Wie es sich anfühlt, wenn die beste Freundin einfach aus dem Leben verschwindet

Unsere Autorin wurde geghostet. Und zwar nicht von einem belanglosen Tinder-Date, sondern von einer wichtigen Freundin. Das tut verdammt weh.

Keine Antwort. Was soll der Scheiß? Unsplash CC0-Lizenz

Wir waren ziemlich dicke, Ana* und ich. Studierten gemeinsam, fuhren in den Urlaub und erzählten uns alles. Am Wochenende hingen wir zusammen auf meiner Couch, aßen Pommbären und schauten uns Filme mit Lindsay Lohan an. Ana und ich, ja wir waren richtig gute Freundinnen. Ich mochte sie, weil sie so ehrlich war, irgendwie viel reifer als alle anderen. Sie wusste auf jedes Problem eine Antwort und war immer für mich da. Wir erzählten uns Sachen, für die wir uns schämten. Obwohl sie jünger war, wurde sie zu einer Art großen Schwester für mich.

Mit der Zeit bekam ich immer häufiger Nachrichten von Freund*innen, die wissen wollten, ob es Ana gut gehe, sie antworte ihnen nicht mehr. Ich fragte Ana. Alles okay, erklärte sie mir, sie habe gerade keinen Bock auf die Leute und brauche Abstand. Dann schmiss Ana die Uni und von einen Tag auf den anderen, war ihr Platz neben mir leer. Alle fragten mich, wo Ana sei und warum sie sich bei niemandem melde. Ich wusste keine Antwort, schließlich ist „Sie hat keinen Bock auf euch“ nicht gerade gesellschaftskonform. Bei mir meldete sie sich weiterhin. Wir reisten sogar noch zusammen nach Istanbul.

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Wenige Tage nachdem wir wieder zu Hause waren, ging sie nicht mehr an meine Anrufe und es erschienen keine Häkchen mehr unter den Nachrichten an sie. Zuerst war ich sicher, dass es dafür eine Erklärung gibt: Handy kaputt oder gestohlen, was auch immer. Darum schrieb ich ihr auf Facebook. Dann E-Mails. Schließlich kontaktierte ich ihre Schwester und ihren Freund und kam mir ziemlich lächerlich vor. Auch sie konnten mir nicht weiterhelfen, außer zu bestätigen, dass sie noch am Leben war. Erst sehr viel später gestand ich mir ein, was da wirklich abging: Ana hatte mich geghostet. Sie hat unsere Freundschaft einfach beendet, ohne irgendeiner Erklärung. Selbst den berühmt berüchtigten Schluss-Mach-Post-it von Burger an Carrie in Sex and the City hätte ich noch dankend angenommen. Es wäre zumindest ein Zeichen gewesen. Aber von Ana kam nichts. Gar nichts seit drei Jahren.

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Was mir passiert ist, passiert vielen Menschen – in Freundschaften, beim Dating und manchmal sogar in Beziehungen. Das Urban Dictionary beschreibt den Begriff des Ghostings so: „Der Akt der plötzlichen Aufhebung der Kommunikation mit jemandem. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Person realisiert, dass kein Kontakt mehr erwünscht ist, ohne es der Person mitteilen zu müssen.“ Ghosting sei nicht spezifisch für ein Geschlecht oder eine Altersgruppe, stehe aber in engem Zusammenhang mit den Reife- und Kommunikationsfähigkeiten des Menschen.

Ghosting ist eine Mischung aus sozialer Inkompetenz und Überforderung.

In Wahrheit ist es aber auch einfach ein sehr gemütlicher Weg: Kontakt geblockt, Konflikt weg, man braucht sich um nichts kümmern und vor allem nicht ehrlich über Gefühle zu sprechen. „Ghosting ist eine Mischung aus sozialer Inkompetenz und Überforderung“, erklärt Bastian Roet vom Berufsverband Deutscher Soziologen der Deutschen Presse Agentur  im Artikel Phänomen „Ghosting“ – Schlussmachen für Feiglinge? Von außen wirke Ghosting häufig irrational, doch tatsächlich würden Ghoster*innen die Vor- und Nachteile des Handelns ganz genau abwiegen. In der Regel habe er*sie einfach keine Lust, sich mit der anderen Person zu beschäftigen und gehe darum einer Aussprache bewusst aus dem Weg. „Dieses Verhalten ist einfach nur rücksichtslos und feige“, erklärt auch die Kieler Diplom-Psychologin Svenja Lüthge im selben Artikel.

