Wie es wirklich ist, als „Ausländerkind“ unter Deutschen aufzuwachsen

Unsere Autorin war sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Familie von Moskau in die Nähe von Köln zog. Materiell wurde alles besser, aber das Leben blieb dennoch eine Quälerei. Denn Anderssein ist ganz schön anstrengend.

Unsere Autorin, kurz nachdem sie mit ihren Eltern in Deutschland ankam. © privat

Ananas. Ganze drei Stück. Sie lagen ganz oben auf einem Berg von Lebensmitteln, der sich in unserem Einkaufswagen türmte. Meine Mutter zeterte, wir wüssten ja gar nicht, wie die schmecken, vielleicht sei das der totale Reinfall. Aber ich heulte so lange, bis ich sie behalten durfte. Denn Ananas kannte ich bis dahin nur aus einem meiner Bilderbücher und hielt sie für das Phantasma irgendeines Märchenerzählers. Aber es gab sie wirklich. Und man konnte sie kaufen!

Es war 1990, ich sechs Jahre und dies mein erster Besuch in einem deutschen Supermarkt. Meine Einkaufserlebnisse in Moskau beliefen sich auf stundenlanges Anstehen, um am Ende aus einem leeren Geschäft ein Kilo Zucker und zwei Kohlköpfe nach Hause zu tragen.

La dolce vita

Unsere Wohnung bei Köln hatte drei Zimmer, durch die ich immer und immer wieder ungläubig lief. So viel Platz für nur drei Personen. In Russland hätten ganze drei Generationen in so einem Palast Unterschlupf gefunden und täglich mit 100 Milliliter Wodka auf die zwei Badezimmer und die Loggia mit Blick ins Grüne angestoßen. Unsere Möbel kamen vom Sperrmüll, aber sie waren immer noch weitaus prachtvoller als alles, was ich kannte. Nun waren wir seit einigen Tagen in Deutschland, im Fernsehen liefen den ganzen Tag Zeichentrickfilme, und das Leben versprach, ein süßes zu werden.

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Ich, Ausländer

Mein Vater ist Russlanddeutscher. Und das war unser Ticket für die Rückkehr nach Deutschland, das wir vorher bloß aus Erzählungen von anderen kannten. Nachdem mein Vater die Lage ausgecheckt, einen Job und eine Wohnung gefunden hatte, holte er meine russische Mutter und mich nach. Als Wohnort war ihm ein kleines Örtchen in der Nähe von Köln zugewiesen worden – eine durch und durch bürgerliche Gegend, die erstklassige Integration versprach.

Als ich mitten im Schuljahr in der Grundschule auftauchte, war ich eine echte Sensation: ein Ausländerkind! Das sagte mir zwar niemand ins Gesicht, aber ein anderes Wort als das gab es eben nicht für Menschen, die von woanders sind. Da konnte mein Vater noch so sehr darauf beharren, dass wir Deutsche seien – sein russischer Akzent entlarvte ihn schnell, meine Mutter radebrechte nach ihrem Sprachkurs vor sich hin, und ich verstand überhaupt kaum ein Wort. „Ausländer“ war eins meiner ersten. Ich habe keine Ahnung, wo ich es aufgeschnappt hatte. Ich weiß nur noch, dass sich damit am besten erklären ließ, warum ich nichts erklären konnte.

Schämst du dich nicht?

In der Schule meinte man es gut mit mir. Die Lehrenden warteten geduldig, bis ich meine ersten Sprachschwierigkeiten überwunden hatte und lobten mich überschwänglich, als ich meinen Namen endlich nicht mehr in kyrillischen, sondern in lateinischen Buchstaben schrieb.

Unsere Autorin zu Weihnachten in Deutschland. © privat

Nur streiten durfte ich mich mit niemandem. Nach einem exzessiven Zickenkrieg in der großen Pause nahm mich eine Lehrerin beiseite und sagte: „Wir haben dich hier so freundlich aufgenommen. Schämst du dich nicht, dich so dafür zu bedanken?“ Ich verstand zwar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, aber ich schämte mich dennoch. Schließlich forderte man offensichtlich von mir, „besser“ als die einheimischen Kinder zu sein, und ich hatte es nicht hinbekommen. Von nun an war ich auf der Hut. Man konnte nie wissen, was sie einem sonst noch übel nehmen würden.

Immigrantenschicksal eben

Mein Vater übte mit mir Deutsch, meine Mutter Mathe. Ich sollte mindestens so gut in der Schule sein wie die deutschen Kinder. Schließlich sollte ich es einmal besser haben als meine Eltern. Denn Ananas und Dreiraumwohnung waren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, das begriff auch ich bei meinen ersten Besuchen bei meinen neuen deutschen Freundinnen: Es gab noch viel, viel mehr.

Migration bedeutet meist auch sozialer Abstieg, und den hatten meine Eltern galant hingelegt.

Da waren Kinderzimmer, die vor lauter Barbies und ihren Pferden, Autos und Stadtvillen nur so überquollen. Perfekt eingerichtete Häuser, wo nichts vom Sperrmüll zusammengewürfelt, sondern alles sorgsam im Einrichtungshaus ausgewählt und mit selbstgenähten Patchwork-Accessoires veredelt worden war. Mütter, die den ganzen Tag zu Hause hockten und nur darauf warteten, dass ihre Kinder von der Schule nach Hause kamen – solche Mütter musste man sich leisten können. Ebenso wie all die anderen Dinge.

