Wie ich mich als Bettlerin fühlte

Hinter jedem Bettler am Straßenrand steckt eine Geschichte. Wie fühlt es sich an, unsichtbar zu sein? Oder angestarrt zu werden? Ein Selbstversuch.

© Nina Klippel

So sieht meine Tasse nach 20 Minuten aus. © Nina Klippel

Nach fünf Minuten ist mein Becher noch leer. Der Mund eines sechsjährigen Mädchens steht offen. Ihr Opa zieht sie weiter, aber sie dreht sich immer wieder zu mir um. In ihrer Hand hält sie eine Brötchentüte. Ich habe hier auch schon Brötchen gekauft, habe dazugehört. Heute sitze ich auf der anderen Seite. Tiefer. Ich bin auf Augenhöhe mit Knien, kleinen Leuten reiche ich bis zum Becken, ein Dobermann ist sogar größer als ich. Mein Kopf senkt sich automatisch.

Es ist Samstag, zehn Uhr, als ich in Richtung der Einkaufsstraße von Mainz-Finthen laufe. Mein Herz klopft. Ich will wissen, was es für ein Gefühl ist, die Straße aus einer anderen Perspektive zu sehen. Von unten. Bin ich für die anderen unsichtbar? Starren mich die Leute an? Werde ich angepöbelt? Was löst mein Selbstversuch in mir aus?

Ich setzte mich zwischen Bäcker und Dönerladen auf den Boden

Ich gehe um die Ecke, mein Schritt wird langsamer, mein Herz schneller. Noch halte ich den blauen Keramikbecher, in dem ich das Geld sammeln will, unter meiner Decke. Ich möchte mich umsehen, Blicke auffangen. Noch fühle ich mich sicher, noch kann ich zurück. Stehenbleiben und Decke hinlegen: schwerer als erwartet. Ich schließe für einen Moment die Augen, atme tief ein und setze mich auf meine Decke, zwischen Bäcker und Dönerladen, im Schneidersitz.

Am Vorabend habe ich mir tausend Fragen gestellt: Was ziehe ich an? Dusche ich vorher? Was nehme ich mit: Decke, Alditüte, Bier? Soll ich rauchen? Einen Schäferhund dabei haben? Die Klischees, die ich abklopfe, sind mir zuwider. Die Entscheidungen vertage ich. Beim Aufwachen dann schon das erste Herzklopfen. Die Morgen-Dusche fällt aus, ebenso Frühstück und Kaffee.

Ich fange an durchzuspielen, wer was gibt und wer nicht

Finthen ist ein eher dörflicher Vorort von Mainz. Es laufen auch mal Pferde durch die Straßen, viele Familien leben hier. Anders als am Hauptbahnhof oder in der Innenstadt sieht man hier selten Bettler. Deswegen bin ich hier.

Bei Minute neun passiert es: Eine Frau mit streichholzlangem, grauem Haar beugt sich zu mir runter. Ihr weites, braunes Shirt riecht frisch gewaschen. Ich schäme mich, nicht geduscht zu haben. Sie lächelt mich an, fast großmütterlich, und wirft mit einem „Bitteschön“ 50 Cent in meinen Becher. Das große, glänzende Kreuz, das um ihren Hals hängt, baumelt mir entgegen. „Danke“, sage ich. Meine Brust fühlt sich plötzlich viel wärmer an.

Alte Damen ziehen Einkaufstrolleys an mir vorbei, Mütter schieben Kinderwagen. Der Bürgersteig ist eng, manch einer wechselt die Straßenseite. Andere drehen den Kopf auffällig zur Seite und laufen schneller an mir vorbei. Oder bilde ich mir das nur ein? Die Sonne kommt hinter einer großen Wolke hervor, ich sitze wie im Scheinwerferlicht. Auf den Bühnen der Straße! Unbewusst beginne ich mit einem Spiel: Wer gibt mir was? Es ist ein Spiel der Stereotype. Slipper aus Kroko-Imitat: geht weiter; braune Halbschuhe, ein Kind an der Hand: könnte sein.

„Komm, hier hast du noch was zu essen“

„Na, geht’s nicht so gut?“, fragt mich eine brünette Frau und streicht ihren Pony aus der Stirn. Sie blickt in meine Augen, als
würde sie versuchen, aus ihnen meine Geschichte zu lesen. Zwei Euro lässt sie in meinen Becher fallen. „Komm, hier hast du was zu essen“, sagt sie noch und legt mir eine Brezel aus der Bäckerei nebenan in den Schoß. Mein Hals wird trocken, ich kriege gerade noch ein „Vielen Dank“ heraus, da ist die Frau auch schon weiter gelaufen. Ich muss schlucken, mir kommen die Tränen. Ich gehe um die Ecke auf einen Parkplatz und atme kurz durch. Meine Decke liegt noch auf dem Bürgersteig.

So sieht meine Tasse nach 20 Minuten aus. © Nina Klippel

In meinem Kopf war das Szenario anonym: Mal wirft einer Geld in meinen Becher, Gespräche beschränken sich auf „Bitte“ und „Danke“. Sollte mich jemand ansprechen, will ich das Gespräch so oberflächlich wie möglich halten. Ich will nicht lügen, mich aber auch nicht ständig offenbaren. Auf dem Parkplatz um die Ecke wächst mein schlechtes Gewissen. Ich habe den Impuls, den Frauen ihr Geld zurückzugeben, mich zu erklären. Ich weiß, dass ich heute Abend ein Bett habe, ein Abendessen und eine Dusche. Die Frauen wissen das nicht.

„Hast du denn kein Zuhause?“

Die hellblauen Ballerinas mit aufgenähten, beigen Blumen stemple ich sofort ab: gibt nichts. Als sie an mir vorbei trippeln, habe ich gewonnen. Aber dann kommt die Frau zurück – Anfang 40 vielleicht, die dunkelblonden Haare in einem Zopf gefasst, der Ansatz ist zu sehen. Sie beugt sich nicht nur zu mir runter, sie kniet sich. Wir sind auf Augenhöhe. Kann ich dir helfen?, fragt mich die Frau. Ich weiß nicht, sage ich. Ob ich denn kein zu Hause habe, keine Familie, will sie wissen. Ich sage, dass ich auf der Durchreise bin und kein Geld mehr habe. Aber es fällt mir schwer, zu lügen. Die Frau erzählt von ihrer Tochter, sie ist 17. Ihre Münze wirft die Frau nicht in den Becher, sie legt sie mir in die Hand. „Geh nach Hause, deine Familie kümmert sich um dich, egal wie schwierig es ist.“

Ich breche meinen Selbstversuch ab. Ich mache den Menschen, die mir helfen wollen, die mir Geld und Essen geben, etwas vor. Und diese Scham ist viel größer, als die Scham zu betteln. Dass mich mein Experiment so berühren würde – damit hatte ich nicht gerechnet. Meine Erfahrung hat etwas für mich verändert. Wenn ich heute Geld in den Becher eines Bettlers werfe, versuche ich, denjenigen anzuschauen. Ihn spüren zu lassen, dass er für mich nicht unsichtbar ist. Dass ich ihn wahrnehme. Als Menschen.