Wie ihr in einem Jahr fünf Sprachen lernt

Milliardär Bill Gates hat fast alles. Und doch bereut er etwas. Nämlich, dass er keine Fremdsprache spricht. Damit ist Gates nicht allein. Wir zeigen euch, wie ihr mit ein bisschen Disziplin gleich mehrere Sprachen lernen könnt.

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Puh. Gar nicht so einfach! © hospedante/photocase.de

Denn auch, wenn man selbst eine oder zwei Fremdsprachen beherrscht, wünscht man sich doch von Zeit zu Zeit — meistens im Urlaub — noch mindestens eine weitere Sprache sprechen oder verstehen zu können. Meist fehlt jedoch die Zeit dafür, einen Sprachkurs zu besuchen. Dabei kann man fremde Sprachen auch sehr schnell selbstständig erlernen. Wie das geht, hat Evgenia Kashaeva von „Fluent in 3 Months“ vorgemacht: Sie hat innerhalb von nur einem einzigen Jahr gleich fünf Fremdsprachen erlernt — ganz ohne konventionellen Sprachkurs.

Die Idee für ihr Vorhaben hatte Evgenia nach der Lektüre des Buches „Babel No More“ von Michael Erard. Darin macht sich der Autor auf die Suche nach Menschen, die erfolgreich mindestens elf Sprachen gelernt haben und erforscht, was andere Menschen beim Erwerb einer Fremdsprache von ihnen lernen können.

Evgenia selbst sieht das Erlernen von Fremdsprachen als den einfachsten Weg an, das Gehirn und das Erinnerungsvermögen zu trainieren. Außerdem glaubt sie, dass es beim Erlernen neuer Sprachen vor allem auf das richtige Zeitmanagement ankommt.

Die russische Muttersprachlerin erstellte daher für sich einen ehrgeizigen „Stundenplan“:

Montag — Deutsch (nach einem Jahr auf Niveaustufe B2)
Dienstag — Spanisch (nach einem Jahr auf Niveaustufe A1)
Mittwoch — Französisch (nach einem Jahr auf Niveaustufe A2)
Donnerstag — Chinesisch (nach einem Jahr auf Niveaustufe B2)
Freitag — Tschechisch (nach einem Jahr auf Niveaustufe A2)

Alle fünf Sprachen spricht Evgenia jetzt mehr oder weniger gut. Beeindruckend ist die Leistung aber allemal. Uns hat sie ihre besten Tipps verraten, mit denen angeblich jeder in kurzer Zeit zumindest die Grundlagen einer neuen Sprache lernen kann.

Schritt 1: Verschwendete Zeit aufdecken

Schreibt genau auf, wieviel Zeit ihr pro Tag auf sozialen Netzwerken verbringt. Dann multipliziert diese Zahl mit sieben und mit 52. „Ihr werdet erstaunt darüber sein, wieviel Zeit ihr dafür nutzen könntet, an eurem Ziel zu arbeiten“, meint Evgenia.

Wenn ihr 2,5 Stunden pro Tag „übrig“ habt, müsst ihr aber nicht am Stück durchbüffeln. Teilt die Zeit stattdessen auf und lernt zum Beispiel je 30 Minuten am Morgen und in der Mittagspause und 1,5 Stunden am Abend.

„Wenn ihr etwas tun wollt, dann fangt sofort heute damit an“, rät Evgenia. Sie empfiehlt außerdem, eine App wie „Offtime“ auf dem Smartphone zu installieren und so sicherzustellen, dass ihr während eurer Lernzeit nicht abgelenkt werdet.

Schritt 2: Routinen optimieren

Dieser Punkt trägt auch den Untertitel: „Lasst nicht zu, dass eure Interessen euer Familienleben zerstören“.

Prüft hier, wie viel Zeit ihr täglich für bestimmte Aufgaben wie Putzen, Waschen oder Kochen benötigt und ob sich diese nicht noch optimieren lassen. „Egal, welche Routinen und Aufgaben ihr habt, es ist bestimmt möglich, sie effektiver zu gestalten“, meint Evgenia. Sie hat sich beispielsweise einen Geschirrspühler, einen Saugroboter und eine Thermomix-ähnliche Küchenmaschine angeschafft, um mehr freie Zeit für das Sprachenlernen zu haben. Es wäre aber auch denkbar, dass ihr die Haushaltsaufgaben einfach besser verteilt und beispielsweise dem Partner oder den Kindern (sofern vorhanden) bestimmte Aufgaben übertragt. So schafft ihr mehr freien Raum für das Erlernen der Fremdsprachen, ohne dafür Zeit zu opfern, die ihr vorher mit eurer Familie oder euren Freunden verbracht habt.

Schritt 3: Verteidigt die Zeit für euch

Wenn ihr euch zusätzliche Zeit freigeschaufelt habt, solltet ihr diese auch verteidigen. Erklärt diese Stunden oder Minuten zur ganz persönlichen Zeit für euch und euer Vorhaben und lasst nicht zu, dass sie durch andere Dinge in Beschlag genommen wird.

