Wie ich mich in Schweden an ein Leben ohne Bargeld gewöhnte

Kommt man ohne Bargeld durch den Alltag? In Schweden funktioniert das. Autor Fabian Schäfer erzählt, wie die Kreditkarte während seiner Erasmus-Zeit zum wichtigsten Begleiter wurde – und warum Deutschland noch weit von einer bargeldlosen Gesellschaft entfernt ist.

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In Schweden kann man quasi alles ohne Bargeld kaufen. In Deutschland ist das noch Zukunftsmusik. © DAMIEN MEYER/AFP/Getty Images)

Seit einigen Monaten lebe ich in Schweden. Ein Jahr will ich insgesamt bleiben, davon zehn Monate Erasmus machen. Direkt nach der Landung am Flughafen ahne ich, dass der Gang zum Geldautomaten in den kommenden Monate überflüssig werden wird. Für die ersten Einkäufe hatte ich mir 1000 Kronen abgehoben, knapp über 100 Euro. Dass ich mir das hätte sparen können, merkte ich schon ein paar Tage später im Supermarkt.

Dort gibt es die „Kortkassa“, bei der man nur mit EC- oder Kreditkarte zahlen kann. Aber auch an den anderen Kassen sollen die Kunden lieber die Karte zücken, statt Scheine zu verwenden. Auf Hinweisschildern steht, warum: Es geht schneller und ist hygienischer. Bei den Schweden scheint das zu wirken, denn zwei Drittel der Kunden zahlt mittlerweile mit der Plastikkarte.

Viele Stockholmer haben gar kein Portemonnaie mehr

Dank der schwedischen Preise haben meine ersten tausend Kronen nicht allzu lange gehalten. Seitdem ich hier lebe, habe ich nur ein weiteres Mal Geld am Automaten abgehoben. Das ist über vier Monate her. So lange hatte ich kein Bargeld mehr in der Hand.

Seit letztem Oktober hat die schwedische Reichsbank neue Banknoten herausgegeben: Auf dem 20-Kronen-Schein lächelt seitdem Astrid Lindgren. Das habe ich zumindest gehört. Gesehen habe ich das Porträt der Pippi-Langstrumpf-Erfinderin nicht.

Schweden gilt schon lange als Vorreiter des bargeldlosen Zahlens. Kaum ein Stockholmer besitzt überhaupt noch ein Portemonnaie. Die meisten haben eine Smartphonehülle mit Einsteckfächern. Darin gerade mal drei Karten: Das elektronische U-Bahn-Ticket, die ID-Karte und die Visa. Mehr braucht es nicht, um durch den Alltag zu kommen.

Sogar die Obdachlosenzeitung akzeptiert Kreditkarten

Egal wie vintage die Klamotten auf den Flohmärkten im Hipster-Stadtteil Södermalm aussehen, die Verkäufer sind up to date: „Wir akzeptieren Visa oder Swish“ steht an fast allen Ständen. Mit der App Swish können Benutzer überallhin Geld überweisen, ganz einfach übers Smartphone. Als ich neulich über Facebook Uni-Bücher aus dem letzten Semester verkauft habe, fragte mich eine Interessentin direkt, ob sie bei mir mit Swish bezahlen könne.

Selbst die Kirche hat erkannt, wie sie den mauen Erträgen im Klingelbeutel entgegenwirken kann: Bei einem Lucia-Konzert in der Weihnachtszeit wies die Pastorin freundlich darauf hin, dass Spenden auch über den Automaten im Eingangsbereich möglich seien. Sogar die Obdachlosenzeitung „Situation Sthlm“ kann seit zwei Jahren mit Karte bezahlt werden.

Datenschützer in Deutschland bleiben kritisch

Als erstes Land in Europa führte Schweden im Jahr 1661 Geldscheine ein. Und während es womöglich das erste Land der Welt sein wird, in dem sie komplett unnötig sind, diskutiert Deutschland noch über die 5000-Euro-Bargeld-Grenze.

Einkäufe, die diese Grenze überschreiten, sollen dann nur noch per Überweisung, Scheck oder Kartenzahlung möglich sein. Die Bundesregierung hofft, dadurch Geldwäsche und Terrorfinanzierung eindämmen zu können. Datenschützer schlagen jedoch Alarm, denn noch ist Bargeld der einzige Weg, anonym einzukaufen. Jede andere Transaktion hinterlässt Spuren, die kommerziell genutzt werden können. Am Ende, so die ihre Befürchtung, könnten ganze Einkaufsprofile erstellt werden.

Dieses Auslesen der Kreditkartendaten passiert schon in den USA, wie Edward Snowden enthüllte. Und das könnte auch bald uns betreffen, denn fast alle Geldströme fließen über die Vereinigten Staaten.

Online-Banking wird zum Haushaltsbuch

In Deutschland sind wir noch weit entfernt von einer bargeldlosen Gesellschaft. Das liegt aber nicht nur an dieser abstrakten Angst der Deutschen, ihre Daten zu verraten. Viele glauben auch, mit Bargeld einen besseren Überblick über ihre Finanzen halten zu können. Das habe ich am Anfang auch gedacht.

Doch während früher ein 50-Euro-Schein an einem Samstag auf magische Weise irgendwo zwischen dem neuen T-Shirt, einem Döner an der Ecke und einem Eisbecher verschwand, ist das Online-Banking für mich mittlerweile zum digitalen Haushaltsbuch geworden. Es notiert mir jeden Einkauf fein säuberlich.

Blöd nur, dass ich erst nach dem Wochenende weiß, wie viel Geld wieder im Club geblieben ist. Wenn ich früher das festgelegte Feier-Budget aufgebraucht hatte, gab es eben nur noch Wasser. Heute ist die Hemmschwelle – vor allem ab dem dritten Drink – deutlich niedriger. Doch meine Zeit in Schweden hat mich gelehrt: Augen zu, Karte durch.