Wie es sich für Eltern anfühlt, wenn ihre Kinder den Kontakt abbrechen

An einem Tag scheint alles in Ordnung. Am nächsten bricht eine Welt zusammen. Über Eltern, die von ihren Kindern verstoßen wurden.

Wenn die Kinder den Kontakt abgebrochen haben, müssen Eltern irgendwie weiterleben. Auch wenn es schwer fällt. © Tommy Lee Walker / photocase.de

Plötzlich Funkstille

1996. Roswitha Prömper klingelt an der Haustür ihres Sohnes. „Wir waren verabredet. Ich stand vor der Tür und er machte nicht auf. Er machte stattdessen die Musik lauter. Da habe ich erst einmal gedacht: Der hat heute einen schlechten Tag.“ In den folgenden Tagen und Wochen versucht sie ihren Sohn zu erreichen. Mails bleiben unbeantwortet und die Telefonnummer hat er geändert. Auch zu seinen Geschwistern und dem Rest der Familie bricht er den Kontakt unvermittelt ab. Eine Erklärung für sein Verhalten bleibt aus.

Zu diesem Zeitpunkt ist Roswitha Prömper noch davon überzeugt, die Einzige zu sein, der das passiert ist. Denn damals spricht kaum jemand darüber, heute gibt es mehr Offenheit. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele andere. Schätzungsweise 100.000 Familien leiden unter diesem Phänomen, was noch immer als Tabu-Thema gilt: Eltern, die von ihren Kindern verlassen werden.  Eine Gleichgesinnte findet Roswitha Prömper, damals eher zufällig, vor ihrer Haustür. Ihrer Nachbarin ist es auch passiert.

Sie macht Prömper auf einen Zeitungsartikel aufmerksam, in dem verzweifelte Mütter Betroffene suchen, um sich auszutauschen. So entsteht 2012 in Berlin die Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern“. „Erst habe ich gedacht: Selbsthilfegruppe, so ein Quatsch! Dann fand ich das doch sehr interessant und es hat mir gut gefallen“, erzählt Prömper. So gut, dass die heutige Rentnerin Vorsitzende der Gruppe ist.

Trauerphasen

Ähnlich erging es Angelika Kindt. Per E-Mail teilte ihre Tochter ihr mit, dass sie keinen Kontakt mehr wünscht. „Das fand ich so absurd. Ich habe erst mal eine Freundinnen angerufen und ihr das vorgelesen, weil ich das gar nicht glauben konnte. Diese Freundin hat mich auch unterstützt und gesagt, das sei doch gar nicht der Stil meiner Tochter“, erzählt sie.

Auch für sie kam das alles völlig unerwartet. „Ich habe dann das gemacht, was viele tun: Wenn Leute nach ihr gefragt haben, habe ich behauptet, sie sei beruflich im Ausland. Um mich vor weiteren Fragen zu schützen. Zumal ich noch keine Vorstellung hatte, wie ich mich verhalten soll.“ Nachdem sie einsehen musste, dass ihre Tochter es Ernst meint, durchlitt sie die üblichen Trauerphasen. Von Leugnen über Wut bis zum Verhandeln war alles dabei. Das sei nicht ungewöhnlich, sagt Psychoanalytikerin Dr. Dunja Voos: „Die Eltern wissen oft nicht, was passiert ist und schämen sich. Gerade zur Weihnachtszeit, wenn gefragt wird: Und was machst du an den Feiertagen? Die betroffenen Eltern erzählen fast nie, dass sie ein oder mehrere Kinder haben, die sich abgewendet haben“, sagt sie. Viele würden Schuld und Wut in sich tragen und nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. „Das Kind lebt ja noch, aber es ist für sie, als sei es tot. Darunter leiden die Eltern furchtbar.“

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Halt bekommt Angelika Kindt von guten Freunden. Deshalb sucht sie auch nie eine Selbsthilfegruppe auf. Sie hat für sich noch ein anderes Ventil für ihren Schmerz gefunden: Sie schreibt ein Buch: „Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“. Die Entscheidung dazu hat sie sich allerdings nicht leicht gemacht. Eine Bekannte im Verlag und ihre Freunde haben sie ermutigt, ihre Geschichte aufzuschreiben. Es ist 2011 das erste Buch im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema.

Für ihr Werk bekommt sie allerdings nicht nur Zustimmung. Hass und Kritik prasselt auf sie ein. Sätze wie: „Alle wissen Bescheid, nur ich nicht, weil ich eine dumme Rabenmutter bin.“ Doch das hält sie nicht davon ab, anderen Müttern weiter zur Seite zu stehen. Heute sieht sie sich als Botschafterin für dieses Thema und geht daher auch sehr offen damit um.

Rückschläge

Doch auch wenn sie heute gefestigt wirkt, gibt es noch immer Momente, die sie zurückwerfen. „Ich habe sie zufällig bei xing entdeckt, weil ich immer so einmal im Jahr das Netz nach ihr durchforste. Sie muss gesehen haben, dass ich auf ihrem Profil war. Ihr Profil wurde für mich gesperrt. Wir haben es getestet, meine Freunde kommen noch ran.“ Das hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Dennoch versucht sie diese Gefühl nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge, wie die Arbeit oder hilft anderen Menschen.

