Wie ich in Nairobi das Gesetz der Straße kennenlernte

Nairobi ist eine gefährliche Stadt. Als mir ein iPhone geklaut wurde, lief ich dem Täter hinterher. Die Jagd geriet dabei außer Kontrolle. 

Peter Macdiarmid/Getty Images

Nairobi, Kenia Peter Macdiarmid/Getty Images

Zwei Tage nach einem Autounfall im kenianischen Hinterland fahre ich mit einer leichten Gehirnerschütterung im Taxi durch Nairobi. Es ist Stau. Die Straße ist komplett verstopft. Abgase ziehen wie Nebel durch die Autoreihen. Menschen bahnen sich ihren Weg durch das Chaos.

Auf der Rückbank sitzt mein Team, mit dem ich die letzten drei Wochen durch Kenia gereist bin, um das Ende für meinen Dokumentarfilm „The Long Distance“ zu drehen. Wir sind auf dem Weg zum Flughafen.

Direkt an die Straße grenzt das Wohngebiet Kibera, das als „größter Slum Afrikas“ bezeichnet wird. Kibera leitet sich von dem Wort „kibra“ ab, das soviel wie Dschungel bedeutet. Kibera ist ein urbaner Dschungel aus Blechhütten und Müll.

Eine böse Vorahnung

Ich bin weltweit in abgelegene Gebieten gereist und genug rumgekommen, um zu wissen, dass diese Gegend hier „nicht sicher“ ist. Es ist bekannt, dass Nairobi eine hohe Kriminalitätsrate hat. Ich war mir also bewusst, dass es eine schlechte Idee ist, hier im Stau, bei heruntergelassener Scheibe, eine SMS auf meinem iPhone zu tippen. Aber ich ignorierte diese Vorahnung.

Plötzlich passiert es. Und es passiert schnell. Hand rein, Hand raus, Handy weg. Ich brauche einen Moment, bis ich verstanden habe, was da gerade los war. Ich öffne die Tür des vermeintlich sicheren Taxis und springe auf die Straße. Die Geräuschkulisse steigt an, ich rieche Abgase, spüre die Hitze auf meiner Haut.

Ein Typ rennt mitten auf der Straße, schlängelt seinen Weg durch die hupenden Autos. Das muss der Dieb sein. Ich renne ihm nach.

Im Nachhinein finde ich es bezeichnend, wie egal mir die Konsequenzen waren, in einem so unberechenbaren Teil der Stadt auf die Jagd nach einem Dieb zu gehen. Bei jedem anderen Gegenstand wäre ich dieses Risiko niemals eingegangen; Geldbeutel, Kleidung, meine Papiere. Aber was unterscheidet das Smartphone von den anderen Gegenständen?

Mein Team ruft mir hinterher. Ich wechsele die Spur, zwischen den Autos tut sich etwas Raum auf. Endlich Platz zu laufen. Vor mir rennt der vermeintliche Dieb. Ich ziehe an.

Das Smartphone ist Anschluß zur Gesellschaft

Mir geht es nicht um den finanziellen Wert. Geld ist auch nur eine Pizza, die man sich noch nicht gekauft hat. Der vermeintliche Wert des Smartphones ist ein anderer. Es ist die Rolle, die das Gerät mittlerweile im Alltag spielt. Neben den unzähligen persönlichen Daten bündelt es die verschiedensten Kommunikationsplattformen. Es ist der Anschluss zur Gesellschaft geworden.

Der Typ biegt links ab. Und es geht weiter, vorbei an Autos, Menschen, über Kühlerhauben. Die Umgebung fliegt an mir vorbei. Jemand versucht den vermeintlichen Dieb aufzuhalten. Er kann sich befreien. Jetzt bin ich aber dichter an ihm dran.

Er rennt in drei Männer, die ihn festhalten. „He has stolen my phone“, rufe ich. Er versucht sich zu befreien. Aber sie schlagen auf ihn ein. Plötzlich kommen von überall Menschen herbei. Sie gehen aber nicht dazwischen – sie beteiligen sich mit Schlägen und Tritten.

Mir wird in diesem Augenblick klar: Das ist das iPhone nicht wert. Weder im finanziellen Sinne, noch in irgendeinem anderen.

