Wie korrupt wärst du, wenn du im Rathaus arbeiten würdest?

Kartelle, VIP-Tickets von Unternehmen, Druck von der Bürgermeisterin. Wie schnell sich Behördenmitarbeiter*innen in einem Korruptionsnetzwerk verfangen können, zeigt ein Spiel des Datenjournalismus-Teams journalism++.

Scheinchen gefällig? © JUSTIN TALLIS/AFP/Getty Images

Du hast als hohes Tier in der Verwaltung des Rathauses einer unbekannten Stadt angefangen. Wenig später soll eine neue Straße gebaut werden und du musst entscheiden, welches Unternehmen den Zuschlag bekommt. Und schon beginnen deine Schwierigkeiten. Die Stadt hat errechnet, dass das ungefähr zehn Millionen Euro kosten würde – doch die drei eingereichten Angebote liegen alle bei knapp zwölf Millionen Euro. Steckt ein Kartell dahinter? Nachdem du dich entschieden hast, meldet sich der Chef eines der Bauunternehmen bei dir; er ist ein Freund der Bürgermeisterin. Er bietet dir ein Auto an, dass er vor Kurzem gekauft hat, aber nun „nicht mehr benötigt“. Was machst du?

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So beginnt das Spiel Die Guten, die Bösen und die Buchhalter, das der Datenjournalist Nicolas Kayser-Bril mit seinem Büro journalism++ vor Kurzem veröffentlicht hat. Es ist Teil des Projekts OpenBudgets.eu, einem Zusammenschluss von Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Kayser-Brils Journalismusbüro, das sich gegen Korruption einsetzt. Immer wieder wirst du in dem Spiel vor die Wahl gestellt: die Hand aufhalten oder dich moralisch korrekt verhalten? Beides ist gefährlich. Im einen Fall kommt dir die Justiz vielleicht irgendwann auf die Schliche, im anderen Fall könntest du deinen Job verlieren.


Kayser-Bril will mit diesem Spielverlauf vor allem eins zeigen:

Du hältst es nicht lange in einem korrupten Umfeld aus, wenn du nicht selbst korrupt bist.“ – Nicolas Kayser-Bril

Wie weit vernetzt Korruptionsnetzwerke sein können, zeigt ein Beispiel aus Heilbronn. Dort hatte ein Bauunternehmer mafiöse Strukturen aufgezogen. Um an Aufträge zu kommen, bestach er über Jahre hinweg Rathausangestellte, Politiker*innen, die Polizei und sogar einen Richter – insgesamt waren es 44 Tatverdächtige. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jahrelang, hörte Telefone ab und durchsuchte Büros. Der Bauunternehmer erkaufte sich die Gefälligkeiten Schritt für Schritt und pflegte sie.

Wie in Kayser-Brils Spiel begann die Korruption häufig mit kleinen Gefälligkeiten: ein Essen hier, ein paar VIP-Tickets fürs Stadion da. Später spendierte der Bauunternehmer aus Heilbronn auch Winterreifen oder Darlehen, die nicht zurückgezahlt werden mussten. Und es gab Umschläge mit Geld. Einmal erkaufte er sich einen Auftrag für 20.000 Euro.

Win-Win-Kriminalität

Auch wenn Fälle wie der in Heilbronn Aufsehen erregen, für Ermittler*innen ist es schwierig, Korruption auf die Schliche zu kommen. Nach Schätzungen des Bundeskriminalamts sind in Deutschland von 2010 bis 2015 pro Jahr rund 130 Millionen Euro Bestechungsgeld geflossen. Doch in 90 Prozent der Fälle kommt die Staatsanwaltschaft den Kriminellen gar nicht auf die Spur, heißt es in einer Dokumentation des ZDFs.

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Das Risiko, erwischt zu werden, ist also sehr gering. Das liegt auch daran, dass bei der Korruption beide Seiten profitieren – was bei Verbrechen relativ selten ist. Die eine Seite, weil sie etwa eine Genehmigung oder einen Auftrag erhält, die andere Seite, weil sie Geld oder andere wertvolle Gegenstände bekommt. Geschädigt wird jedoch die Allgemeinheit. Dienstleistungen, die durch Korruption erkauft wurden, sind meist viel teurer und von schlechterer Qualität als herkömmlich vergebene Auftrage. Schließlich muss die Person, die Geld für die Bestechung ausgegeben hat, es an anderer Stelle wieder hereinholen.

Nicht immer ist Korruption so offensichtlich wie im Fall des Heilbronner Bauunternehmers. Kayser-Bril möchte mit dem Spiel auch für andere, subtilere Formen der Korruption sensibilisieren, etwa wenn Rathausangestellte eigene Firmen gründen oder die Bürgermeisterin mit Gemeindemitteln für ihre Wiederwahl werben möchte. „Korruption ist ein kompliziertes Thema“, sagt Kayser-Bril. Darum habe er einen spielerischen Ansatz für das ernste Thema gewählt. „Wir wollten möglichst viele Leute für das Thema begeistern.“ Die Beispiele aus dem Spiel basieren alle auf realen Korruptionsfällen. „Einige Beispiele stammen etwa aus Bestechungsskandalen beim Flughafen BER“, sagt er. Das Spiel, so hofft Kayser-Bril, soll Journalist*innen und Bürger*innen helfen, Korruption leichter zu erkennen.