Wie ich die Anschläge in Brüssel erlebt habe

Sophia Klimanek wohnt in Brüssel und saß gerade beim Frühstück, als die Attentäter sich am Flughafen in die Luft sprengten.

© Christopher Furlong/Getty Images

Am Place de la Bourse in Brüssel malen Menschen in Gedenken an die Opfer mit Kreide auf den Boden. © Christopher Furlong/Getty Images

Sophia Klimanek (27) arbeitet zurzeit als Rechtsreferendarin für die Europäische Kommission in Brüssel.

Der Tag, an dem dann doch etwas passiert, ist der Dienstag vor Ostern. Ich tunke gerade mein Croissant in den Kaffee, als mein Telefon vibriert. Eine Freundin hat mir einen Link zur Eilmeldung einer Tageszeitung geschickt: Verletzte bei Explosion am Flughafen Brüssel. Ich klappe meinen Laptop auf und öffne die Websites der belgischen Zeitungen, auf denen ich schon die Festnahme von Salah Abdeslam am Freitag im Liveticker verfolgt habe. Ich sehe das Video der Rauchwolke über der Abflughalle und Fotos von blutüberströmten Menschen.

Bald bekomme ich die ersten Nachrichten meiner Familie auf mein Telefon. „Bist du OK? Sollen wir dich besuchen kommen?“ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. In den Stunden und Tagen nach den Anschlägen schicke ich stattdessen die aktuelle Zeichnung von Plantu – eine weinende belgische Flagge, die von der französischen getröstet wird – an alle Menschen, die mich das und Ähnliches fragen.

Eine weitere Eilmeldung erscheint auf dem Bildschirm: Explosion in der Metrostation Maelbeek. Und ich denke: Hätte ich nicht gerade Urlaub und wäre wie jeden Morgen mit der Metro zur Arbeit in die Europäische Kommission gefahren, dann wäre ich genau jetzt an genau dieser Metrostation.

Dann trifft es mich. Was ist mit Jana? Meine Mitbewohnerin hatte morgens unsere Wohnung verlassen und sich auf den Weg ins Parlament gemacht. Ich wähle ihre Nummer, zu hören ist aber nur ein Tuten. Wahrscheinlich ist das Telefonnetz bereits überlastet. Ich schreibe ihr: „Oh Gott, geht es dir gut? Wo bist du gerade?“ Es ist das einzige, was ich tun kann, und es ist sehr wenig.

Mittags sagt der Premierminister, was alle denken: „Es ist eingetreten, was wir befürchtet haben.“ Kurz darauf meldet sich Jana endlich: Ihr geht es gut. Sie hat die Explosion gehört, als sie eine Station weiter ausgestiegen ist. Dann ist sie nur noch gerannt. Aber ein Kollege von ihr liegt anscheinend im Krankenhaus, schwer verletzt.

Das Krisenzentrum teilt mit: Bleiben Sie, wo Sie sind. Bewegen Sie sich nicht durch die Stadt. Ich rufe im Sekretariat meines Referats bei der Kommission an. Anscheinend ist niemandem etwas passiert, aber an Arbeit ist dort gerade nicht zu denken. Ich solle froh sein, dass ich gerade Urlaub habe.

Jemand markiert mich als „safe“ auf Facebook.

Gegen vier Uhr Nachmittag halte ich es nicht mehr aus. Ich drehe durch, wenn ich noch ein einziges Bild von der Verletzen sehe. Ich ziehe meine Stiefel und meinen Mantel an und gehe in den Park gegenüber meiner Wohnung. Die Sonne scheint, die Magnolien blühen, die grünen Wellensittiche krächzen. Über mir kreist ein Polizeihubschrauber.

Abends sehe ich Bilder vom Place de la Bourse. Menschen zünden dort Kerzen an, legen Blumen nieder und schreiben mit Kreide Friedensbotschaften auf die Pflastersteine. Ich wäre jetzt sehr gerne dort, doch die Metro fährt nicht.

Place de la Bourse. © Christopher Furlong/Getty Images
Place de la Bourse. © Christopher Furlong/Getty Images

Dann kommt Jana nach Hause. Sie ist blass und erschöpft. „Das war furchtbar. Direkt hinter mir haben sie die Sicherheitstüren des Parlaments geschlossen. Den ganzen Tag saßen wir im Büro und haben hinaus auf die leeren Straßen geschaut, in denen die Armeefahrzeuge auf und ab gefahren sind. Ich fahre heute Abend noch nach Deutschland zurück, eine Kollegin nimmt mich mit. Möchtest du auch mitkommen?“ Ich schüttele den Kopf. Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, ich kann diese Stadt, die mir so ans Herz gewachsen ist, doch jetzt nicht im Stich lassen.

Jana versteht das nicht. „Hast du keine Angst vor dem Terror?“ Ich denke, Brüssel ist im Moment wohl die Stadt, in der man am sichersten vor Terroranschlägen ist, wenn ich mir im Internet anschaue, wie die Stadt bewacht ist. Jana sieht das anders, packt schnell ein paar Sachen in einen kleinen Koffer und verschwindet. Das ist in Ordnung.

