Wie ihr auch ohne Internet eure Einsamkeit überwindet

Je größer die Stadt, desto größer die Anonymität. Ein Plädoyer dafür, näher aneinanderzurücken – ohne App, ohne Internet: ganz analog. 

© Ludovic Marin/AFP/Getty Images

Einsam in der Stadt? Das ist ein häufiges Phänomen. © Ludovic Marin/AFP/Getty Images

Durch die Stadtluft schwirrt eine Art Hassliebe. In guten Zeiten schätzen wir die vielen Möglichkeiten, die fremden Menschen, die dreckige Schönheit – in schlechten Zeiten verdammen wir den Müll auf den Straßen, die Menschenmassen mit Tunnelblick, die alles verschlingende Größe.

Zu den Suchbegriffen „Studie“, „Einsamkeit“ und „Großstadt“ spuckt Google beängstigende Ergebnisse aus: Angstzustände und Depressionen kommen in der Stadt drei bis vier Mal häufiger vor als auf dem Land. Das hat das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) an der Universität Mannheim herausgefunden.

Nun besteht zwischen Einsamkeit und psychischen Störungen kein direkter, kausaler Zusammenhang. Nicht jeder, der sich ab und zu einsam fühlt, bekommt oder hat Depressionen. Doch unterschätzen sollten wir den Wert der Gemeinschaft nicht, sagt auch Dr. Meyer-Lindenberg, Direktor des ZI in Mannheim. „Ein soziales Netzwerk ist für die psychische Gesundheit eines Menschen sehr wichtig. 80 Prozent der Menschen in der Stadt kennen ihre Nachbarn nicht“, erklärte er Spiegel Online.

Die Wissenschaft weiß nicht genau, warum Menschen in der Stadt häufiger an psychischen Erkrankungen leiden. Dr. Florian Lederbogen, Oberarzt am ZI sagt: „Wir kennen nur Teile des Puzzles: Beispielsweise wissen wir, dass Menschen, die in großen Städten leben und eine Minderheit bilden oder sich danach fühlen, anfälliger für psychische Krankheiten sind. Warum insbesondere Menschen in Städten einsamer sind, können wir nicht genau sagen, dazu fehlen die entsprechenden wissenschaftlichen Studien.“

Apps allein sind nicht die Lösung

Wie können wir mit der urbanen Anonymität brechen? Was hindert uns daran, ins nächste Café zu gehen, jemanden anzulächeln und zu fragen: „Hi, darf ich mich zu dir setzen?“ Das Gefühl sagt: Sowas macht man nicht. Ist es ein innerer Kodex, Angst vor Ablehnung oder Scham? Überschreiten wir mit offensivem, freundlichen Verhalten ungeschriebene Gesetze der Coolness?

Einen Weg aus der Anonymität sollen heute ausgerechnet Apps bieten wie wirnachbarn.com, nebenan.de oder domeafavour.mobil. Ihr Ziel ist es, die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme mit den Nachbarn zu senken. Haben wir etwa verlernt, beim Nachbarn um Hilfe zu fragen? Brauchen wir dazu tatsächlich digitale Räume?

Einige Erfahrungsberichte zeigen, dass die Apps weniger gut funktionieren. Dafür müssten sich genug Menschen im Umfeld bei einer App registrieren – was bisher selten der Fall ist. Melden wir uns an und bemerken, dass im Umkreis von fünf Kilometern kein anderer Mensch angemeldet ist, verlieren wir schnell die Motivation. Zudem schließt die App viele Menschen aus: Personen ohne Smartphone oder Internet, ohne Englisch- oder Deutschkenntnisse haben es schwer, die Apps zu nutzen.

Lieber mal analog

Anscheinend wollen, können, müssen wir heutzutage auf das Netz zurückgreifen (oder uns eben verschanzen) – obwohl der Gang zum Nachbarn nur knappe zehn Schritte braucht. Ohne Internet geht es nicht mehr?

Es gibt gute Beispiele dafür, dass Kennenlernen und Begegnungen auch analog funktionieren – zum Beispiel mit einem Straßenfest wie dem Tag des guten Lebens, der seit 2014 in Köln stattfindet. Zahlreiche Freiwillige initiierten dieses Fest, um für einen Sonntag im Jahr einen Stadtteil vom motorisierten Verkehr zu befreien. Statt Autos tummeln sich Menschen auf der Straße, Stände wohltätiger Projekte und lange Essenstafeln säumen die Gehsteige.

Neben dem Ziel, auf nachhaltige Alternativen der Stadtgestaltung aufmerksam zu machen, soll das Fest die Nachbarschaft solidarisieren. Zahlreiche Nachbarschaftsstammtische etablierten sich, um den Tag des guten Lebens zu einem tollen Erlebnis zumachen – das berichten auch Besucher und Besucherinnen des Festivals.

Direkt ein Straßenfest zu organisieren, ist für den Anfang eventuell eine Nummer zu groß. Doch auch in kleinen Schritten können wir aus unser Blase treten  – ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

Anstatt vorwurfsvolle Zettel in den Hausflur zu hängen, könnten wir die Nachbarn freundlich um Verständnis bitten. Anstatt sich mit Tinder auf die Suche nach dem Partner fürs Leben zu begeben, könnten wir sympathische Menschen in einer Bar ansprechen. Statt sich über die Unfreundlichkeit anderer Menschen aufzuregen, schenkt dem Sitznachbarn in der Uni doch mal wieder ein Lächeln – am Ende wird wohlmöglich eine Freundschaft daraus.