Wie es sich anfühlt, gekündigt zu werden

Gekündigt zu werden gehört zu den traumatischsten Erfahrungen des Berufslebens. So fühlt es sich an.

Pixabay/CC0

In unserer Gesellschaft wird man über das definiert, mit dem man sein Geld verdient. Was passiert, wenn man gekündigt wird? Pixabay/CC0

Vor einem Jahr wurde ich entlassen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Die Nachricht kam unerwartet. Es hatte sich nichts angebahnt, alles lief wie immer. Klar, die wirtschaftliche Situation des Unternehmens war nicht rosig, aber das war sie nie. Und in den letzten Wochen wurden sogar neue Projekte angestoßen. Als unser Team um einen Tisch versammelt wurde, vermutete ich, unser Chef würde uns vielleicht für einen besseren Job verlassen. Doch die Botschaft lautete anders.

Kurzfristig habe ein Investor Gelder zurückgezogen, radikale Einsparungen gefordert. Fünf Entlassungen sollte es geben – fast die Hälfte des Teams müsse somit gehen. Stille. Auch wenn noch keine Namen verkündet wurden, war ich sicher, dass ich dabei war. Schließlich war ich erst ein Jahr im Team. Einige Minuten später bekam ich die Gewissheit, schwarz auf weiß auf meinem Bildschirm: Bitte komm in einer Stunde ins Besprechungszimmer. Das war’s, ich war dabei, meinen Job zu verlieren.

Entlassen zu werden zählt zu den traumatischsten Erfahrungen des Berufslebens. Es heißt, für Berufseinsteiger sei es besonders schlimm, doch ich denke nicht, dass es später leichter fällt, gekündigt zu werden. Die Situation ist überfordernd. Auf einmal schießen unzählige Fragen und Sorgen durch den Kopf: Was habe ich falsch gemacht? Wie geht es weiter? Gleichzeitig müssen alle möglichen Formalitäten geregelt werden. Doch das wirklich Schlimme an einer Kündigung: Man fühlt sich wie ein Versager, und das persönliche Umfeld verstärkt dieses Gefühl oft sogar.

Bürokratie statt Melancholie

Der Tag, an dem ich entlassen wurde, fühlte sich an wie ein ziemlich schlechter Film. Nachdem ich die E-Mail von meinem Chef erhalten hatte, wollte ich erst einmal raus, bloß nicht bei Totenstille im Büro sitzen, die mitleidigen Blicke derer ertragen, die aus irgendeinem Grund bleiben durften. Um aber auch nicht melancholisch durch die Straßen zu wandern und vor dem Gespräch mit meinem Chef zu emotionalen Höchstformen aufzulaufen, rief ich meine Freundin Conny an. Da sie sich sehr gut mit Arbeitsrecht auskennt, läuteten für sie beim Wort „Kündigung“ die Alarmglocken. Statt mich mit Bemitleidungen noch tiefer in die Misere zu reiten, klärte sie mich über meine Rechte auf.

So konnte ich das eigentliche Kündigungsgespräch emotional regelrecht an mir abprallen lassen. Mein Chef beteuerte, wie leid es ihm tat und dass er selbst von der Entscheidung des Investors überrumpelt wurde. Mit mir persönlich und meinen Leistungen hätte die Entlassung sicher nichts zu tun. Doch ich nahm seine Worte gar nicht richtig wahr, mein Gehirn rief bereits ab, was mir meine Freundin zuvor eingetrichtert hatte: „Unterschreibe nichts, bevor du nicht mit einer Rechtsberatung gesprochen hast. Und bestehe darauf, dass du freigestellt wirst, sonst musst du die Arbeitszeit bis zum letzten Tag absitzen.“ Die Tipps waren nicht nur hilfreich, sondern auch der perfekte Selbstschutz. Natürlich verletzten mich die Worte meines Chefs, aber das zeigte ich nicht. Meine Gedanken waren woanders.

[Außerdem auf ze.tt: Wie du neben Studium und Job gratis reisen kannst – und auch noch dafür bezahlt wirst]

Nach dem Gespräch packte ich meine Sachen und verließ das Büro, das keine Verwendung mehr für mich hatte. Mit einem bewegenden Hollywood-Abgang konnte ich mich allerdings nicht trösten. Für die paar Dinge auf meinem Schreibtisch brauchte ich nun wirklich keine Kiste, und schließlich musste ich am nächsten Tag noch einmal kommen, um meine Ausgleichsvereinbarung zu unterschreiben. Bürokratie stiehlt Drama.

