelt. „Das sind meiner Erfahrung nach keine langfristigen Modelle, die auch immer äußerst kompliziert sind.“ Häufig sei es ja so, dass eine Trennung von einer Person ausgehe und für die andere der Schmerz dann einfach zu groß sei.

Ein Freund erzählte mir, wie er während eines One-Night-Stands vom Ex seines Sexpartners mehr oder weniger aus dem Bett geworfen wurde. Er hatte nicht gewusst, dass seine Kneipenbekanntschaft noch mit seinem Ex zusammenwohnte – und sich sogar den Schlafplatz teilte. Als er nachts nach Hause kam, stolperte er also in ein Zimmer mit zwei Nackten. Das Drama war natürlich groß. „Am Anfang fand ich’s ja echt noch lustig, aber im Nachhinein hatte ich doch ein schlechtes Gewissen“, stellte mein Freund fest. „Es fühlte sich einfach nach Betrug an.“

Auch Nixxdorff hat in seinen Beratungen bisher kaum gute Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Bei einer gewissen Stabilität, vor allem in den einzelnen Persönlichkeiten, könne das Zusammenleben schon funktionieren. „Ich glaube, es ist auch wichtig, dass keine Verletzungen mehr vorhanden sind, die nicht bearbeitet wurden. Es darf sozusagen keine Reste aus der Beziehung mehr geben.“

Reden hilft – manchmal

So ähnlich habe ich es auch erlebt. Eines Tages klopfte ich mit einem Sixpack Bier im Arm an Bens Tür und forderte: „Du musst mit mir reden. Das bist du mir schuldig.“ Es war das beste Gespräch, das wir je hatten. Wir quatschten stundenlang, ich heulte und lachte und fühlte, wie mir ein dicker Brocken vom Herzen fiel. Natürlich hatte ich danach immer noch ab und zu Sehnsucht nach ihm, aber ich kam damit klar.

Fast ein Jahr wohnten wir nach der Trennung noch zusammen. Aber dann lernte er jemanden kennen. Seine neue Beziehung führte mir all die Dinge vor Augen, die bei uns nicht funktioniert hatten. Ich hatte nichts gegen seine Neue – im Gegenteil –, aber ich bekam auf einmal schwere Selbstzweifel. Und es kam alles wieder hoch. Ich sagte ihm, dass mich das verletzen würde und schwieg ihn die kommenden Tage an. Ich sah, wie auch ihn das mitnahm, wie es ihm leid tat und wie er es gutmachen wollte. Aber dafür war es zu spät. Ich fasste den schmerzhaften Entschluss, auszuziehen. Auch, weil ich meine Freundschaft zu Ben nicht aufs Spiel setzen wollte. Ich brauchte einfach Abstand.

Freundschaft gewinnt

Für Nixxdorff ist das ein typisches Beispiel. Dass es eben eine Zeit lang gut gehen könne, aber im Normalfall früher oder später eine der Personen sich schließlich doch entscheidet, auszuziehen. „Das wichtigste Kriterium bei so einer Sache ist, dass es keine Differenzen gibt, dass Dinge besprochen werden“, meint Nixxdorff. Nur dann könne das mit der Freundschaft funktionieren. Er habe das auch erlebt, aber eben „meist nach einem gewissen Abstand.“

Inzwischen ist knapp ein Jahr seit meinem Auszug aus der WG vergangen. Ich bin über Ben hinweg. So sehr, dass er mich nach meiner Nacht fragt und ich ihm antworte, dass er seiner Freundin einen Gefallen tun und mit dem Drei-Tage-Bart aufpassen soll, weil die Stoppeln beim Knutschen trockene Haut und Pickelchen am Kinn machen. Er ist wieder mein Freund. Aber eben auf eine ganz andere Art. Und das ist auch gut so.