Wie Mama meinen Musikgeschmack prägte

Was hat Mutti gehört, als ihr klein wart? Bestimmt hat euch das beeinflusst. Zum Muttertag nehmen wir uns Zeit, unseren Müttern dafür zu danken.

Danke für den Tanz, Mama. © Flickr / Semelina / CC BY 2.0

Natürlich hat auch die Musik unserer Väter etwas mit uns gemacht, aber heute ist nunmal Muttertag – und da geht’s nur und ausschließlich um die Mama. Also, welche Lieder, welche Bands und Künstler*innen hat euch eure Mama mit auf den Weg gegeben? Wie hat sie damit euren Musikgeschmack beeinflusst? Fünf ze.tt-Redakteur*innen wühlen in ihrer Erinnerungskiste.

Mark

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In der Vorweihnachtszeit lässt meine Mutter permanent das Radio laufen in der Hoffnung, Last Christmas zu hören. Wenn die Moderator*innen es gut mit ihr meinen und zum drölfmillionsten Mal Wham! in die Rotation knallen, stept Mutti mit Hüftschwung durch die Zimmer und stimmt zum Refrain laut mit ein.

Den gleichen Effekt erzielen die tanzbaren Beats von unter anderem Cher und Abba, meine Mutter ist musikalisch im Pop der 70er, 80er, 90er und der besten Hits von heute zuhause. Naturgegeben rebelliere ich bis heute gegen den mütterlichen Musikgeschmack – mit einer Vorliebe für melancholisches Indie-Gefrickele.

The National, Bon Iver, Sohn: Musik, zu der man höchstens schunkeln, aber niemals hüftbetont steppen kann. Wenn meine Mutter aber mit Hingabe zu Princes Kiss performt, schiele ich neidvoll rüber und denke: Irgendwann möchte ich Muttis Musik auch so begeistert hören.

Anna

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Wir stehen an das Geländer der oberen Tribüne gedrückt. Es ist stickig und dunkel und wir sind furchtbar aufgeregt. Es ist mein erstes großes Konzert. Also, so richtig groß. Die Ränge sind voll besetzt und dort, wo normalerweise weltklasse Handballer über das Parkett flitzen, haben sich endlose Menschenreihen gebildet. Meine Mama und ich haben uns seit Wochen auf diesen Abend gefreut.

Als Die Ärzte die Bühne betreten, flippen alle vollkommen aus. Die nächsten Stunden verbringen wir damit, jede einzelne Textzeile mitzugrölen. Wir kennen sie alle: Die alten Hits habe ich schon im Kinderzimmer beim Spielen gehört, die Neueren lassen wir immer noch im Auto und der Wohnung laufen. Die Schimpfwörter und sexuellen Textpassagen haben meine Eltern nie gestört. Was zählte war, dass Die Ärzte witzig waren und wir zu dritt über kluge Wortspiele und geschickte aber krumme Reime lachen konnten.

Zwei Zugaben halten wir aus, dann fahren wir nach Hause. Mein Vater hatte am Vormittag einen leichten Arbeitsunfall, weswegen meine Mutter vor Sorge nur wenig gegessen hatte. Damals war ich enttäuscht, heute bin überrascht und dankbar, dass sie überhaupt so cool war, nach all der Aufregung mit mir dort hinzugehen.

Es war auf jeden Fall ein wahnsinnig schöner Abend, an den ich bis heute noch denke. Er wird nur durch eine weitere Erinnerung getoppt.

Zu zweit suchen meine Mama und ich unser Gate am Frankfurter Flughafen, als wir plötzlich in einem der Wartebereiche einen Mann sitzen sehen, der uns bekannt vorkommt. “Ist das Farin Urlaub?” fragt meine Mama mich. “Keine Ahnung. Ja, ich denke schon”. Sie fackelt nicht lange und geht direkt auf ihn zu. “Hallo, Farin, ich und meine Tochter finden dich total toll, kannst du uns vielleicht ein Autogramm geben?” Er guckt von seiner Zeitung auf und lässt den Blick von ihr zu mir und zurückwandern. Dann lächelt er. “Zwei Generationen Ärzte-Fans was?” fragt er und unterschreibt lächelnd auf dem Block, den meine Mutter ihm hinhält”. “Klar!” sagt sie.