Auch für Roswitha Prömper sollte es nicht das letzte Mal sein, dass sie irgendeinen Kontakt zu ihrem Sohn hat. Vor sechs Jahren war er wieder da, so als wäre nichts geschehen: „Da stand er hier vor der Tür und wollte wissen, wie es uns geht. War auch eine sehr harmonische Woche, kann ich nicht anders sagen. Er fuhr dann, umarmte mich, sagte mir, er liebt mich und sagte, er sei ein Idiot. Er würde sich jetzt regelmäßig melden.“ Die Hoffnung keimte wieder in ihr auf. Doch so ganz konnte sie sich damals der Skepsis auch nicht verwehren.

Nach zwei Monaten ohne einen Anruf von ihm, suchte sie erneut den Kontakt. Doch am anderen Ende der Leitung blieb es still. „Nächstes Jahr sind die sieben Jahre um. Vielleicht steht er dann wieder vor der Tür.“ Nach dem zweiten Mal war sie nicht mehr enttäuscht, da war nur noch Wut. Seitdem geht es ihr allerdings auch besser. Sie kann sich wieder mehr auf sich und ihr Leben konzentrieren. Wut kann in solchen Momenten mehr helfen als die pure Verzweiflung. Diese Überzeugung teilt auch ihr Therapeut. Sie hat gerade eine dreijährige Therapie beendet. Ein Grund war auch das Ableben ihrer eigenen, sehr besitzergreifenden Mutter.

Warum?

Eins scheint alle Eltern zu vereinen: Der Kontaktabbruch kommt für sie plötzlich und ohne Erklärung. Dennoch sucht jede*r nach einem eigenen Erklärungsansatz. Meist bleibt es nicht bei einem. Es ist ein Stochern im Dunkeln.

Roswitha Prömper sucht die Schuld nicht nur bei sich selbst. Ihr Ex-Mann und seine neue Frau haben noch eine Tochter bekommen, Roswithas Sohn damit eine Schwester. Daraufhin hat er zunächst den Kontakt zu seinem Vater abgebrochen: „Er hat mir einmal gesagt: ‚Da geh ich nicht mehr hin. Um mich hat er sich nie gekümmert und bei dem Kind reißt er sich den Arsch auf. Ich kann mir das nicht angucken.'“, sagt sie. Doch nicht nur der Vater sei schuldig: „Vielleicht hat er mir unbewusst die Schuld gegeben, weil ich mich hab scheiden lassen. Vielleicht hat er gedacht, dass alles besser geworden wäre, wenn wir verheiratet geblieben wäre. Ich weiß es nicht.“ Mittlerweile scheinen ihr auch ihre eigenen Schwächen bewusst zu sein. Sie wurde selbst als Kind von ihrer Mutter geschlagen und emotional erpresst. Bei ihren Kindern wollte sie es besser machen: „Vielleicht habe ich zu viel gemacht. Er hat mir mal gesagt, dass ich ihm nicht beigebracht habe, Probleme zu lösen. Ich hätte sie für ihn gelöst. Womit er natürlich recht hat. Ich habe alles für ihn getan. Wenn er kein Geld hatte, habe ich seine Rechnungen bezahlt. Aber gut: Es ist passiert, ich kann es nicht ändern.“

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Angelika Kindt hatte Zwillinge bekommen, doch heute scheinen beide Kinder für sie unerreichbar: „Eine Tochter ist sehr früh gestorben und meine andere hat gemeint, sie müsse ihre eigenen Wege im Leben ohne mich gehen. Damit muss ich ja leben.“ Nachdem ihre Tochter den Kontakt abgebrochen hatte, hat sie sich oft gefragt, ob sie ihr verstorbenes Kind vielleicht bevorzugt hat. Doch auch der Partner ihrer Tochter könnte ein Grund für die Funkstille sein.

Diesen möglichen Grund hat auch Roswitha Prömper schon häufiger in der Selbsthilfegruppe gehört. Dort haben ihr Eltern berichtet, dass der neue Partner der Kinder gefordert hat, dass diese sich zwischen ihnen und den Müttern entscheiden sollen. Die Eltern hätten meist verloren.  Angelika Kindt ist sich trotz aller Erklärungsversuche sicher: „Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der mir sagen konnte, warum das passiert.“

Wenn man die Eltern fragt, dann wissen sie nicht, warum ihre Kinder sie verlassen haben. Aber wenn man die Kinderseite hört, dann ist meist sehr viel vorgefallen.