„Es wird nicht klappen, etwas Bedeutendes zu schaffen oder verschiedene Sprachen zu lernen, wenn ihr keine Zeit habt, euch hinzusetzen und in aller Ruhe daran zu arbeiten“, weiß Evgenia aus eigener Erfahrung. Eure Zeit ist kostbar, daher solltet ihr sie weise nutzen — und zwar um die neuen Sprachen zu lernen.

Schritt 4: Erstellt einen Plan für die kommenden zwölf Wochen

Laut Evgenia arbeiten wir alle am besten, wenn wir uns Deadlines setzen. Aber eine Deadline am Ende des Jahres ist zu wenig. Das wissen alle, die sich schon einmal gute Vorsätze für das neue Jahr vorgenommen haben, wie beispielsweise fünf Kilo abzunehmen, nur um dann im Dezember festzustellen, dass sie diese nicht mehr erreichen werden.

Evgenia empfiehlt daher, sich einfach vorzustellen, dass das Jahr nur 12 Wochen statt 12 Monate dauern würde. „Macht euch selbst ein Geschenk: Setzt euch vier Deadlines pro Jahr, und ihr werdet im Dezember überrascht und stolz sein, was ihr alles geschafft hat“, schreibt sie.

Stellt euch dafür außerdem vor, dass jede Woche des 12-Wochen-Zeitraums einen vollen Monat repräsentiert und zwingt euch durch diese Vorstellung dazu, wirklich jeden Tag an eurem Ziel zu arbeiten.

Schritt 5: Konzentriert euch auf die Ziele, die ihr euch gesetzt habt

Um fünf Sprachen zu lernen, konzentrierte sich Evgenia jeden Tag darauf, in einer Sprache Fortschritte zu erzielen. Sie machte dabei die Erfahrungen, dass es sehr schwer und anspruchsvoll ist, jeden Tag auf eine neue Sprache umzuschalten.

Daher empfiehlt sie Anfängern ohne fremdsprachlichen Hintergrund auch nicht, direkt mit dem Erlernen von fünf oder nur drei Sprachen zu beginnen. Zwei Sprachen sind laut ihrer Erfahrung aber absolut machbar.

Dafür empfiehlt sie, sich pro Tag zwei Stunden dem Selbststudium zu widmen und täglich für 30 Minuten mit einem passenden Muttersprachler zu skypen. „Durch die Skype-Telefonate konnte ich das, was ich im Selbststudium gelernt hatte, noch einmal festigen“, fasst Evgenia ihre Strategie zusammen.

Evgenias Fazit und Empfehlungen nach einem Jahr

„Ehrlich gesagt, war es eine große Herausforderung, sich ein Jahr lang nach dem strengen Stundenplan zu richten“, fasst Evgenia ihre Erfahrungen zusammen. „Ohne viel Selbstdisziplin hätte ich das nie geschafft. Ab und zu habe ich auch mal eine Lernstunde ausfallen lassen, weil ich einfach schlafen musste.“ Trotzdem sei das Ergebnis die Mühe wert gemesen, meint sie.

Wenn ihr euch jetzt auch daran machen wollt, mehrere Fremdsprachen zu erlernen, aber immer noch nicht wisst, wie und wo ihr am besten anfangen solltet, haben wir für euch noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst:

1. Erstellt eine Liste mit den Sprachen, die ihr erlernen wollt.

2. Bewertet jede Sprache auf eurer Liste in den folgenden drei Kategorien mit null bis fünf Punkten: Wie groß ist euer Interesse an der Sprache (seid ihr nur neugierig oder ist es eine wirkliche Leidenschaft)? Habt ihr einen praktischen Nutzen davon, die Sprache zu sprechen (bei der Arbeit oder auf Reisen)? Wie viel Lernmaterial und Muttersprachler gibt es (handelt es sich um eine weitverbreitete oder eher seltene Sprache)?

3. Addiert die Punktzahlen der einzelnen Kategorien für jede Fremdsprache und fangt mit der Sprache an, die die höchste Punktzahl erreicht hat.

4. Erstellt einen 12-Wochen-Plan, der Aussprache, erste Grammatik-Regeln und den Grundwortschatz umfasst. Fangt so früh wie möglich an, in der Fremdsprache zu schreiben und euch mit Muttersprachlern zu unterhalten.

5. Lernt mindestens eine Stunde pro Tag. Dann werdet ihr nach zwölf Wochen laut Evgenia bei einer neuen Sprache mindestens auf dem Level A1 sein.

6. Wenn ihr nach zwölf Wochen immer noch eine Fremdsprache lernen wollt, dann nehmt euch die nächste von eurer Liste vor. Bringt euch die Grundlagen selbst bei und vergesst nicht, über Skype oder andere Kanäle den Kontakt zu Muttersprachlern zu suchen.

So könnt ihr zwar nicht fünf Fremdsprachen in einem Jahr erlernen, aber die Grundlagen von vier Sprachen sind immerhin drin. Und das ist doch schon einmal ein guter Anfang.

 

Von Carolin Ludwig auf Business Insider Deutschland.