Wie man Missverständnissen vorbeugt

Wir vertrauen bei Gesprächen zu sehr darauf, dass unsere Mitmenschen uns schon verstehen werden. Das klappt leider nicht immer. Die gute Nachricht: Wir können aus unseren Missverständnissen lernen.

Sie sollten diesen Text aufmerksam lesen: Angela Merkel und Horst Seehofer. © dpa

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden beispielsweise in der Psychologie gelehrt – oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Was möchte ich jemandem mitteilen, wenn ich Ja sage und dabei den Kopf schüttle? Das Beispiel ist zugegeben ziemlich einfach, aber es drückt am Besten aus, dass klare Kommunikation oft nicht einfach ist.

Natürlich läuft die menschliche Kommunikation im Alltag komplexer ab. Wir verpacken Informationen für unsere Gesprächspartner*innen in ziemlich viele Worte – im Schnitt 16.000 täglich. Insofern sind Missverständnisse nicht nur häufig, sondern selbstverständlich, und oft auch gar nicht weiter tragisch. Wenn wir aber in einem Gespräch zu spät merken, dass wir uns gerade missverstehen, kann das eine Kette größerer Missverständnisse in Gang setzen und in Streit enden. Was dabei ganz sicher auf der Strecke bleibt, ist das, was wir eigentlich sagen wollten.

Wer beobachten möchte, wie Menschen aneinander vorbeireden, muss sich nur politische Pressekonferenzen, Elefantenrunden oder Talkshows im TV ansehen. Sie sind regelrechte Lehrstunden des Missverstehens. Hier geht es selten um konstruktive Lösungen für Probleme, sondern nur darum, eigene Standpunkte aufzuzeigen – und am Ende hat niemand verstanden, was die anderen sagen wollten. Keiner ist schlauer als vorher. Im Gegenteil.

Missverständnisse können Gift sein

Missverständnisse seien für die Kommunikation untereinander Gift, schreibt der Kommunikationsexperte Manfred Piwinger. Denn sie würden auf einer völlig falschen Grundannahme basieren: dem Glauben, sich über einen Sachverhalt korrekt verständigt zu haben.

Dabei besteht die eigentliche Gefahr darin, dass das Missverständnis keinem der Gesprächspartner*innen auffällt oder wenn keinem von beiden daran gelegen ist, diesen Umstand aufzuklären, etwa durch nachfragen. Denn dann diskutieren diese Menschen anhand falscher Annahmen womöglich endlos weiter.

Ein Beispiel: Ich fragte einen Kumpel kürzlich über seine Meinung zum Album von J. Cole, einem Rapper. Wir diskutierten bestimmt zehn Minuten energisch darüber und rieben uns häufiger aneinander als üblich. Erst dann fiel uns auf: Wir sprachen über zwei komplett unterschiedliche Alben. Das zeigt gut, wie ein Missverständnis entsteht. Ich habe mich unklar ausgedrückt und nicht sichergestellt, um was es mir in dem Gespräch genau geht.

Bei der Arbeit oder in der Beziehung haben Missverständnisse häufig noch eine andere Qualität: Die Ansprüche und Erwartungen sind andere, ernste Konflikte können die Folge sein.

Um das zu verhindern, können wir drei einfache Regeln anwenden.

Regel Nr. 1: Sagen, was wir sagen wollen

Den ersten Schritt, um schweren Missverständnissen vorzubeugen, müssen wir selbst tun. Indem wir viel klarer sagen, was wir wollen. Klingt sehr leicht, ist es aber in der Praxis nicht.

Das gilt vor allem bei kleinen Spannungsverhältnissen im Alltag. Öffnet die Kollegin im Büro das Fenster und jemand entgegnet darauf „Das Fenster ist ja offen!“, enthält dieser scheinbar einfache Satz mindestens vier Meta-Botschaften. Eine sachliche („Du hast das Fenster geöffnet“), eine Selbstoffenbarung („Mir ist kalt“), einen Beziehungshinweis („Wieso fragst du nicht, bevor du das Fenster öffnest?“) und einen Wunsch („Mach das Fenster zu“).

