Wie die exzessive Partnersuche meines besten Freundes unsere Freundschaft belastet

Ich liebe es mir anzuhören, wie spannend und witzig die Dates meiner Freund*innen verlaufen. Doch was passiert mit unserer Freundschaft, wenn die Partnersuche plötzlich zum Thema Nummer eins wird?

Wenn fröhliche Zeiten mit dem*der Besten immer seltener werden, hat meist nur eine Seite stark damit zu kämpfen. © nanihta / photocase.de

Na? Heute Abend ein Bierchen trinken gehen?, tippte ich voller Vorfreude in mein Telefon, während ich mir schon Gedanken machte, welche Bar heute wohl die Auserwählte sein würde. Doch ich wurde schnell durch mein vibrierendes Smartphone aus den Tagträumen gerissen. Ne, bin heute in Berlin verabredet, prangte auf dem Nachrichtenbildschirm.

Kurz spürte ich den Impuls, mein Handy direkt an die nächste Wand zu schleudern. Warum ich so stinkwütend war? So eine Absage kann schon mal vorkommen, klar. Aber es war nicht das erste Mal, dass mein Kumpel Mathias mich sitzen ließ. Eine andere Dame wurde mir vorgezogen, schon wieder.

Sobald er eine Datingapp installiert, ist er verschwunden

Christina, Julia, Claudia, Stefanie. Ich komme schon seit Monaten nicht mehr hinterher, mir die Namen der Damen zu merken, die meine Mathias-Zeit klauen. Mathias gehört zu der Sorte Männer, die die Suche nach der richtigen Partnerin ziemlich ernst nehmen. Sobald er eine neue Datingapp installiert hat, kann ich mir sicher sein, dass ich ihn die nächsten paar Wochen nicht zu Gesicht bekomme.

Mathias fährt nicht in den Urlaub. Er verbringt die arbeitsfreie Zeit mit dem Abarbeiten seiner Tinder-Matches.“

Jedes Match, jeder Partnerinnenvorschlag muss schließlich dahingehend ausgecheckt werden, ob sich dahinter die große Liebe verbergen könnte. In der Sommerzeit ist es ganz besonders schlimm. Denn Mathias fährt nicht in den Urlaub. Er verbringt die arbeitsfreie Zeit mit dem Abarbeiten seiner Tinder-Matches. So kommt es vor, dass eine komplette Woche mit Spaziergängen, Kinobesuchen und Weinchen trinken gefüllt ist. Aktivitäten, die eigentlich unsere waren. Früher war ich an seiner Seite, heute sind es Match Nummer eins, zwei, drei oder 50.

Mathias‘ Verabredungen verstopfen mein Hirn und lassen mich unsere Momente vergessen

Als Freundin ist es in so einer Situation selbstverständlich, dass ich Mathias zuhöre und mir jedes Detail seiner Dates erzählen lasse. Wie ihre Haare aussahen, welches Getränk sie getrunken hat, wie hoch der Bearbeitungsgrad ihrer Profilfotos war, all das sind Informationen, die ich über jede dieser Damen erhalte. Sie verstopfen aber mein Hirn und verdrängen die Erinnerungen, die ich mit unserer Freundschaft verbinde.

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Ich vermisse gemeinsame Abende, an denen wir über die wichtigen und unwichtigen Dinge des Lebens philosophierten. Die Momente, in denen mir Mathias nach zu viel Bier von dem Heiratsantrag erzählte, den er schon seit Jahren für die Zukünftige plante, von den Träumen, die wir hatten, unabhängig von Liebe und Beziehungen. Ich vermisse eine Freundschaft abseits seines ganzen Partner-such-Marathons. Obwohl ich ihn nicht mitmache, geht mir langsam die Puste aus.

Hat unsere Freundschaft noch eine Basis, wenn die Suche erfolgreich war?

Ich habe am eigenen Leib erfahren, was das ständige Daten aus einer Person macht. War ich es doch, die sich früher durch die halbe Stadt tinderte. Jeden Abend die gleichen Geschichten erzählen und immer schön lächeln, auch wenn das Gegenüber einen zu Tode langweilt. Irgendwann war ich so abgestumpft, dass ich den Menschen, der da gerade Zeit mit mir verbrachte, gar nicht mehr richtig wahrnahm.

[Außerdem auf ze.tt: Heimlich verliebt zu sein, ist der größte Liebesirrtum]

Wenn schon für mich Mathias‘ Verabredungen nur noch irgendwelche Namen sind, die ich nach ein paar Tagen vergesse, wie soll er es dann schaffen, sich emotional auf sie einzulassen? Hätte ich einen Wunsch frei, ich würde ihm die beste Frau an die Seite stellen, die dieser Planet je gesehen hat. So eine, die endlich dafür sorgt, dass Tinder und Co. von Mathias‘ Smartphone verschwinden.

Ich sollte mir ein Beispiel an Mathias nehmen

Aber eine Sorge beschleicht mich bei diesem Gedanken. Wenn seine Partnersuche Erfolg haben sollte, hat unsere Freundschaft dann noch eine Basis? Worüber reden wir, wenn keine neuen Datinggeschichten den Abend auflockern? Das hat sich Mathias vermutlich selbst gefragt, als ich damals meinen anstrengenden Datingmarathon durchlief. Doch anmerken ließ er es sich nichts. Geduldig schaute er mitfühlend, während ich von den vielen Prinzen und Kröten erzählte.

Vermutlich glaubte er fest daran, dass diese Zeit schon irgendwann vorbeigehen würde. Er sollte recht behalten. Nun ist es an mir, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass die vielen Damen in Mathias‘ Leben irgendwann Vergangenheit sein werden und die Eine, seine Eine, für länger bleibt. Und dann haben wir wieder die Gelegenheit über unsere Träume zu philosophieren oder vielleicht über den romantischen Heiratsantrag, den Mathias hoffentlich bald in die Tat umsetzen kann. Bis dahin heißt es für mich: Augen zu und Mathias ab und zu ein Bierchen reichen, wenn er durch seinen Datingmarathon mal wieder aus der Puste ist.