Wie mein Vater eine Senioren-WG gründete

Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte unsere Autorin Angst, ihr Vater würde vereinsamen. Sie wünschte sich ihm eine Partnerin an die Seite. Doch statt einer neuen Liebe, zogen Thomas (56), Raimund (60) und Edgar (63) bei ihm ein.

Männer-WG im Alter? Eine gute Sache! © Jenzig71/Photocase

Wenn ich meinen Vater (60) sonntags besuchte, saßen wir zu zweit am Tisch. Wir ließen uns das Abendessen liefern, anschließend ermittelten wir gemeinsam den Mörder im Tatort. Bei meinem letzten Sonntagsbesuch war alles anders: Es warteten frisch gekochte Gnocchi in rotem Pesto, ein anständig gedeckter Tisch und vier gestandene Männer auf mich: mein Vater und seine drei neuen Mitbewohner – Thomas (56), Raimund (60) und Edgar (63).

Die wöchentlichen Besuche statte ich meinem Vater seit der Scheidung meiner Eltern vor sieben Jahren ab. Nicht nur, weil das Tatort-Gucken zu einem Ritual für uns geworden ist, sondern auch, weil ich mir Sorgen machte. Meine Mutter hatte sich mittlerweile neu verliebt, aber mein Vater war immer noch alleine in unserem Haus, in dem wir damals zu fünft wohnten. Verkaufen wollte er auf keinen Fall, denn die Erinnerungen seien einfach zu schön. „Und wer weiß, wozu das noch gut sein wird“, hat er immer gesagt.

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Manchmal blieb ich über Nacht und schlief in meinem alten Kinderzimmer. Ihm zuliebe. Und für mein Gewissen. Audrey und Marilyn hingen noch über meinem Bett, die Wände im mädchenhaften Beerenton gestrichen, helle Vorhänge und mein Schreibtisch mit uralten Fotos direkt unterm Fenster. Einen Schrank hatte ich auch noch, denn mein Vater wollte nie ganz ausschließen, dass ich nicht doch noch etwas länger bleiben wollte. So ein Jahr vielleicht. Oder einfach für immer.

In diesem Zimmer wohnt jetzt Thomas.

Ich kenne Thomas gefühlt mein halbes Leben, er hat seine 16 Ehejahre erst vor Kurzem beendet und ist der Neuling im Haus. Wie in jeder guten Wohngemeinschaft gibt es auch hier klare Aufteilungen. Die Küche ist Thomas‘ Reich. Bei seiner Exfrau hat er nicht nur wunderbar kochen gelernt, sondern auch seine Vorliebe für Kräuter entdeckt. Die Fensterbänke stehen voll mit Basilikum und Rosmarin, ein kleines grünes Kräuterblättchen hinterlässt er auf jedem angerichteten Teller.

Seit Thomas in meinem alten Zuhause zu Hause ist, bekocht er die Jungs. Bezahlt wird aus der Haushaltskasse, in die jeder der vier WG-Mitbewohner wöchentlich einzahlt. Und auch sonst wird alles geteilt – nur besondere Ausnahmen, wie die kleinen Actimel-Fläschchen, ohne die Thomas nicht kann, müssen aus eigener Tasche gezahlt werden.

Manche Frauen blieben über das Frühstück hinaus bei ihm, aber glücklich war mein Vater damit nicht.“

Die Kücheninsel, um die wir früher mit Bobby Cars unsere Runden drehten, gibt es nicht mehr. Stattdessen hat die WG die Küche um eine kleine Bar erweitert, auf der – ordentlich auf einem großen Tablett angerichtet – Whiskey und Gin stehen. Dort, wo früher nur ein Radio stand, thronen jetzt zwei große Bluetooth-Boxen. Mit irgendeinem Handy sind sie immer verbunden, durch das Haus dröhnen fast durchgehend Künstler wie Johnny Cash und Deep Purple.

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Wir essen. Thomas erzählt von der letzten „Hootchie Cootchie“-Party, für die ältere Generation eine legendäre Feierreihe. Mittlerweile gibt es kaum mehr einen Freitagabend, an dem die Jungs nicht die Stadt unsicher machen. Gemeinsam mit dem Taxi in die Innenstadt und wenn die Nacht um zwei Uhr früh endet, dann haben sie „aber ganz schön lange durchgehalten“.

