Wie kann ich Mode konsumieren, ohne andere auszubeuten?

Mode mag schön aussehen, doch kann man sie überhaupt noch guten Gewissens kaufen? Ein Interview.

Hier laufen Models für Marina Hoermanseder bei der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin im Jahr 2014. © Peter Michael Dills/Getty Images for IMG

Damit wir jeden Tag gut gekleidet durch unseren Alltag schlendern können, müssen Menschen am anderen Ende der Welt ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben gefährden. Schlechte Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung sind bekannt, doch „Fast Fashion“ boomt.

Sollte man, wenn einem Menschen und Umwelt am Herzen liegen, der Mode nun generell entsagen? Seit Dienstag flaniert die halbe Branche auf der Fashion Week in Berlin. Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind bei den offiziellen Mercedes Benz Fashion Week-Veranstaltungen kein großes Thema. Allerdings gibt es ein extra Event, den Greenshowroom. Dort wird nachhaltige und ökologisch produzierte Mode vorgestellt.

Die britische Journalistin und Mode-Fan Tansy E. Hoskins hatte genug von Meldungen über Chemikalien im Shirt und einstürzenden Fabriken. In ihrem Buch „Das antikapitalistische Buch der Mode“ deckt sie das schmutzige Geschäft auf. Sie erklärt, warum die Branche zutiefst sexistisch, rassistisch und umweltzerstörend ist. Sie zeigt aber auch Auswege.

[Außerdem bei ze.tt: Welche Modebrands giftfrei produzieren – und welche nicht]

ze.tt: Tansy, wie war dein Verhältnis zur Mode vor deiner Recherche?
Tansy:
Als ich ein Teenager in den 1990ern war, bin ich fast jeden Samstag mit meinen Schulfreundinnen shoppen gegangen. Wir haben all unser Taschengeld für Klamotten ausgegeben. Wir hatten keine Ahnung, dass es ein Problem mit den Teilen gab, die wir kauften. Zu Hause wurde ich zwar erzogen, secondhand zu kaufen, aber erst in der Uni-Zeit, als das wieder cool war, bin ich mit meinen Kommilitoninnen auf Flohmärkte und in kleine Läden gegangen.

Mein Wunsch nach immer mehr Klamotten war allerdings unerschöpflich. Deswegen habe ich das Buch begonnen; um herauszufinden, was zur Hölle da in meinem Kopf abgeht. Jetzt weiß ich viel besser, was mich dazu bringt, shoppen zu wollen und ich kann stattdessen etwas machen, was mich tatsächlich glücklich macht.

Was war das Schockierendste, was du während der Recherche zu deinem Buch gelernt hast?
Die Recherche war ziemlich düster, muss ich sagen. Der Einsturz der Rana Plaza-Fabrik passierte eine Woche, bevor ich das Manuskript eingereicht habe. Wie die 1.138 Menschen dort ums Leben gekommen sind, ist einfach unglaublich grausam und brutal.

Ich wusste aber auch nicht, dass Models schlecht behandelt werden. Ich habe eine Geschichte gehört, da wurde die Hornhaut eines Models von zu starken Blitzen in Shootings verbrannt! Im Krankenhaus stellte sie fest, dass sie nicht die einzige Betroffene war. Frauen werden in dieser Branche als Wegwerfartikel benutzt.

Es bedeutet rein gar nichts für die Marken, T-Shirts mit feministischen Slogans zu machen, wenn in den Fabriken, in denen sie gemacht werden, arme Frauen arbeiten und es keine Notausgänge gibt.“

Die Modeindustrie kommt seit Jahren selbstironisch oder selbstkritisch daher. Mitunter werden sogar politische Botschaften aus dem Punk oder Feminismus auf T-Shirts gedruckt. Was hältst du davon?
Die Modeindustrie ist Godzilla: Sie frisst alles auf ihrem Weg und spuckt es als Trend aus. Jede Bedeutung geht dabei verloren. Es bedeutet rein gar nichts für die Marken, T-Shirts mit feministischen Slogans zu machen, wenn in den Fabriken, in denen sie gemacht werden, arme Frauen arbeiten und es keine Notausgänge gibt.

Menschen wollen heute Authentizität, sei es von Politiker*innen, Musiker*innen oder in der Modebranche. Marken müssen anfangen, zu tun, was sie predigen, wenn sie überhaupt noch authentisch sein wollen.

Wie beeinflusst Kommerzialisierung die ursprüngliche Botschaft?
Manche Menschen denken, wenn etwas beliebt und in den Läden angekommen ist, dann ist es zerstört. Ich glaube aber, dass Bewegungen wie der Feminismus größer, stärker und globaler sind als das – und nicht durch einen Trend zerstört werden können. Frauen werden weiter für die Gleichberechtigung kämpfen, egal welche Botschaften die Läden gerade verkaufen.

