Wie FBI-Agentinnen einen Mann im Netz bezirzten – und ihn zum Terrorverdächtigen machten

Eine Tonaufnahme und Chatprotokolle dokumentieren Gespräche zwischen einem vermeintlichen IS-Sympathisanten und Online-Agentinnen. Sie zeigen die skurrile Vorgehensweise des FBI, die einen vermutlich Unschuldigen vor Gericht brachte.

Coco Chanel war Agentin F-7124 und spionierte unter dem Decknamen "Westminster" im Zweiten Weltkrieg für die Nazis.

Auch Coco Chanel war Agentin. Nicht im Netz, aber für die Nazis. © picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Hast du gesagt, du willst dich heute umbringen?“, fragt Jannah Bride, „vielleicht“, sagt Khalil Abu Rayyan. Jannah Bride heißt in Wirklichkeit anders. Sie ist Agentin des FBI. Bride und eine weitere Agentin sollten herausfinden, ob Rayyan ein potenzieller Terrorist ist.

Ein Gesprächsmitschnitt zwischen der Agentin und dem 21-Jährigen aus Detroit, der vor wenigen Tagen von The Intercept veröffentlicht wurde, macht deutlich, wie die Agentin den scheinbar selbstmordgefährdeten Mann manipulierte.

Anhand des Falls von Khalil Abu Rayyan zeigt sich das Problem, dass das Verhalten der Agentinnen erst dazu führte, dass ihre Zielperson vorgab kriminell zu sein, um den Geheimdienstlerinnen zu imponieren.

Das FBI wurde vor einigen Monaten auf Rayyan aufmerksam: Er retweete ein Video des IS, in dem Menschen von Gebäuden gestoßen wurden und kommentierte die Tötungen mit: „Thanks, brother, that made made my day.“ In dem Wissen, dass Rayyan auf der Suche nach einer Ehefrau ist, setzte der US-Geheimdienst zwei junge Agentinnen auf den Pizzalieferanten an.

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Bevor Rayyan mit Agentin Bride per Chat anbändelte, schrieb er online mit Agentin Ghaada. Sie chatteten oft und sehr intim, sprachen über Hochzeit, Kinder und ein gemeinsames Leben. Doch Ghaada beendete die Online-Beziehung und Rayyan war verletzt und hatte Liebeskummer. Offenbar setzte das FBI gezielt darauf, dass sich Rayyan verliebt und dann enttäuscht wird, um mit dem nächsten Lockvogel – Agentin Bride – Informationen über mögliche Anschlagspläne zu erhalten.

Bride stellte sich Rayyan als eine 19-jährige sunnitische Muslimin vor, deren Ehemann bei einem Luftangriff in Syrien getötet wurde. Sie sprach mit einem charmanten Akzent, der Rayyan ganz offensichtlich beeindruckte. Er schrieb in einer Nachricht: “I love your voice, by the way.”

Bride gab vor, eine radikale Muslimin zu sein, die, so schreibt es The Intercept, sich auf ihren Dschihad konzentrieren würde. Rayyan erzählte Bride, wahrscheinlich, um ihr zu imponieren, dass er sich eine Kalaschnikow vom Typ AK-47 und Munition gekauft hätte und einen Anschlag auf eine große Detroiter Kirche plane.

In Chat-Auszügen vom vergangenen Jahr, die The Intercept ebenfalls vorliegen, schrieb er:

„I tried to shoot up a church one day. I don’t know the name of it, but it’s close to my job. It’s one of the biggest ones in Detroit. Ya, I had it planned out. I bought a bunch of bullets. I practiced a lot with it. I practiced reloading and unloading. But my dad searched my car one day and he found everything. He found the gun and the bullets and a mask I was going to wear.“

Daraufhin griff das FBI ein, Rayyan wurde festgenommen und ihm illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Der Fall vom „Terroristen, der einen Anschlag auf eine große Kirche plante“ sorgte in den USA für Aufsehen.

Als FBI-Agenten Rayyans Wohnung durchsuchten, fanden sie jedoch nichts. Keine Kalaschnikow, keine Munition oder andere Gegenstände, mit denen er einen Anschlag hätte verüben können. Lediglich eine kleine Pistole zur Selbstverteidigung, die er bei der beim Pizzaausfahren bei sich trug, wurde beschlagnahmt. Der einzige Beweis für Rayyans Pläne hätten die Chat-Protokolle und Gesprächsaufzeichnungen mit den Agentinnen sein können.

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Ein von Rayyans Anwälten engagierter Psychologe stellte in einem Gerichtsgutachten jedoch fest: „Seine Formulierung war das Ergebnis seiner Bemühungen, Aufmerksamkeit zu bekommen mit der Hoffnung auf eine Zukunft. Sie war nicht das Ergebnis einer Radikalisierung oder ein Beispiel für terroristische Intentionen.“

Ausschnitte früherer Gespräche, die The Intercept vorliegen, legen ebenfalls den Verdacht nahe, dass Rayyan gezielt zu Aussagen mit Bezug auf terroristisches Gedankengut gebracht werden sollte. Auf Brides Bemerkung, dass sie für den IS sterben würde, („asks for my life I would give it up in a heartbeat”), erwidert Rayyan: „Du bist jung und durcheinander. Ich glaube nicht, dass du weißt, was du willst.“

In einem anderen Gespräch heißt es:

“I want us to be together”, sagt Rayyan.

“I have other plans,” antwortet Agentin Bride.

Er erwidert: “Don’t do anything that will hurt you, yourself or other people.”

Der Gesprächsverlauf des nun veröffentlichten Telefonats (siehe Soundcloud-Datei zu Beginn des Artikels) verdeutlicht ebenfalls, dass Agentin Bride darauf hinaus möchte, herauszufinden, ob Rayyan andere Menschen verletzen will. Als er ihr erzählt, dass er sich ein Seil gekauft hätte, um sich damit das Leben zu nehmen, lenkt sie das Gespräch bewusst in eine andere Richtung:

“Which thought is greater to you right now — hurting yourself or somebody else?”, fragt Bride.

“What is it?” antwortet Rayyan.

“Are you thinking about hurting yourself or somebody else?” fragt Bride noch einmal präziser.

“Well, I mean, I would not like to hurt somebody else”, sagt Rayyan “But at the same time, if I did it to myself, it’d be easier. I wouldn’t get in trouble.”

Rayyans Anwälte schreiben in einem Statement vom 15. April: „Die Regierung hat Rayyan ganz klar ausgenutzt, und offensichtlich versucht, ihm Terrorismus als eine akzeptable Form des Selbstmordes vor Gott, schmackhaft zu machen.“

Das FBI weigert sich zu dem Fall Aussagen zu machen und alle Gesprächsmitschnitte und Chatprotokolle zur Verfügung zu stellen. Das Einzige, was Rayyan bislang tatsächlich nachgewiesen werden konnte, ist der Besitz von Marihuana bei einer Straßenkontrolle.