Wie ich Menschen diskriminierte, weil ich wie ein Vermieter dachte

Fast 200 Menschen reagierten auf mein Wohnungsangebot. Dabei erfuhr ich von den traurigsten Schicksalen. Und dann? Fing ich an, wie Vermieter*innen zu denken.

Komm rein. (Solange du bist, wie ich.) Quelle: Pixabay / CC0

Ich ziehe bald um, in eine größere Wohnung am Stadtrand von Bielefeld. Ich tausche eng gereihte Häuser, fremd gebliebene Nachbar*innen, laufende Automotoren und zuschlagende Haustüren gegen beliebte Wohnlage, Blick auf den Teutoburger Wald, Blick auf den Nachbarsbalkon und ruhigen Schlaf. Ich bin halt 30.

Um Nachmieter*innen zu finden, schaltete ich eine Anzeige, zentrale Zweizimmerwohnung mit Garten in Nordpark-Nähe, nannte die Details, nannte die Vorzüge, verschwieg die schlaflosen Nächte und wählte eine Laufzeit von 14 Tagen, um genügend ernst gemeinte Anfragen zu bekommen: Eine kleine Auswahl wäre doch nicht schlecht. Aber es kam anders. Noch am Abend fand ich 72 Anfragen in meinem Maileingang, und das war nur der Anfang. Zur Erinnerung: Das hier ist Bielefeld.

Eine Wohnungssuche ist mehr als die Suche nach einer Wohnung

Ich begann zu lesen. Die Leute schickten lange Nachrichten, gaben Privates preis, erzählten Lebensgeschichten, Zukunftspläne, Schicksale, Tragödien. Da waren die aus Syrien geflohenen Brüder, die demnächst ihr Studium beginnen wollen. Da war eine Tochter und ein Vater, aber keine Mutter, weil sie an Krebs gestorben ist. Da war die Mitarbeiterin der Straffälligenhilfe, die eine Wohnung für einen Haftentlassenen sucht. Die alleinerziehende Mutter eines Mädchens, das noch im Krankenhaus liegt, weil es ein Frühchen ist. Da war der Schlosser. Die chinesische Studentin. Der Rewe-Mitarbeiter. Die 30-Jährige, die gerne liest und joggt. Der Arzt. Die geschiedene Frau.

[Außerdem auf ze.tt: Wie die erste gemeinsame Wohnung unsere Beziehung zerstörte]

Und ich. Als ich das alles las, begriff ich zwei Dinge. Eine Wohnung ist viel mehr als eine Wohnung. Eine Wohnung ist ein Rahmen, für die Gemeinschaft in der wir leben wollen. Eine Basis für den Start in eine neue Lebensphase. Ein Zufluchtsort, wenn wir den Trümmern gescheiterter Beziehungen entkommen wollen. Das Zweite, das ich begriff: Es hatte sich, ganz plötzlich, etwas verändert, nachdem ich auf „Anzeige schalten“ geklickt hatte. Ich war in eine Machtposition geraten. Ich musste aussortieren. Aber wen?

Vermieter*innen wollen ein harmonisches Miteinander

Es gibt Gruppen, die es schwer haben auf dem Wohnungsmarkt. Migrant*innen zum Beispiel. Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass Migrant*innen aus der Türkei und aus dem Nahen Osten sowie Osteuropäer*innen stark benachteiligt werden, während EU-Migrant*innen und Migrant*innen der zweiten Generation, die akzentfrei deutsch sprechen, deutlich weniger diskriminiert werden. Gerade hat eine Recherche von Spiegel und BR erneut belegt, dass allein ein ausländischer Name für deutlich schlechtere Chancen sorgt. Auch der soziale Status spielt eine entscheidende Rolle. Hartz-IV-Empfänger*innen haben oft Probleme, eine gute Wohnung zu bekommen. Aber auch Paare mit Kindern oder Alleinerziehende haben es häufig schwerer.

Wen also wollen Vermieter*innen, nach welchen Kriterien entscheiden sie? „Grundsätzlich muss der Mieter natürlich in der Lage sein, die Miete zu bezahlen. Eine positive Schufa-Auskunft ist auch ein wichtiges Kriterium“, sagt Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus und Grund. Hinzu kämen auch viele sogenannte weiche Faktoren, die nicht zu unterschätzen seien: „Der Vermieter wird stark darauf achten, dass ein Mieter in die Mieterstruktur des Hauses passt, denn er ist an einem harmonischen Miteinander interessiert.“ Auch Sympathie spiele eine große Rolle, sagt Wagner.

Viele Anfragen ignorierte ich

Ich frage sie auch nach der Diskriminierung von Migrant*innen. „In Deutschland gilt das Antidiskriminierungsgesetz. Daran halten sich die privaten Vermieter“, ist ihre Antwort, auch mit Blick auf die Unterbringung von vielen Geflüchteten durch private Vermieter.

Und was habe ich gemacht? Habe ich mich an das Antidiskriminierungsgesetz gehalten? Wenn ich ehrlich bin, nein. Die Auswahl verlief etwa so: Anfragen in schlechtem Deutsch ignorierte ich. Erste Diskriminierung. Einem schwulen Paar hätte ich gerne zugesagt. Dann dachte ich an die anderen Hausbewohner*innen, die ich für sehr konservativ halte. Wie würden sie das finden? Meine Entscheidung fiel schnell und sie fühlte sich schlecht an: Ich würde den beiden nicht zusagen, falls sie die Wohnung wollen. Ich bevormundete damit meine Hausgemeinschaft und diskriminierte zum zweiten Mal. Als jemand, der sich als weltoffen und tolerant versteht. Als der letzte, der andere aufgrund von Herkunft, Biografie und sozialem Status benachteiligen würde. Und nun das. Mit einem Klick auf „Vielleicht“ sortierte ich weiter aus. Die Sache mit dem Straffälligen erschien mir zu kompliziert. Und manche Schicksale einfach zu groß für die 56 Quadratmeter dieser Wohnung.

[Außerdem auf ze.tt: Würdest du für 100 Euro Miete auf sechs Quadratmetern wohnen?]

Ich lade Menschen ein, die so sind wie ich

Ich machte es mir leicht. Vielleicht sind Vermieter*innen bequem. Sie schätzen das, was sie einschätzen können, was unkompliziert ist, sicher klingt. Junges, deutsches, heterosexuelles Studentenpaar mit finanzieller Absicherung durch die Eltern, zum Beispiel. Zwei solcher Paare lud ich ein. Ich handelte also instinktiv so, wie es viele Vermieter*innen taten. Zwei Pärchen, die es nicht schwer auf dem Wohnungsmarkt haben, machte auch ich es leicht. Vielleicht, weil sie so sind wie ich. Vielleicht, weil ihre Anfrage fehlerfrei formuliert war und weil das Vertrauen erweckt hat. Vielleicht, weil ich nicht erkannt habe, dass meine Macht auch die Macht ist, einer alleinerziehenden Mutter zu helfen, der Familie ohne Mutter oder den syrischen Brüdern. Kurz, etwas Sinnvolles mit meiner Machtposition anzustellen.

Stattdessen habe ich, gedankenlos und in Eile, meinen Daumen gesenkt. So wie viele andere Wohnungsanbieter*innen ebenfalls den Daumen senken, wenn sie mit unvertrauten Namen, fehlenden Sprachkenntnissen, schwierigen Biografien und unsicheren Berufsperspektiven in Berührung kommen. Aber eins verspreche ich: Beim nächsten Mal mache ich es besser.

  • Verstehst du das Dilemma des Autors?

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