So lässig kann nur meine Mutter Autogramme von Rockgrößen einfordern. Bin ich froh, dass meine Mama so Punk ist – wer weiß was aus mir geworden wäre, wenn ich als Kind Andrea Berg hätte hören müssen.

Sebastian

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Neulich fand ich mich in einer Berliner Schlagerkneipe wieder (fragt nicht!). Es lief ein Medley mit den größten Hits von PUR und ich sang lauthals und engelsgleich mit. Irgendwo zwischen “Abenteuerland” und “Hör gut zuuuuuu, du bist mein Glück!” musste ich auf einmal an meine Mama denken.

Sie war großer PUR-Fan, als die Band in den 90ern ihre größten Erfolge feierte. Ich fand die Musik vor der Pubertät gut, ganz unironisch. Danach hielt ich mich viele Jahre zu cool dafür.

Bis ich in dieser Berliner Schlagerkneipe stehe, “Wooooo sind all die Indiaaaaner hin?” singe und mich freue, so wie sich Mama damals gefreut hat, wenn sie ihre Lieblings-CD eingelegt ein.

Till

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Ich habe dazu eher Erinnerungsfragmente. Ich weiß zum Beispiel noch, dass meine Eltern im Auto Falco hörten, als ich ganz klein war (hat mich nicht glücklicherweise überhaupt nicht beeinflusst, sorry, Mom). Ich weiß auch noch, wie ich als Kind ins Wohnzimmer kam, während Santana lief (now we’re talking).

Ich erinnere mich, wie meine Mama bei Joe Cockers N’oubliez jamais mitsang, als wir im Auto auf dem Weg zur Familie in Belgien waren. Bei uns lagen immer haufenweise CDs rum, das meiste davon war Oldschoolrock, psychedelisches Zeug, gute Soundtracks. Natürlich habe ich mir die irgendwann gekrallt und angehört. CCR war so ein Ding, das ich mit etwa 14 das erste Mal hörte und bis heute liebe. Und Santana, ich meine ey, gibt’s gitarrenmäßig was besseres?

Davon mitgenommen habe ich auf jeden Fall die Liebe zu furchtbar langen, ausufernden Gitarrensoli. Immer, wenn auf der Party spät Songs von Led Zeppelin, Lynyrd Skynyrd, Dire Straits oder The Doors laufen, könnte ich durchdrehen. Und das auch deshalb, weil mich das immer in eine nostalgische Stimmung versetzt. Back to the roots eben. Danke dafür Mama. (Nicht auszumalen, was aus mir geworden wäre, hättest du ausschließlich Falco gehört.)

Andrea

© privat

Mir gefällt nicht nur die eine Musikrichtung, die eine Band, der*die eine Sänger*in – aber geprägt bin ich vom Rock. Da schlägt mein Herz schneller, da kribbeln Arme und Beine. Warum das so ist? Mit Sicherheit auch deswegen, weil meine Eltern beide Rockfans sind. Ihre Plattensammlung hat mich geprägt. Papa eher so Yes, Mama eher so Beatles.

Ihre Leidenschaft haben sie gerne mit mir geteilt. So wie in dieser Erinnerung aus meiner Kindheit: Mein Vater war arbeiten, meine ältere Schwester noch in der Schule und ich mit meiner Mutter alleine zu Hause. Und Mama holte ihre Platten aus dem Schränkchen: The Beatles, The Rolling Stones, The Kinks, Patti Smith. Die Anlage stand im Wohnzimmer, aber in der Küche nebenan hingen auch Lautsprecher in den Ecken. Wir haben alle Türen geöffnet, sodass Flur, Küche und Wohnzimmer im Kreis zu durchqueren waren. Patti Smiths Because the Night dreht sich auf dem Spieler und wir tanzen lachend durch die Räume. Halten uns an den Händen, schütteln die Köpfe, hüpfen herum. Wie könnte mich diese Musik jetzt noch kaltlassen?

Liebe Mama, ich sag es mit den Worten deiner Lieblingsband:

Ooh I need your love babe,
Guess you know it’s true.
Hope you need my love babe,
Just like I need you.
Hold me, love me, hold me, love me.
Ain’t got nothin‘ but love babe,
Eight days a week.


Was haben eure Mütter gehört?

Und hat euch ihr Musikgeschmack auch so beeinflusst wie uns? Schreibt es uns in die Kommentare!

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