Neben guter Musik und einer heißen Sohle auf dem Parkett, haben die Vier nach wie vor eine Schwäche für Frauen. Obwohl sie meistens gemeinsam nach Hause fahren, zumindest ist das die offizielle Version, lässt vor allem Raimund nichts anbrennen und ergattert den ein oder anderen Abschiedskuss. Wiedersehen möchte er aber keine der Damen. Denn neben ihren Schwächen haben die Jungs auch eine weitere Gemeinsamkeit: Eine feste Beziehung ist nicht mehr das, was sie glücklich macht. Dass so auch mein Vater empfindet, war eine meiner schwersten Erkenntnisse.

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Mein Vater pflegte seine Freundschaften immer sehr, freute sich aber auch über einen ruhigen Familienabend mit Filmen und Erdnüsschen. Nach der Scheidung aber ging er mit seinem Zweitschlüssel recht flexibel um, an seinem „Strammen Max“ am Sonntagmorgen durften sich einige Frauen versuchen. Manche blieben über das Frühstück hinaus bei ihm, aber glücklich war mein Vater damit nicht. Er war auf der Suche. Nicht nach einer Frau. Sondern auf der Suche nach dem, was ihn wirklich glücklich macht. Doch was war das? Auch ich zerbrach mir den Kopf darüber. Und meine Antwort lautete: Er braucht eine Partnerin. Und was, wenn er keine Frau mehr findet, die ihm gefällt? Er wird ja auch nicht jünger. Was, wenn er irgendwann ganz einsam zugrunde geht?

Wie wir alle, so dachte auch mein Vater lange, sein Glück liege in der nächsten Partnerschaft. Keine Einsamkeit im Alter, sondern eine gemeinsame Zukunft vielleicht irgendwo in Südfrankreich am Meer oder in den Bergen. Keine Sorgen, nur sie und er. Aber er stellte für sich fest: Das ist es nicht.

Mein Plan für meinen Vater war ja nur eine neue Frau.“

Vor zwei Jahren liefen mein Vater, Raimund und Edgar den Jakobsweg. Wandern gehört auch heute noch zu den Lieblingsbeschäftigungen der Jungs. Auf dem Weg entstand die WG-Idee. Als mein Vater mir davon erzählte, war ich skeptisch. Die Vorstellung, dass er unser Haus, in dem wir mit meinen Brüdern und meiner Mutter lebten, nun mit seinen Kumpels bewohnen sollte, war fremd und komisch. Ich war sicher, er unterschätzte das. Schließlich müssten ja alle wieder ausziehen, wenn dann irgendwann seine neue Partnerin einziehen würde, mit der er wieder glücklich sein sollte. Und die Jungs würden ihn nur von der Suche abhalten. All das hatte ich für ihn nicht vorgesehen. Mein Plan für meinen Vater war ja nur eine neue Frau.

Nach dem leckeren Essen gibt es köstlichen Wein, den Edgar ausgesucht hat.

Seine Sätze beginnt er gerne mit „Wusstet ihr eigentlich, dass …“, als ehemaliger Verleger zitiert er am liebsten alle Schriftsteller*innen dieser Welt. Er ist es auch, der seine eigene Bibliothek mit ins Haus brachte, die jetzt eine Seite des Wohnzimmers ziert. Auf seinem alten Ledersessel macht er es sich dort regelmäßig gemütlich. Jeder der Mitbewohner hat etwas mitgebracht. Die Bücher von Edgar, neues Kücheninventar von Thomas und ein Rudergerät von Raimund, das er aber nur im Keller benutzen darf. Ursprünglich stand das nämlich direkt vor dem Fernseher im Wohnzimmer, aber die WG stimmte dagegen.

Komplett verändert haben sich im Haus unsere Kinderzimmer. Meins sah ich zum ersten Mal fertig eingerichtet an jenem Sonntagabend.