Welche dieser Botschaften bei der Kollegin ankommt, weiß nur sie selbst. Sie kann es sich fast aussuchen – was wiederum zu einem Missverständnis führen kann. Dem kann man durch eine klare Ansage entgehen: „Hey, mir ist ziemlich kalt. Ist es okay, wenn wir das Fenster gerade zu lassen?“. Ohne Hintergedanken, ohne bedeutungsschwangeren Tonfall. Missverständnis ausgeschlossen, durch ein paar Wörter mehr.

Dazu gehört, sich selbst zu seinen eigenen Befindlichkeiten zu bekennen. Und sich frei von der Angst zu machen, unsere Mitmenschen könnten uns das negativ auslegen. Sie deuten unsere Botschaften ohnehin unter dem Einfluss ihrer eigenen Lebensumstände. Haben sie einen schlechten Tag, werden sie eine Aussage negativer auslegen. Es gilt also: Je klarer die Botschaft formuliert ist, desto weniger Platz bleibt für ein Missverständnis.

Regel Nr. 2: Nachfragen, nachfragen, nachfragen

Hier sind wir nun als Zuhörer*innen am Zug.

Wir tun uns einen großen Gefallen damit, lieber einmal mehr als zu wenig nachzufragen, ob wir unser Gegenüber korrekt verstanden haben. Denn so schränken wir unseren Deutungsspielraum ein. Dadurch verhindern wir, nicht nur das zu verstehen, was wir meinen, verstanden zu haben. „Wer den anderen richtig verstehen will und dabei seine eigenen Vorurteile und Befangenheiten abstreifen kann, gewinnt in jedem Fall“, schreibt der Psychologe und Autor Heiko Ernst.

Beispiel Beziehungsalltag: Ein häufiger Streitpunkt sind Terminabsprachen. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, wie sie sich mit ihrem Partner stritt, weil sie davon ausging, sie würden sich um 20 Uhr in einem Esslokal treffen. Er dachte, es ginge um eine Kneipe. Sie wartete also nach der Arbeit mit dem Essen und ging hungrig zum vereinbarten Laden, auch noch eine Raucherkneipe. Für sie die absolute Hölle – und natürlich mündete das in einem Vorwurf an ihren Partner: Ob das sein Ernst sei? Er selbst war völlig überrumpelt von dieser Situation.

Auch wenn beide das Missverständnis verhältnismäßig schnell klären konnten, ist es leicht vorstellbar, wie aus solchen Kleinigkeiten schnell große Debatten werden, wenn nur genug Enttäuschung da ist. Und nach minuten-, manchmal stundenlangem Streit geht es plötzlich um ganz große Themen – fast, als stünde die gesamte Beziehung auf dem Prüfstand. Das Problem in diesem speziellen Fall wäre jedenfalls nicht entstanden, hätte meine Bekannte noch einmal explizit nachgefragt, ob sie im abgemachten Lokal auch etwas essen könnte.

„Aber als ‚wahr‘ gilt erst einmal das, was der Empfänger verstanden hat – und nicht, was der Sprecher gesagt hat“, schreibt Ernst. „Gelingende Kommunikation besteht letztlich darin, die eigenen Wirklichkeiten durch eine gemeinsame Wirklichkeit zu ersetzen.“

Regel Nr. 3: Gespräche über unsere Gespräche führen

Meist fällt uns ein Missverständnis erst dann auf, wenn es schon zu spät ist. „Menschliche Kommunikation enthält dieses Spannungsmoment“, schreibt Ernst. Wie lässt es sich produktiv nutzen? Eine Möglichkeit ist laut Ernst „Metakommunikation“: darüber reden, wie man miteinander redet. Sich darüber verständigen, was man verstanden hat.