Abends im Bett überlege ich, ob es vielleicht Menschen gibt, die sich fragen, ob ich überhaupt noch am Leben bin.

Bierflaschen als Zeichen der Anteilnahme

Am nächsten Morgen kaufe ich im Blumenladen gegenüber eine weiße Rose und fahre mit einem der wenigen überfüllten Busse, die mittlerweile wieder fahren, zum Place de la Bourse. Trotz aller Not-afraid-ihr-Schweine-Mentalität, die ich gestern über mein Telefon und das Internet zu verbreiten versucht habe, zucke ich jedes Mal zusammen, wenn ich eine Polizeisirene höre oder jemand laut spricht.

Mittlerweile ist ein Foto der Attentäter veröffentlicht worden. Ich lese, dass man sie auf den Überwachungskameras daran erkannt hätte, dass sie schwarze Handschuhe trugen, unter denen die Zünder versteckt gewesen sein sollen. Misstrauisch sehe ich mich im Bus um, aber die einzige Person, die schwarze Handschuhe trägt, bin ich selber.

Am Place de la Bourse stehen einige Menschen in einer ruhigen Mengen beisammen. Vor allem sind sehr viele Journalisten und Kamerateams dort. Niemand kontrolliert mich, obwohl ich extra nur einen Stoffbeutel mit meiner Geldbörse, meinem Telefon und einem Regenschirm mitgenommen habe.

Ich dränge mich zwischen den Journalisten durch an die Stelle, wo einige Kerzen stehen und Blumen auf dem Boden liegen, aber längst nicht so viele, wie mich die Bilder im Fernsehen haben glauben lassen. Neben den Blumen stehen zahlreiche Bierflaschen belgischer Brauereien, die die wenigen echten Bruxellois als Zeichen der Anteilnahme und vor allem des Widerstandes abgestellt haben.

Am Place de la Bourse in Brüssel. © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images
Am Place de la Bourse in Brüssel. © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Ich steige über einen am Boden knienden Fotographen hinweg und lege meine Rose auf eine der belgischen Fahnen. Anschließend hält mir jemand ein Mikrophon unter die Nase. Ich schiebe es weg. Ein Journalist stößt mir das Objektiv seiner Kamera an den Hinterkopf und fährt mich an, ich solle aus dem Weg gehen. Ich deute stumm auf den Satz, den ein Kind mit Kreide direkt vor uns gerade auf das Pflaster geschrieben hat: Make love not war. Der Journalist dreht sich weg.

Ich bleibe noch für die Schweigeminute. Ein sichtlich angegriffener Mann hält sein Smartphone in die Luft und brüllt, dass das alle machen sollten, weil das Smartphone das sei, was man „denen“ voraus habe. Ein verärgertes „sch…!“ geht durch die Menge. Die Kameras der Fotographen klicken. Dann ruft jemand: „Vive la Belgique!“ Das wirft in mir schon wieder zu viele Fragen zu meiner europäischen Identität auf und ich beschließe, zu gehen.

Ich dränge mich aus der Menge heraus, laufe die Rue Antoine Danseart entlang und betrete die erste Boutique, die geöffnet hat. „Sie sind meine erste Kundin heute!“, begrüßt mich eine sichtlich erleichterte Verkäuferin. „Ich war mir sehr unsicher, ob ich das Geschäft überhaupt öffnen soll, nach allem, was passiert ist.“ Ich plaudere ein bisschen mit ihr und weil sie so höflich ist, lasse ich mich dazu hinreißen, einen roséfarbenen Parka zu kaufen. Als kleines Geschenk bekomme ich sogar noch eine Duftkerze, die ich auf dem Rückweg am Place de la Bourse zu den anderen Kerzen stellen will.

Mit meiner Einkaufstasche im Arm schlendere ich die Straße entlang und setze mich in ein Café. Ich lese auf meinem Telefon, dass Ermittler in einer Wohnung in Schaerbeek 15 Kilogramm Sprengstoff gefunden hätten. Ein Taxifahrer hätte sie zu dieser Wohnung geführt, die ich mir als eine Art Terroristen-WG vorstelle. Der Fahrer soll die drei Verdächtigen abgeholt und zum Flughafen gefahren habe. Angeblich hätten sich seine drei Passagiere beschwert, dass das Taxi zu klein für ihre fünf Koffer sei und sie deshalb nur drei Koffer hätten mitnehmen können. Der Taxifahrer, so ein Kommentator, sei der eigentliche Held des gestrigen Tages. Ich frage mich, ob ich geistesgegenwärtig genug gewesen wäre und Flugpassagiere, die freiwillig einen Teil ihres Gepäcks zurücklassen, überhaupt mitgenommen hätte.

Und ich frage mich vor allem, was ich eigentlich daraus lernen soll, dass ich vielleicht nur hier sitze, weil ich gestern Urlaub gehabt habe und vielleicht nur deshalb noch eine Mitbewohnerin in meiner eigenen WG habe, weil jemand irgendwo mit einem zu kleinen Taxi vorgefahren ist.