Trends sind immer eine Reflexion dessen, was gerade auf der Straße beliebt ist. Von daher sehe ich diese „falschen feministischen T-Shirts“ als ein Zeichen, dass die Bewegung wächst und immer beliebter wird. Marken springen halt auf diesen Wagen auf.

Ausbeutung steckt in jeder Kleidung.“

Mittlerweile verkaufen viele Modemarken organische Baumwolle oder übernehmen das Recycling für ihre Kundschaft. Was denkst du über die Greenwashing-Versuche der großen Marken?
Sie sind eine Reflexion, dass Umweltschutz mittlerweile ein Schlüsselthema ist und etwas, was die Menschen beschäftigt. Trotzdem denke ich, dass es komplett hinterlistig ist und es schlicht keinen Weg gibt, wie Fast-Fashion-Marken umweltfreundlich sein können.

Ich denke, Marken entscheiden sich für diese Greenwashing-Kampagnen, weil sie mit ihnen so tun können, als ob sie umweltfreundlich seien. Es gibt keinen Weg, so zu tun, als seien sie arbeiterfreundlich, denn Menschen haben Stimmen und könnten von der Wahrheit erzählen. Der Regenwald widerspricht nicht.

Jede*r kann etwas tun, aber nicht an der Kasse

Ist es besser, ein teures Teil bei einer Kette zu kaufen, das vielleicht länger hält, als ein billiges von schlechterer Qualität?
Was sich Menschen kaufen wird zunächst davon diktiert, was sie sich leisten können. Deswegen halte ich nichts davon, dass sich die Modeindustrie grundlegend ändere, wenn du andere Kaufentscheidungen machst. Der Weg, um die Industrie zu ändern, ist, individuelle Entscheidungen zu vergessen und sich stattdessen in kollektiven Organisationen zu engagieren, die sich für Gewerkschaften und den Kampf der Arbeiter*innen einsetzen. Das ist viel produktiver, effektiver und vor allem erfüllender.

[Außerdem bei ze.tt: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück]

Wie könnte eine antikapitalitische Modeindustrie aussehen?
Unsere zukünftige Gesellschaft sollte sich mehr um Rechte drehen. Für Näher*innen könnte das bedeuten, nicht für 16 Stunden zu ärmlichen Löhnen zu arbeiten. Für Konsument*innen, sich nicht mehr schlecht fühlen zu müssen, was sie tragen und nicht Sachen zu bekommen, die Müll sind und voller Chemikalien. Für die Umwelt würde es bedeuten, nicht zerstört zu werden.

Wenn wir diese Art von Rechten hätten, würden wir uns endlich um Probleme wie Überproduktion und Müll kümmern, die so viel kaputt machen.

Wie konsumierst du Mode jetzt, seitdem du das Ausmaß kennst?
Ich liebe Mode immer noch. Ich kann viele große Marken aber nicht ausstehen, sie sind einfach grausam. Ich mag Sachen von kleinen, unabhängigen Designer*innen und meistens kaufe ich auch secondhand. Trotzdem ist mein Kleiderschrank auch nicht perfekt: denn Ausbeutung steckt in jeder Kleidung. Und es macht keinen Sinn, den perfekten Kleiderschrank zu haben, wenn der Rest der Welt im Chaos versinkt. Dadurch fühle ich mich schlecht, sodass ich weiter darüber nachdenke und schreibe.

Selbst wenn ich nicht mehr bei H&M oder ähnlichen Marken einkaufe, helfe ich einer Näherin in Bangladesch nur indirekt oder gar nicht. Was kann ich wirklich tun?
Mega viel! Du kannst die Marken über soziale Kanäle zur Rede stellen: Frage sie #whomademyclothes und hilf so, Druck für Kampagnen über Notausgänge, faire Gehälter und Gewerkschaften auszuüben. Du kannst Politiker*innen schreiben und sie fragen, ob deine Regierung dafür sorgt, dass Länder wie Bangladesch die Rechte der Angestellten einhält.

Wenn es dir ernst ist, die Welt zu ändern, musst du im Kollektiv arbeiten. Du kannst dich an Protesten vor H&M-Geschäften beteiligen, Flugblätter oder Sticker der Organisationen Kampagne für saubere Kleidung oder Labour Behind the Label verteilen. Du kannst einen Filmabend mit dem Film „The True Cost“ veranstalten oder Bücher wie „To Die For“ lesen. Du kannst für Frauen in Bangladesch spenden. Es gibt unzählige Möglichkeiten!