Durchatmen und dem Sturm stellen

Nachdem ich das Büro verlassen hatte, erwachte ich langsam aus meiner Schockstarre. Und dann war ich einfach nur sauer. Hatte ich nicht alles gegeben für diesen Job? Sogar in meiner Freizeit hatten mich viele Arbeitsthemen immer wieder verfolgt, und erst kürzlich hatte ich eine andere berufliche Chance verstreichen lassen, weil mir mein Chef neue Perspektiven aufzeigte. Und das war nun der Dank?

Zu Hause verdrückte ich ein paar Wuttränen, verwandelte meinen Ärger später in knallharte Schmetterbälle beim Tennis und zurück zu Hause schließlich in melancholische Trauer bei Schnaps und britischer Gitarrenmusik. Nach ein, zwei Tagen Gefühlschaos dachte ich, das Schlimmste wäre überstanden. Doch tatsächlich stand es mir noch bevor: die frohe Botschaft meinem Umfeld zu verkünden. Allen voran: meinen Eltern.

Sie waren doch so erleichtert gewesen, dass ihre Tochter mit einem geisteswissenschaftlichen Studium überhaupt irgendeinen Job gefunden hatte. Und mit einem unbefristeten Vertrag, dachten sie – wie so viele ihrer Generation –, dass ich mein Leben lang bei diesem Arbeitgeber beschäftigt bleiben würde. Es konnte also nur einen einzigen Grund geben, weshalb ich entlassen wurde: „Hat die Firma dicht gemacht?“ Ich wünschte damals, es wäre so gewesen. Es hätte mir so viel erspart. „Nein.“

Doch tatsächlich waren es nicht die besorgt-enttäuschten Blicke meiner Eltern, die mich als Reaktion auf meine Entlassung am meisten beschäftigten. Es waren die von Freunden. Einige reagierten regelrecht geschockt und fragten tatsächlich: „Was hast du denn gemacht?“ Genau solche Reaktionen führen zu diesem miesen Gefühl voller Selbstzweifel: War ich nicht gut genug für unsere fleißige Arbeitsgesellschaft? Warum hat mich das System ausgespuckt? Werde ich jemals wieder den Weg zurück finden?

Hör auf diejenigen, die dich wirklich kennen

In unserer Gesellschaft wird man als Mensch über das definiert, mit dem man sein Geld verdient. Wer sich nur genügend anstrengt, wird dafür auch belohnt, heißt es. Das haben wir so verinnerlicht, dass wir uns selbst geradezu schämen, wenn wir aus dem System ausgestoßen werden – egal ob wir nun selbst schuld waren, oder das Unternehmen einfach nicht gut gewirtschaftet hat. Diese Einstellung führte auch dazu, dass mein guter Freund Andi seinem Bekanntenkreis erst drei Monate nach seiner Entlassung erzählte, was ihm passiert war – als er einen neuen Job gefunden hatte. Erst als er wieder Teil des Systems war, traute er sich zuzugeben, dass er das Hamsterrad kurzzeitig verlassen hatte. Macht ja nichts, bist ja wieder aufgesprungen.

[Außerdem auf ze.tt: Welche Jobs auf Tinder die meisten Likes bekommen]

Immerhin – von denjenigen, die mich wirklich gut kannten, hörte ich nach meiner Kündigung immer wieder eines: Das war das Beste, was dir passieren konnte. Sie hatten Recht. Ich hatte keine finanziellen Verpflichtungen – war kinderlos, musste keinen Kredit abbezahlen. Und ich bin ohnehin nicht mehr glücklich mit meiner Arbeit gewesen. Aber hätte ich den Mut gefunden, selbst konsequent einen Schlussstrich zu ziehen?

Alles auf Anfang: Gestalte dein Leben neu

Durch die Kündigung wurde ich gezwungen, mich neu zu orientieren. Das hat gut getan, denn erst dadurch habe ich gemerkt, wie sehr ich vom Kurs abgekommen war. Ich habe aus dieser Erfahrung gelernt, dass ich erst einmal nicht mehr von einem einzigen Arbeitgeber abhängig sein will. Stattdessen wähle ich selbst, mit wem ich zusammenarbeite, in welche Projekte ich meine Zeit gerne stecken möchte und investiere in meinen zuverlässigsten Auftraggeber: mich selbst.

Eine Kündigung kann auch immer eine Chance sein. Für einen Neuanfang, für Selbstreflexion, dafür, sich zu überlegen, ob man außer einem Teil des Systems eigentlich noch jemand anderes ist oder sein will, ob man sich nicht über mehr definiert als über einen Job. Ja, hier spricht es wieder, das angebliche Mantra der Generation Y. Doch es ist ein gutes, und nicht nur die Jungen sollten es sich zu Herzen nehmen: Arbeit allein ist nicht unser Leben.