Das ist jedoch nur der Anfang. Aus wenigen Menschen ist ein Mob geworden. Der Typ rennt auf mich zu. Er umklammert mich mit aller Kraft. Mir ist klar: Er will sich retten. Er weiß, dass man mich als „Musungu“, wie Weiße hier genannt werden, nicht schlagen wird.

Das Gesetz der Straße kennt keine Gnade

Ich spüre seinen Atem. Man sieht ihm an, dass er im Slum aufgewachsen ist. Er trägt leicht zerrissene Kleidung, die Hände sind erdig. Er ist ungefähr so alt wie ich, aber unsere Lebenswege hätten unterschiedlicher nicht sein können. Er ist extrem stark. Ich hätte keine Chance gegen ihn gehabt.

Mittlerweile sind um die 30 Männer um uns herum. Mit geballten Fäusten schlagen sie zu und treffen dabei auch mich. Ich höre sie nur. Spüren tue ich nichts. Ich bin berauscht vom Adrenalin. Alles ist ganz nah und ganz fern zugleich. Die Stimmen der Menschen sind leise, das Aufprallen der Fäuste höre ich laut.

Ein erster Stein fliegt. Ich befreie mich aus dem Griff und springe zurück, blicke in das Gesicht des jungen Mannes. Er zeigt keine Angst, obwohl er weiß, was ihm bevorsteht. Ich kann den Blick nicht von ihm abwenden. Er steht einfach nur noch da, gibt sich der Gewalt hin. Sein regloser Körper fällt in sich zusammen. Er geht zu Boden.

Ich hebe die Arme und schreie so laut ich kann: „Stop! Stop it! You have to stop!“ Ich schreie weiter, aber keiner reagiert auf mich. Die Situation ist außer Kontrolle.

Weitere Männer kommen mit weiteren Steinen hinzu. Das Gesetz der Straße kennt hier keine Gnade. Es hagelt Steine auf den am Boden liegenden Körper. Mit dumpfen Geräuschen schlagen sie ein. Tiefe Wunden bezeugen die Treffer. Ich sehe das rote Blut über seine schwarze Haut fließen. Es tropft auf den Asphalt.

Mein Blick weitet sich. Wie viele Menschen schon um uns herum sind. Ich sehe einen Mann der einen großen Stein heran schleppt. Andere stehen nur da und schreien. Einer zieht den jungen Mann am Bein über den Asphalt. „We burn him“, schreit er. Ein Taxi fährt vor. Mein Team steigt aus. Entgeistert blicken sie von dem blutigen Mann am Boden zu mir.

Die Wurzel der Gewalt, liegt in der Politik

Plötzlich sind auch zwei Polizisten in zivil vor Ort. Sie versuchen das Chaos zu ordnen. Sie drängen die Menge mit gezückten Polizeimarken zurück. Damit retten sie dem jungen Mann das Leben. Sein Körper ist mit Platzwunden übersät.

Auf dem Polizeirevier wird der junge Mann durchsucht. Das Handy hat er nicht. Er und ich blicken uns lange in die Augen. Er legt seine Hand aufs Herz und verbeugt sich. Ich tue es ihm gleich. Wir vergeben uns gegenseitig.

Plötzlich kommt mein Tonmann mit meinem iPhone zur Tür rein. Der Taxifahrer sagt, er habe es unterm Sitz gefunden, was nicht sein kann. Wir vermuten, dass der Dieb es auf der Flucht an einen Komplizen übergeben hat. Dieser hat es später dann dem Taxifahrer zugesteckt, damit er es zurückgeben kann.

Im Nachhinein recherchierte ich, warum die Menschen in dem Distrikt so aggressiv auf den Täter reagierten. Man sagte mir, das hätte politische Gründe. Weil die Kriminalitätsrate so hoch ist und Politiker versprechen, sie zu senken, geben sie diese Aufgabe an die Polizei weiter. Und weil diese unter Zugzwang steht und durch mehr Festnahmen ihren Erfolg beweisen muss, fahren sie in die Problembezirke und nehmen wahllos Menschen fest. Die Angehörigen sind machtlos und bleiben zornig zurück. Im Nachhinein hätte ich mir das iPhone lieber klauen lassen, als den jungen Mann und mich in diese Situation zu bringen.