Wie ich über Tinder meine beste Freundin kennenlernte

Wie Oma schon sagte: Auch beschissene Dates können noch für etwas gut sein.

Wir fanden uns auf Anhieb scheiße. Wie das eben so ist, wenn man seelenverwandt ist. © picture alliance / Westend61

Meine beste Freundin Nora ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Weil wir uns so gut verstehen, fragen uns Leute immer wieder, wie wir uns kennengelernt haben. Wenn ich ihnen dann nonchalant „Tinder“ antworte, ist die Reaktion immer die gleiche: irritiertes Gucken, angestrengtes Nachdenken. Aus den imaginären Denkblasen über ihren rauchenden Köpfen kann ich ablesen, was die Menschen dann beschäftigt. Die meisten denken zuallererst daran, dass ich anderer sexueller Orientierung sein könnte als angenommen. Meine beste Freundin sei dann das Resultat eines abgelehnten Flirts, der als Trostpreis eine Freundschaft erhalten hätte.

Manchmal lasse ich diese Version gelten. Im Grunde genommen steckt auch ein bisschen Wahrheit darin. Denn tatsächlich war eine Ablehnung der Grundstein für unsere Freundschaft. Es fing alles an mit dem schlechtesten Date der Welt. Ich war frisch von meinem Freund getrennt und suchte Ablenkung. Zur gleichen Zeit redeten alle von einer App namens Tinder. Die App gefiel mir auf Anhieb. Auch als sich viele über deren Oberflächlichkeit echauffierten. Dem setze ich bis heute energisch entgegen, dass niemand, wirklich niemand, im wahren Leben jemanden auf der Straße ansprechen würde, weil er oder sie so einen tollen Charakter hat. Als waschechte Myspace-Jüngerin der ersten Stunde kannte ich mich ohnehin bestens im Online-Dating aus.

[Außerdem auf ze.tt: Vergiss die Partnersuche. Tinder ist das beste Trinkspiel]

Das Kennenlernen findet leider trotzdem im echten Leben statt

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Match. Es war ein grauer Tag in einer zu 99 Prozent verregneten Jahreszeit, die man hierzulande Sommer nennt. Mir war langweilig, also beschloss ich, Tinders Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Ich ertinderte mir einen Sportstudenten, für Kölner Verhältnisse nichts Ungewöhnliches. In den darauffolgenden Wochen traf ich mich regelmäßig mit … sagen wir Felix. In der Retrospektive würde ich unsere Dates als okay bezeichnen. Nette Gespräche, harmlose Unternehmungen, nichts weiter. Ich war mir aber bald ziemlich sicher, dass er über seinen Platz in meinem Universum Bescheid wusste: nur Freundschaft.

Eines Abends meinte er, mir seine Stammkneipe zeigen zu müssen. In der Bar angekommen, trank er sich in wenigen Minuten ins Delirium. Hinzu kam, dass er als Stammkunde des Ladens jeden kannte. So war es für ihn kein Problem, mich mehrmals alleine stehenzulassen, um sich jeweils halbstündig mit anderen Personen zu unterhalten. Irgendwann drehte er mir sogar mitten an der Theke den Rücken zu, um sich mit einer schönen Frau zu unterhalten.

Oh, preiset den Herrn für Gin Tonic und Facebook

Ich musterte die Frau. Top mit Leopardenprint, kurze Shorts, blonde Wallemähne. „Tussi“, dachte ich. Ihr Urteil fiel ähnlich charmant aus, wie sie mir später erzählte. Wir fanden uns also auf Anhieb scheiße. Wie das eben so ist, wenn man seelenverwandt ist. Als ich Gefahr lief, mich für weitere zehn Minuten mit Felix‘ Kehrseite abgeben zu müssen, handelte ich. Ich bestellte einen Gin Tonic und suchte mir andere Gesellschaft. Das klappte ganz gut und ich merkte nicht, dass mich Felix‘ Freundin dabei genau beobachtete.

Als wir am Ende des Abends überlegten, wo wir als Nächstes hinziehen wollten – ich hatte einige Stammkund*innen schon zu meinen neuen Freund*innen gemacht – stellte sie sich neben mich. Sie verwickelte mich in ein Gespräch und fragte mich nach meinen Namen auf Facebook. In alkoholinduzierter Umnachtung nannte ich ihn ihr, trotz der anfänglichen Antipathie. Dann verabschiedete ich mich freundlich und zog mit den anderen weiter.

[Außerdem auf ze.tt: Aww! Die Dating-App für Misanthropen ist da]

Es kommt darauf an, was man daraus macht

Als ich am nächsten Morgen verkatert mit meinem Handy spielte, entdeckte ich ihre Freundschaftsanfrage auf Facebook. Ich nahm die Anfrage an. „Na, tolles Date gehabt? ;)“, fragte sie. Ich mochte ihr Wesen auf Anhieb. Nach einer Weile virtuellen Plauderns verabredeten wir uns auf einen Kaffee. Als wir bei ihr in der Küche saßen, erzählte sie mir, dass sie mich kennenlernen wollte, weil sie meine Art, mit dem misslungenen Date umzugehen, sympathisch fand. Viele weitere Treffen folgten.

Mittlerweile hat sich unsere Kennenlerngeschichte zu meiner Lieblingsrechtfertigung etabliert, wann immer jemand den Drang verspürt, Tinderuser*innen eindeutige Absichten zu unterstellen. Ich werde nicht müde zu betonen, dass man immer unvoreingenommen an (Tinder-)Dates herangehen sollte. Diese Taktik hat mich bereits um einige gute Seelen reicher gemacht.

Tinder kann eben mehr als eine Bums-App sein, wenn man selbst entscheidet, wie man sie benutzt. Für mich ist die App mittlerweile eine Vermittlerin zwischen Menschen, die sich im Alltag vielleicht nicht über den Weg laufen würden. Auch wenn ich mich nicht als heroische Repräsentantin aller Tinder-Nutzer*innen sehe, fällt der Socializing-Aspekt dieser App meiner Meinung nach viel zu sehr unter den Tisch. Wenn den Menschen dieser Nutzen bewusster wäre, könnten wir endlich damit aufhören, alle User*innen dieser App über einen Kamm zu scheren. Denn wie bei so vielen Dingen im Leben entscheidet die subjektive Einstellung über den Ausgang der Dinge.