Auf dem Weg nach oben erklärte mir Thomas, er hoffe, es sei nicht komisch für mich. Schließlich sei es ja mein altes Kinderzimmer und gleich würde ich hereinspazieren und feststellen, dass alles verändert ist. Mit der Farbe sei er noch nicht ganz sicher, ein helles Terracotta, da solle ich ruhig mal meine Meinung zu abgeben. Plötzlich dämmerte mir, dass er Recht hatte. Wie würde ich das finden? Thomas schien angespannt und ich verkrampfte auch. Es war offensichtlich eine unangenehme Situation, die ich vorher so nicht hatte kommen sehen. Also dann, Tür auf.

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Mich überkam gleich ein vertrautes Gefühl. Klar, diese 15 Quadratmeter kannte ich natürlich nur zu gut. Und doch sah alles anders aus. Dort, wo immer mein Bett gestanden hatte, war nun ein antiker Schreibtisch, aus meinem Schrank wurde ein gemütlich aussehendes Schlafsofa. Von einer Kommode samt Plattenspieler, über braune Vorhänge, einem Teppich in Häkel-Optik und echter Kunst an den Wänden, war alles verändert. Und terracottafarben.

Ich wartete auf den Stich oder auf irgendwas, das mich auf der Treppe hatte verkrampfen lassen. Thomas sah mich erwartungsvoll an. Nichts. Mich überkam der Wunsch, ihn fest in den Arm zu nehmen. Ich war erleichtert. Nicht nur, dass er mein Zimmer auf seine Art hübsch eingerichtet hatte, sondern dass er es überhaupt mit etwas füllte. Mir wurde klar: Thomas wohnt jetzt hier. Ich meine, er wohnt so richtig hier, er ist nicht nur ein Gast. Überraschend schön und beruhigend zugleich. Mein Vater muss nicht mehr alleine sein. Er ist nicht mehr einsam.

In der Senioren-WG meines Vaters wohnt das pure Lebensglück.“

Den Rest des Abends beobachte ich in der Küche, dass die Jungs ihren ganz eigenen Ablauf haben. Raimund erledigt den Abwasch, Edgar sichert sich schon mal den besten Platz vor dem Fernseher und stellt Getränke und Snacks bereit und mein Vater verkrümelt sich für eine Weile in sein altes Arbeitszimmer. Hausarbeiten waren noch nie sein Ding. Meistens teilen sie sich aber alle Aufgaben im Alltag, erzählten sie mir. So muss beispielsweise jeder einmal die Einkaufsliste abarbeiten oder im Sommer den Rasen mähen. Für die Wäsche und den Haushalt ist Doris, eine Reinigungskraft, unverzichtbar. Da sind sich alle einig.

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Einen Tatort zu zweit gibt es nicht mehr. Wenn ich jetzt am Sonntag in mein altes Elternhaus zurückkomme, sitzen wir wieder zu fünft vor dem Fernseher, den Bauch voll mit Thomas‘ Gourmetdinner, Erdnüsschen und leckerem Wein mit Empfehlung von Edgar.

So skeptisch ich anfangs war, desto überzeugter bin ich mittlerweile von dem Konzept. Wie konnte ich nur glauben, dass das Glück im Alter darin besteht, mit einer*m Partner*in zusammenzuleben? In der Senioren-WG meines Vaters wohnt das pure Lebensglück. Mein Vater lebt mit seinen besten Freunden unter einem Dach, sie essen gemeinsam, gehen am Wochenende aus und machen Trips in andere Städte. Hier ist kein Platz für Wehmut im Alter, kein Platz für Sehnsucht nach Liebe. Im Gegenteil: Hier kommt zusammen, wer all das schon erlebt hat und jetzt nur noch genießen will.

Und die Vier wollen sich sogar vergrößern. Aus gemeinsamer Kasse planen die Jungs einen Anbau, um mehr Platz für weitere Mitbewohner zu schaffen. Denn Ü50-Wohnen liegt absolut im Trend. Mittlerweile gibt es sogar eigene Portale, die Wohngemeinschaften ab 50 anbieten und auch bekannte Seiten wie „WG-gesucht“ werben mit dem Slogan „Plus WG – gemeinsam statt einsam“ für diese neue, sehr schöne Form des Wohnens.

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