Wie ist es, auf dem Weihnachtsmarkt zu arbeiten?

Einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken: Geht klar! Aber dort arbeiten? Nein, danke. Wir haben uns erklären lassen, warum der Job auf dem Weihnachtsmarkt besser ist als gedacht – und was daran auf jeden Fall nervt.

"Man trifft unglaublich viele interessante Menschen, die mit der Zeit zu richtigen Freuden werden."

"Man trifft unglaublich viele interessante Menschen, die mit der Zeit zu richtigen Freuden werden."

Die einen können sich nichts Schlimmeres als den Trubel um Karussells, Bratwurst- und Glühweinstände vorstellen – die anderen blühen beim Geruch von gebrannten Mandeln und kandiertem Obst erst richtig auf. Warum finden sich jedes Jahr immer wieder Leute, die gerne auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten? Worin besteht der Reiz und was nervt richtig?

Sebastian arbeitet gefühlt sein ganzes Leben auf dem Markt. Der 32-Jährige verkauft Hüte, Mützen und Accessoires auf dem Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg in Hamburg. Der Familienstand hat jeden Tag geöffnet, mindestens zehn Stunden lang. Am Wochenende, wenn am meisten los ist, ist Sebastian den ganzen Tag da.

„Wenn man sie wochenlang jeden Tag hört, verändert sich das Verhältnis zu Wham, Bing Crosby und Co. schon ein wenig.“

sebastian
Sebastian im Hutstand seiner Familie in Hamburg.

„Der Weihnachtsmarkt ist ein deutsches Kulturgut und das Ambiente ist einmalig“, sagt er. „Es herrscht eine ausgelassene Atmosphäre, man kann sich jede Menge schöner Sachen ansehen, und an jeder Ecke wartet etwas Verlockendes.“ Vor allem die Düfte von gebrannten Mandeln, Bratwürsten oder Feuerzangenbowle haben es Sebastian angetan.

Aber nur Begeisterung empfindet Sebastian auch nicht, wenn er täglich in der Kälte auf dem Markt steht und Hüte vertickt. Die Geräuschkulisse kann doch ziemlich anstrengend werden: „Seitdem ich auf dem Weihnachstmarkt arbeite, hat der Begriff Ohrwurm eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen“, sagt Sebastian. „Wenn man sie jedoch wochenlang jeden Tag hört, verändert sich das Verhältnis zu Wham, Bing Crosby und Co. schon ein wenig. Man ist dann nicht mehr ganz so empfänglich für die Weihnachtslieder – und Rudolph The Rednosed Reindeer kann einem mit seiner roten Nase gestohlen bleiben.“

„Die Menschen freuen sich auf Weihnachten, sind entspannt und freundlich.“

Mareike hat in diesem Jahr zum ersten Mal auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein ausgeschenkt, bisher drei Mal. Der Grund ist wenig romantisch: „Ich habe mich in erster Linie aus finanziellen Gründen beworben“, sagt die 26-Jährige. Immerhin kann man auf dem Weihnachtsmarkt in kurzer Zeit gut Geld verdienen, ohne sich ewig lang an einen Aushilfsjob ketten zu müssen.

Trotzdem wirkt der Weihnachtsmarktcharme auch auf Mareike. „Mir gefallen die geschmückten Buden, die weihnachtliche Musik macht gute Laune und die Menschen freuen sich auf Weihnachten, sind entspannt und freundlich“, sagt sie. „Was mir an der Arbeit nicht gefällt: danach wie ein Räucherfisch zu riechen, weil in der Nähe von dem Stand ein Feuerkorb steht und der Nachbar der Grillstand ist.“

„Man trifft unglaublich viele interessante Menschen, die mit der Zeit zu richtigen Freuden werden.“

Monika erlebt auf dem Weihnachtsmarkt schon härtere Sachen als nur Rauch in den Klamotten. Ab und an gebe es an der Imkerbude, an der sie jährlich arbeitet, Stress mit Leuten, die über den Durst trinken und ihr hässliches Gesicht zeigen. „Da kämpfen dann die Kapitalistin und die Idealistin in mir, wie viel rassistische und sexistische Kackscheiße ich am Tag ertrage“, sagt die 26-Jährige. „Vorgestern habe ich drei Typen nicht mehr bedient, weil mir das doch ein wenig zu braun wurde.“

Monika in ihrem Imkerstand.
Monika in ihrem Imkerstand.

Ansonsten genießt die Studentin ihren Job auf dem Weihnachtsmarkt in Quedlinburg, einem Fachwerkstädtchen am Harz. „Wir haben Honig, Bienenwachskerzen, ein paar Cremes und auch Met im Ausschank. Also ist meine Arbeit da so eine Kreuzung aus Beratung, verpacken, ausschenken und spülen.“ Inzwischen hat sie Erfahrung darin: Monikas Großvater war Imker, ihr Vater ist Imker – und seid circa 20 Jahren steht ihre Familie auf Weihnachtsmärkten.

„Privat besuche ich keine Weihnachtsmärkte mehr“, stellt Monika fest, „der Zauber, den die Märkte auf Besucher ausüben, spüre ich so nicht.“ Reiz hat das Ganze trotzdem: „Man Trift unglaublich viele interessante Menschen, die mit der Zeit zu richtigen Freuden werden.“ Vom kauzigen Alten aus dem Harz über japanische Touristen bis zu Berliner Hipstern sei alles dabei. „Und die Gespräche sind besonders: Da die Leute einen wahrscheinlich nicht noch mal sehen werden, erzählen sie einem, die Zunge gelöst vom Met, Sachen, die sie normalerweise nicht erzählen würden.“