Wie es sein kann, dass wir uns mitten in einer Beziehung in jemand anderen verlieben

Eigentlich ist alles okay, wir sind verliebt und zufrieden. Und das schon seit längerer Zeit. Doch plötzlich verlieben wir uns in eine andere Person – wie kann das sein und als wie beunruhigend sollten wir eine solche Verliebtheit empfinden?

Warnsignal für die eigene Beziehung? Pexels I C00-Lizenz

Erst habe ich es nicht so ernst genommen. Erst habe ich nur gesagt: „Das passiert eben mal. Und so ein bisschen Verliebtheit ist doch auch schön, genieß es doch einfach.“ Was man eben so sagt, wenn ein guter Freund gesteht, er hätte sich verliebt. Nur eben nicht in seine Freundin. Sondern in eine andere Frau. Ach, verlieben, dachte ich. Wir erleben immer mal wieder kleine Verliebtheiten und das muss noch lange nicht heißen, dass die Beziehung gefährdet ist. Abgehakt, dachte ich.

Falsch gedacht. Denn nur ein paar Wochen später war die Angelegenheit schon eskaliert. S. saß vor mir und zappelte in Lehrbuch-Verliebtheit auf seinem Stuhl. „Und die ist so toll … und so witzig … und wir können stundenlang reden!”, adorierte er vor sich hin. „Und was ist mit M.?”, fragte ich. Tja. Da war S. auf einmal still.

Wie aus heiterem Himmel

Das ist nun schon Monate her. Aber das Thema lässt mich nicht wirklich los. Auch, weil ich ähnliche Geschichten immer mal wieder höre. Von Paaren, die allem Anschein nach in einer okay-glücklichen Beziehung sind, sich aber plötzlich trennen, weil der*die eine sich in jemand anderen verliebt hat. Kann das einfach so passieren? Ist das dann eben so? Oder steckt hinter diesem scheinbar urplötzlichen Verlieben vielleicht doch etwas ganz anderes?

„Es geht beim Verlieben aus einer Beziehung heraus selten wirklich um die Person, in die man sich verliebt, sondern darum, wie man sich selbst fühlen will”, erklärt mir Ankha Haucke, Paartherapeutin mit eigener Praxis in Köln. „Es ist ein unbewusster Lösungsversuch in Bezug auf seelische Notlage. Das Gefühl, was dahintersteckt ist, dass es Stagnation in der Beziehung gibt, man glaubt, nicht man selbst sein zu können. Häufig fühlt man sich nicht wertgeschätzt und nimmt dabei selbst die eigenen Bedürfnisse nicht ernst.”

Verlieben tut gut

Was Ankha Haucke im Gespräch beschreibt, kommt mir sehr bekannt vor. Genauso war mir nämlich auch S. erschienen, in seiner überstürzten Verliebtheit. Und ich kann es ihm noch nicht mal verdenken. Es tut schließlich gut, sich auf einmal anders zu fühlen. Aufregender, begehrter. Gefühle, die uns Verliebtsein frei Haus liefert. Denn wer neu verliebt ist, kann sich vorkommen wie Super Mario, der gerade einen Unverwundbar-Stern berührt hat. Man blinkt und strahlt, nichts kann einem etwas anhaben. Das Gefühl lieben wir – es erscheint uns wie eine Chance, eine verfeinerte Version des Ichs nochmal ganz neu in die Welt projizieren zu können.

Der*die alte Partner*in wirkt dagegen wie ein Schattenwerfer auf dieses Selbst. Frisch verliebt hingegen fühlen wir uns, wie wir uns fühlen möchten. Und das empfinden wir als genau richtig. So soll es sein. Diesen Eindruck halten wir dann mit der Autorität des*der frisch Verknallten allen Bedenkenträger*innen entgegen.

Was wollen wir von der Beziehung?

In der eigentlichen Beziehung fühlt man sich entsprechend nicht mehr wahrgenommen, die eigenen Bedürfnisse scheinen keinen Raum mehr zu haben. Und daher geht es, so wird mir im Gespräch mit der Paartherapeutin deutlich, bei so einem plötzlichen Verlieben nicht um etwas, das eben mal passiert. Sondern im Grunde darum, dass wir in einer Beziehung etwas vermissen. Uns auch ein Stück weit selbst vermissen. Klingt auch einleuchtend, aber was macht man dann?

[Außerdem auf ze.tt: Platonische Beziehung – Geht das überhaupt?]

„Ein erster Schritt wäre bei sich zu gucken, was ist mit mir? Wie spüre ich mich? Was ist die Facette, die ich vielleicht nicht gelebt habe in der Beziehung? Was möchte ich in mir entwickeln und verändern?”, rät Ankha Haucke. Beziehungen müssten auch immer wieder neu justiert werden. Aber was wir eigentlich wissen, erfordert auch große Ehrlichkeit. Und zwar nicht nur Ehrlichkeit in Bezug auf unsere eigenen Bedürfnisse, sondern auch Ehrlichkeit mit den eigenen Schwächen.

Eine Verliebtheit in eine Außenperson kann diese Schwächen natürlich zunächst ganz herrlich ausblenden – wer sich zurückverliebt fühlt, der badet wie Siegfried in Drachenblut und schert sich nicht um die Stelle, an der man immer verwundbar bleiben wird. Dem manchmal zarten Pflänzchen Ich.

Eine neue Chance

Dabei bietet so eine Verliebtheit eigentlich auch eine große Chance für die bestehende Beziehung und dafür, unsere Bedürfnisse zu Recht kommen zu lassen. „Wir Menschen entwickeln uns nunmal nur unter Leidensdruck weiter. Deswegen braucht es oft die Angst, es könnte sein, dass es eine andere Beziehung gibt, als Impuls nochmal zu schauen, wie kann es zwischen uns nochmal lebendiger und spannender werden”, erklärt Ankha Haucke.

[Außerdem auf ze.tt: Woran es liegt, wenn wir am Beziehungsende nichts mehr fühlen]

Wer sich in einer Beziehung nach außen verliebt, sollte also grundsätzlich erstmal die eigentliche Beziehung befragen. Zumindest als Anregung sollten wir ein solches Verlieben verstehen, meint Ankha Haucke, als „Gelegenheit zu bilanzieren: Wie kann es gehen, dass ich das im Rahmen meiner bestehenden Beziehung habe?”

Damit ist zwar nicht gesagt, dass die Arbeit an der bestehenden Beziehung auf jeden Fall funktioniert – aber es führt uns, so scheint mir, eben doch wieder auf meinen Lieblings-Truismus zurück: Wer sich nicht mit seinen eigenen Bedürfnissen auseinandersetzt, wer nicht fragt, wer man selber sein will und die Antworten darauf auch aushält, dem kann das kein*e Partner*in der Welt abnehmen.