– Psychoanalytikerin Dr. Dunja Voos

Psychoanalytikerin Dr. Dunja Voos hat sich vor allem mit den Beweggründen der Kinder auseinander gesetzt. Als Studentin litt sie selbst unter Angststörung und hat dann nach der Ursache gesucht. Ihr Weg führte sie zum Groll gegenüber den eigenen Eltern und auch sie brach erst einmal den Kontakt zu ihnen ab. „Dadurch habe ich mit anderen Augen auf andere geschaut“, erzählt sie. Nachdem sie innerlich nachgereift war, konnte sie den Kontakt wieder aufnehmen. Durch ihre Erfahrungen und ihren Beruf hat sie eine andere Erklärung für das Verhalten der Kinder: „Viele haben Gewalt zu Hause erlebt oder auch die Folgen des Krieges. Es sind viele Vierzigjährige dabei, die den Kontakt zu den Eltern abbrechen. Manche Eltern haben sich in Folge des Krieges komisch verhalten, sind oft Gefühlsarm geworden und haben die Nöte der Kinder oft nicht ernst genommen. Auf jeden Fall ist meistens etwas vorgefallen, dass die Kinder sich nicht gut an die Eltern binden konnten.“

In diesem Falle scheint es das Beste für die Kinder zu sein, den Kontakt abzubrechen, auch wenn er schwer zu verstehen ist. „Im Extremfall ist es so, als wollte man dem Opfer eines versuchten Mordes sagen, dass er sich doch mit dem Angreifer mal wieder zusammen tun soll. Ein Teil der Seele ist kaputt gegangen und die Kinder können ihren Eltern einfach nicht entgegentreten“, sagt Dunja Voos.

Für ihre Blogeinträge zu diesem Thema musste sie viel Kritik einstecken: „Von Lesern bekomme ich oft den Vorwurf: Sie beschuldigen immer die Mutter. Aber es geht eben oft um diese sehr frühe Bindung, die präverbale Zeit, und die verbringt das Baby erst im Bauch, dann stillend und dann beim Sprechen lernen fast immer mit der Mutter.“ Manchmal würden Mütter aber auch Signale senden, mit dem das Kind nicht zurecht kommt – auch wenn sie nichts dafür können. Wenn die Bindung so gestört ist, haben diese Kinder im Erwachsenenalter oft Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Manchen dämmert es dann langsam, woran es liegt und sie spüren, was sie als Kind für einen Mangel erfahren haben. Manche sind dann so erschüttert, dass sie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen.

Umgang mit dem Schmerz

Dr. Dunja Voos weiß, wie sich die Mütter fühlen: „Aus Mutterseite ist es ein Ohnmachtsgefühl. Das ist furchtbar kompliziert, auf beiden Seiten.“ Für die Eltern hat sie einen Rat: Sie sollen sich therapeutische Unterstützung suchen. „Die meisten kommen nie darüber hinweg. Oft sind das Eltern, die immer gut verdrängen konnten und sie versuchen das bei dem Thema auch. Für sie ist es wie eine Hintergrundmusik im Leben, die ändert sich nicht. Und alles spielt sich davor ab. Also egal, wie schön der Urlaub gerade ist, es ist immer der Schmerz da, dass ihr Kind das nicht mit ihnen teilt.“

Dieses Gefühl teilt auch Roswitha Prömper: „Der Schmerz bleibt natürlich. Man hat dieses Kind im Bauch gehabt, man hat es geboren, man hat es großgezogen. Aber ich finde, man geht mit Menschen grundsätzlich nicht so um. Egal ob es die Mutter ist oder jemand anders.“

Das ist wie ein Tinnitus, der sie immer begleitet.

– Psychoanalytikerin Dr. Dunja Voos

Eine pauschale Lösung gibt es sicherlich nicht. Jedes Elternteil geht auf eigene Weise damit um. Einige schreiben ihren Kindern noch immer regelmäßig Karten oder Briefe, und hoffen auf eine Antwort. Andere versuchen einfach in ihrem Leben voranzukommen. „Es ist jetzt schon 20 Jahre her. Ich will nicht sagen, dass es zur Gewohnheit wird, aber man muss ja akzeptieren, dass das eigene Kind im Leben keine Rolle mehr spielen will. Sonst können sie sich auch direkt erschießen“, sagt Roswitha Prömper.

Selbsthilfegruppe können eine Stütze sein: “Wenn eine Mutter über die Geburt redet, wissen andere Mütter genau, was sie meint. Und so ist das auch in unserer Gruppe. Es gibt bei uns keine Vorwürfe und keine Schuldzuweisungen. Und wenn eine Mutter weint, dann gibt es eben eine Gruppenumarmung.“ Sie ist sich heute nicht mehr sicher, ob sie ihren Sohn überhaupt noch einmal wieder sehen möchte.

Angelika Kindt hat für sich mithilfe ihrer Freunde einen Schlussstrich gezogen „Ich habe mich von meiner Seite aus auch ein Stück mit meiner Tochter versöhnt. Ich bin ihr nicht mehr böse. Wenn ich ihr noch böse wäre, dann wäre ich ja ihr Opfer und das wollte ich nie sein“, erklärt sie.

Doch beide Mütter sind sich sicher: Würden ihre Kinder anrufen und Hilfe brauchen, dann wären sie die ersten, die losfahren.