Warum uns das so weh tut, ist auch aus psychologischer Sicht erklärbar. Da man nicht weiß, was vorgefallen ist, springt ein System an, das Psycholog*innen social monitoring system nennen. Dabei sucht der Mensch im Fall des Ghostings verzweifelt nach Anhaltspunkten und eignen Fehlern. Durch dieses Scannen wird der Selbstwert ermittelt und festgestellt, ob Beziehungen in Gefahr sind. „Ghosting ist nicht fair, das hat niemand verdient“, meint dazu Diplom-Psychologin Lüthge. Laut ihr käme dieses verhalten aber nicht immer aus dem heiteren Himmel, sondern es gebe durchaus Anzeichen im Vorhinein dafür: Etwa wenn jemand nach einem Streit wochenlang nicht spreche oder Konflikten generell aus dem Weg gehe. „Auf jeden Fall kann man froh sein, eine Person, die so etwas tut, los zu sein.“

Ghosting gab es schon immer, war früher aber schwieriger

Zuverlässige Studien zum Thema Ghosting fehlen noch. Eine Umfrage von Elle sagt jedoch, dass rund jede*r zweite junge US-Bürger*in bereits verschwunden ist – und für andere zum Geist wurde. Gab es dieses Davonlaufen vor Menschen und Konflikten auch in Zeiten vor der Digitalisierung? Natürlich war es vom Festnetztelefon ohne Rufnummernerkennung zu Whatsapp, Facebook und Co. ein weiter Weg. Heute kann man ganz genau entscheiden mit wem man wie kommuniziert und einfach Menschen blockieren. Eine weitere Theorien ist, dass gerade beim Dating, die Barriere durch Dating-Apps gefallen ist. Dort lernt man jemanden mit wenigen Klicks kennen und kann die Person auch genauso schnell wieder verschwinden lassen.

Dabei so zu tun, als würden das nur die Anderen ghosten, bringt aber auch wenig. Schließlich hat jede*r schon Anrufe weggedrückt, Nachrichten ignoriert oder einfach auf Kontaktversuche gar nicht bis viel zu spät geantwortet. Auch ich selbst. Also warum machen wir solche Arschloch-Aktionen, anstatt zu unseren Gefühlen zu stehen? Weil es einfach sehr bequem ist.  Ein Klick und der Anruf geht an die Mailbox. Das macht man so lange, bis man wieder Bock hat. Problematisch dabei ist aber, dass man die Gründe, warum man keine Lust auf eine Person hat, nicht reflektiert. Und gleichzeitig dem gegenüber die Chance nimmt, etwas dagegen zu tun.

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Die Slate-Autorin Amanda Hess sieht hingegen einen Sinn hinter dem Phänomen Ghosting: Was digitale Beziehungen angehe, würde der Rhythmus der Konversation fast so viel wie der Inhalt selbst aussagen, meint sie. Vor allem junge Nutzer*innen seien fast immer in der Lage, schnell zu antworten. Wenn man die Kommunikation jedes Mal selbst starten müsse oder das Gegenüber nicht zurückschreibt, sei die Person einfach nicht interessiert und das müsse man eben akzeptieren.

Mir fällt das schwer. Machmal stalke ich Anas Fotos, denke an sie, vermisse sie und fühle mich ein bisschen wie eine hysterische Ex-Freundin. Ich lese die Kommentare unter ihren Bildern und freue mich, wenn sie etwas schreibt. Denn das bedeutet, dass sie noch lebt und im Stande ist, Fotos hochzuladen. Was mich hingegen unglaublich wütend macht, ist die Tatsache, das sie zwar scheinbar kein Teil meines Lebens sein will, aber trotzdem noch etwas davon sehen will. Sie sieht jede Instagram-Story und likt meine Bilder. Social-Media macht Ghosting auf mehreren Ebenen kompliziert. Schließlich kann man dort mit Menschen sowohl aktiv als auch passiv kommunizieren. Und dass Ana mein Leben beobachtet und likt, stellt die Frage, warum sie mich geghostet hat wieder in den Vordergrund. Sie zerfleischt mich regelrecht.

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Zweimal hat sich Ana übrigens gemeldet. Oder es zumindest versucht. Einmal mitten in der Nacht als ich schlief. Das zweite Mal an einem Nachmittag. Als ich sie Sekunden später anrief, ging sie nicht mehr ran. Am meisten ärgert mich an der GhostingGeschichte, wie ich mich dabei verhalte. Bei jeder Nachricht ermahne ich mich selbst. Jede Nachricht endet darum mit, „Heute schreibe ich dir zum letzten Mal“. Und jede Nachricht bleibt ungelesen. Und so schwebt Ana in meinem Leben wie ein Geist. Sie will nicht hier sein, aber auch nicht weg und auch ich weiß mittlerweile nicht mehr, was mir lieber wäre.

Manchmal frage ich mich, was ich machen würde, wenn ich Ana auf der Straße, im Club oder der Bahn treffe. Meine Gedanken schwenken irgendwo zwischen einem Schlag ins Gesicht und einer Umarmung, aus der sie nie wieder entlasse.

*Name geändert