Wir konnten das nicht. Migration bedeutet meist auch sozialer Abstieg, und den hatten meine Eltern galant hingelegt: Mein Vater, dem in Moskau als Dirigent ein ganzes Orchester unterstanden hatte, verdingte sich jetzt als Musikredakteur. Meine Mutter, eigentlich ausgebildete Kinderärztin von Beruf, ging putzen, da ihr Diplom erst mal nicht anerkannt wurde. Das Geld reichte trotzdem hinten und vorne nicht – Immigrantenschicksal eben.

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Und so staunten meine Freundinnen bei ihren Gegenbesuchen, wie klein unsere Wohnung war und wie wenig Spielsachen ich hatte. Und ich? Ich schämte mich in Grund und Boden. Ich tat es, wenn mein Vater ihnen Borschtsch auftischte, diese russische Suppe aus Roter Bete und sie nur das Brot dazu anrührten. Ich tat es, wenn jemand anmerkte, dass ich tagelang dieselben Klamotten trug (weil mein Schrank einfach nicht so viele coole Sachen hergab). Ich tat es sogar, wenn ich ein Komma falsch setzte. Ich tat es eigentlich immer.

Arm, asozial und ausländisch

Es war fast unbemerkt geschehen. Wo ich anfangs nur Unterschiede notierte, ein lapidares „Ach, so ist das hier also“, war irgendwann ein „Ach, so ist das hier also. Dann müssen wir ja völlige Idioten sein, wenn es bei uns anders ist“ geworden. Wir sind arm, wir sind asozial, wir sind Ausländer.

Unsere Autorin kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland. © privat

Ghettoisierung in Plattenbauten, vor denen Sonnenblumenkerne kauende Russlanddeutsche in Adidas-Hosen hocken oder Araber*innen mit ihren Macheten wedeln, sind bestimmt nicht die beste Alternative zu dem bürgerlichen Idyll, in das es meine Familie verschlagen hatte. Und doch bin ich sicher, dass man sich dort zumindest unter seinesgleichen nicht so schrecklich fremd fühlt in einer Welt, die man nicht versteht. In der man ganz und gar allein ist.

Integration: gelungen

Ich verstand nicht viel von dieser Welt, aber ich war eine gelehrige Schülerin. Ich achtete peinlich genau darauf, alle Codes kennenzulernen und einzuhalten. Welcher Snack muss in die Brotbox? Was gehört in den Turnbeutel? Wie isst man diese verdammten Spaghetti? Was schenkt man jemandem zum Geburtstag? Banales Zeug im Grunde, das einem jedoch wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint, wenn man die Regeln nicht kennt.

Meine Mühen wurden belohnt: Innerhalb weniger Monate war ich perfekt integriert. Ich sprach akzentfrei Deutsch, meine Zeugnisse strotzten nur so vor lauter Einsen, in meinem Turnbeutel befanden sich die richtigen Schläppchen und ich hatte es geschafft, mich mit den In-Mädchen anzufreunden.

Auf der Uni in Berlin war ich endlich eine von vielen.

Und obwohl ich das perfekte Abziehbild einer Deutschen geworden war, blieb die Sorge, als arm und asozial aufzufliegen, mein ständiger Begleiter. Sie folgte mir aufs altsprachliche Gymnasium, wo fast nur Unternehmerkinder lernten. Sie war sogar noch da, als ich schon grünhaariger Punk mit perforierten Ohren war, und eigentlich auf alles scheißen wollte. Erst, als ich nach dem Abi in Berlin an der Uni landete, verzog sie sich. Denn hier waren sie alle: die Reichen und die Armen, die Glücklichen und die Gestrandeten, sie waren von überall her, und auf ihre eigene Weise waren sie allesamt Exoten. Und ich war endlich eine von vielen.

Und heute?

Nachdem Berlin mich austherapiert hat, freue ich mich regelrecht über meinen Migrationshintergrund und die verschiedenen Kulturen, die sich da in mir vermengt haben. Und ich halte mich für eine ausgezeichnete Bereicherung dieses Landes, auch wenn ich meistens keinen Deut besser als die Einheimischen bin.

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Manchmal holt mich meine Furcht vor den „Standesdünkeln“ der anderen aber immer noch ein. Vorzugsweise, wenn ich in einem angesagten Restaurant sitze und merke, dass mein Kleid eine Spur zu billig aussieht. Oder ich weder weiß, welchen Wein ich von der Karte bestellen noch, wie ich ihn aussprechen soll. Zum Glück esse ich meistens beim Asiaten um die Ecke, da bin ich vor solchen Problemen gefeit – Probleme, die übrigens auch meine deutschen Freund*innen kennen, sofern sie nicht die Habitus des Bildungsbürgertums mit der Muttermilch eingeflößt bekommen haben. Wenn ich so etwas höre, bin ich immer sehr erleichtert. Dann denke ich: Ihr und ich, wir sind doch ziemlich gleich.