Metakommunikation geht dem Beziehungsaspekt einer Nachricht auf den Grund. Diese letzte Regel kann man nach erkannten Missverständnissen anwenden. Sie dient der Reflexion und verbessert die Gesprächsqualität nachhaltig. Das erste Mal fühlt es sich vielleicht seltsam an, einen Menschen um ein Gespräch über ein vergangenes Gespräch zu bitten. Schließlich könnte dieser das ja auch als Einladung für eine neue Diskussion auffassen. Deshalb wichtig: Die Situation muss abgekühlt sein, keine Schwere in der Luft liegen. Dann wirkt so ein Gesprächsangebot nicht wie Angriff, sondern wie ernsthaftes Interesse an der Verbesserung der Gesprächskultur.

Dazu noch Beziehungsbeispiel über ein besonders häufiges Missverständnis: Künftige Diskussionen über die vermeintlich große Eifersucht der Partner*innen müsste es nicht mehr geben, hätte man sich nur ein einziges Mal sachlich und verständnisvoll darüber ausgesprochen, was beide denn wirklich empfinden. Dann würde womöglich auffallen, dass der*die Partner*in an keinem krankhaften Kontrollwahn leidet, sondern vielleicht einfach nur Angst hat, die*den Andere*n zu verlieren. Weil er*sie in der Vergangenheit einen Verlust erlitt, verletzt wurde, sich die Eltern trennten oder ähnliche Gründe.

Deshalb ist es übrigens so wichtig, aufrichtig zuzuhören. Dabei muss man sich von eigenen Emotionen lösen und für die des Gegenübers öffnen. So beginnen wir, wirklich zu verstehen, was die Botschaft hinter der Botschaft ist. Ernst schreibt, dass gerade die Missverständnisse im Leben der Anreiz zu besserem Hinhören und Verstehen sein könnten. Denn: „Was gesagt wird, ist nur die Oberfläche. Sie ist das hörbare Resultat einer Reihe verborgener Überlegungen und Erfahrungen, Meinungen und Haltungen.“

Eine gute Nachricht: Wir können aus Gesprächen über unsere Missverständnissen sehr viel lernen – über uns, andere und Kommunikation an sich.

Vielleicht entsteht ja ein positiver Schneeballeffekt

Apropos lernen: Missverständnisse können diplomatische Beziehungen zwischen zwei Staaten nachhaltig schädigen. Als die deutsche Bundesregierung der amerikanischen Regierung Ende 2001 – nach den schrecklichen Geschehnissen des 11. Septembers – „hundertprozentige Solidarität“ zusagte, herrschte unzweifelhaft Harmonie zwischen Absender und Empfänger der Botschaft. „Man glaubte, sich verstanden zu haben. Entsprechend groß war die Enttäuschung auf der amerikanischen Seite, als spätere Entscheidungen desselben Absenders schon Ende 2002 deutlich machten, dass „Solidarität“ keinesfalls eine deutlich abweichende Position zum Irak-Krieg ausschließt.“ Hier sei eine Täuschung aufgeflogen: das Missverständnis über einen interpretierbaren Begriff. Man sprach vom Gleichen, meinte aber nicht dasselbe.

Es kam zur diplomatischen Eiszeit zwischen Deutschland und den USA. Die USA hörte: „100 Prozent“ und interpretierte das in „ohne wenn und aber“. Aber der Begriff „Solidarität“ ist eben ein Symbol, dem beide Seiten eine bestimmte Bedeutung zuordnen: Von „Ich halte zu dir, auf mich kannst du zählen“ zu „Ich fühle mit dir, ich verstehe dich“. Eine solche Metabotschaft muss keine Verhaltensabsicht sein – schon gar nicht die Ankündigung, mit in einen Krieg ziehen zu wollen. Der Schaden war umso größer, weil das Missverständnis erst viel später klar wurde. Aber: Die Staaten sind sich deshalb darüber bewusst geworden, welche Brisanz jede einzelne ihrer Aussagen haben kann.

Und das können wir wiederum auf unsere Kommunikation übertragen – und verstehen, wie wichtig sie für uns Menschen ist. Um Konflikte mit unseren Mitmenschen zu vermeiden, sollten wir üben, Missverständnisse so gut es geht zu vermeiden. Und zwar ab sofort. Denn würden diese Regeln häufiger befolgt, käme es sehr viel seltener zu fatalen und unnötigen Konflikten. Auch zu nicht zu politischen.