Wie kann es sein, dass wir jetzt noch neue Walarten entdecken?

Vor der Küste Madagaskars sind Forschern zum ersten Mal Aufnahmen eines lebendigen Omurawals gelungen. Wie kann es sein, dass wir im Meer jetzt noch Tiere entdecken, die bis zu zwölf Meter lang werden und 20 Tonnen wiegen? Drei Fragen an den Meeresbiologen Boris Culik.

© Salvatore Cerchio/Royal Society Open Science journal

Die erste Aufnahme eines lebendigen Omurawals © Salvatore Cerchio/Royal Society Open Science journal

Die Aufregung im Netz war groß, als ein Team um den Wissenschaftler Salvatore Cerchio vom „New England Aquarium“ aus Boston in den USA vor kurzem Aufnahmen eines lebendigen Omurawals veröffentlichte. Erst im Jahr 2003 war überhaupt bestätigt worden, dass diese Walart existiert. Seitdem waren neun Exemplare gesichtet worden – von denen jedoch alle tot an Küsten angespült wurden. Lebendig gesehen hatte ihn noch niemand, bis Cerchio und sein Team kamen.

Ze.tt hat mit dem Meeresbiologen Boris Culik (56) aus Kiel über die Entdeckung gesprochen. Er beschäftigt sich seit etwa 20 Jahren mit Walen. Culik hat früher am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel gearbeitet. Mittlerweile betreibt er sein eigenes Forschungsunternehmen fhoch3. Er untersucht dort, wie bei der Fischerei in der Ostsee der Beifang von Schweinswalen vermieden werden kann.

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Herr Culik, wie kann es sein, dass man im Jahr 2015 noch neue Walarten entdeckt? Immerhin ist das Tier bis zu zwölf Meter lang.
Boris Culik: Man hat den Omurawal vermutlich schon öfter gesehen, ihn aber wahrscheinlich für einen Sei- oder Brydewal gehalten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Arten sind teilweise nicht sehr groß. Wenn die Walart dann noch sehr selten ist, kann das schon mal passieren.

Der Meeresbiologe Boris Culik © Boris Culik
Der Meeresbiologe Boris Culik © Boris Culik

Wie hat man dann überhaupt festgestellt, dass es sich um eine eigene Art handelt?
Culik
: Sowas funktioniert in der Regel über Morphologie und DNA-Analysen. Damit lässt sich eindeutig bestimmen, ob es eine neue Art ist oder nicht. Diese Identifikation funktioniert auch, wenn die Wale schon tot sind.

Kann es sein, dass wir künftig noch weitere neue Arten entdecken?
Culik: Das ist gut möglich. Es gibt eine ganze Gruppe von Walen, von denen wir sehr wenig wissen: die Zweizahnwale. Insgesamt ist unser Wissen bei rund zwei Drittel aller Arten sehr lückenhaft. Manche Wale kommen nur zum Atmen für zehn Minuten an die Oberfläche und bleiben dann bis zu zwei Stunden in 2000 Metern Tiefe. Da ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, sie zu entdecken. Außerdem geht die Aufspaltung der Arten weiter. Es gibt Wale, die vor 1000 Jahren noch eine Art waren und sich mittlerweile in drei Unterarten aufgespaltet haben.