Wie mich der harte Winter in Schweden lehrte, mit Langeweile umzugehen

In Växjö geht die Sonne im Winter früh unter. Unser Autor hat ein Semester ohne Sonne mitten im Wald überlebt und gelernt, wie man am besten durch den Winter kommt.

Das ist Schnee. Wie früher. © Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

„Was habe ich mir nur dabei gedacht?“, denke ich nach den ersten Tagen in Växjö – nie gehört und natürlich beim ersten Mal falsch ausgesprochen. Richtig wäre „Wäg-rchö“. Ein Kaff im Süden von Schweden, im Wald zwischen Stockholm und Kopenhagen. Bahnhof, Sportgeschäft, Kaufhaus – Växjö sieht aus wie die Kleinstadt in meinem Schwedischbuch, Kapitel 9 „Nach dem Weg fragen“. Nach ein paar Wochen hier wollte ich am liebsten nur noch nach dem Weg nach Hause fragen. Dann habe ich gelernt, wie man mit Langeweile und Dunkelheit umgehen kann.

Die Natur genießen

Växjö liegt mitten in Småland, Astrid Lindgrens Bilderbuchschweden also. Der Unicampus ist an drei Seiten von Wäldern und Seen umgeben. Hinter den Wohnheimen grasen Pferde. In einer anderen Ecke des Campus liegt ein Schlösschen wie aus einem Disneyfilm. In den Sommermonaten leuchten jede Nacht Lagerfeuer am Seeufer. Nirgendwo sonst habe ich so häufig in den Himmel gestarrt wie hier – Sternschnuppen und Polarlichter gucken. Wo das in Deutschland am besten geht, seht ihr hier

Kuriose Attraktionen besuchen

Als ich zum ersten Mal mit dem Bus in die Innenstadt fahre, lese ich auf einem Bildschirm die Lokalnachrichten: Verkehrsunfall am Ortseingang, Blechschaden. Und irgendwo ist bestimmt ein Sack Köttbullar umgefallen. Viel los ist hier nicht gerade.

Die Hauptstraße „Storgatan“ soll einmal die längste Fußgängerzone Schwedens gewesen sein, behaupten die Fremdenführerin und Wikipedia. Im Norden der Stadt gibt es eine Burgruine, weil hier früher die Grenze zu Dänemark war. Das war es dann auch mit touristischen Attraktionen.

[Außerdem auf ze.tt: Wenn du diese Nummer anrufst, wirst du mit irgendeiner Person in Schweden verbunden.]

Auf Tripadvisor wird einem deswegen sogar der Wasserturm als Highlight empfohlen: wenn man sich drunter stellt, kann man ein ziemlich eindrucksvolles Echo hören. Die Schweden kommen, um hier zu klatschen oder Flöte zu spielen.

Ich habe vor allem das Kulturangebot in Deutschland schätzen gelernt. Geht endlich in das Museum, in das ihr schon immer wolltet! Den coolen Club, das tolle Theater – so etwas gibt es nicht überall.

Die Unibib – nachmittags © Alexander Moritz

Sich in der Gemeinschaftsküche betrinken

Auch das Nachtleben in Växjö ist dürftig. Die Studierendenpubs auf dem Campus verkaufen zwar „billiges“ Bier (ca. drei Euro), dafür ist die Musik unerträglicher Mainstream. Ruf Jugendreisen statt Subkultur. Einziger Lichtblick ist das Kafé de Luxe in der Innenstadt. Im Keller finden wahlweise Konzerte, Partys oder Bastelkurse statt. Der gezwirbelte Hipsterbart des Besitzers ist so imposant, dass die Stadt ihn sogar in ihre Imagebroschüre gedruckt hat.

Fast ist man versucht zu sagen, Växjö hätte eine „Szene“. Hat es aber natürlich nicht.

Dafür feiert in den Wohnheimen immer irgendjemand. In geheimen Facebookgruppen kann man geschmuggelten Alkohol kaufen, der billiger ist als im staatlichen Monopolgeschäft „Systembolaget“.

[Außerdem auf ze.tt: Wie ich mich in Schweden an ein Leben ohne Bargeld gewöhnte]

Und Schnaps verbindet mit Menschen aus der ganzen Welt: In meinem Masterkurs sitzen ein Menschenrechtsaktivist aus Kamerun, chinesische Millionärstöchter, Sozialarbeiter aus Kolumbien und eine ukrainische Journalistin. In der Uni diskutieren wir über Trump und die Welt. Abends backen wir Plätzchen und probieren chinesischen Wodka. So internationale Freund*innen hätte ich in Deutschland nie kennengelernt.

In die Sauna gehen

Weil man für einen Wohnheimplatz monatelang Punkte auf einer Warteliste sammeln muss, wohne ich in einem kleinen Zimmerchen im Treppenhaus, das eigentlich als Studienzimmer gedacht ist. Zum Duschen und Zähneputzen muss ich einmal über den Hof, ins Nebengebäude mit den Mülltonnen. Dafür zahle ich nur 170 Euro im Monat inklusive Nebenkosten. Ich mache das Beste daraus: Endlos lange, heiße Duschen, die mich an meine Zeit im Mutterleib erinnern. Und eine kostenlose Sauna gibt es auch.

Das Wohnheim © Alexander Moritz

Endlich wieder Sport machen

Meine Freund*innen in Deutschland reden lieber über vegane Rezepte als über Workout. In Växjö dagegen steht direkt hinter der Campusbibliothek ein Fitnesscenter mit Sporthalle. Fast alle hier sehen durchtrainiert aus. So viel Peer pressure kann ich nicht widerstehen.

[Außerdem auf ze.tt: Wenn ihr aus diesen Ländern stammt, habt ihr die mächtigsten Reisepässe der Welt]

Nach Jahren der Faulheit fange ich also endlich wieder an Volleyball zu spielen. Mit im Team: ehemalige Nationalspieler aus Tunesien und dem Iran. Weil es sonst nicht genug Spieler*innen gäbe, darf trotzdem jeder mitmachen. Dreimal die Woche Training werden zum Besten, was ich hier erlebe. Und das schreibt ein sonst sehr fauler Sack.

Andere mit Reiseposts neidisch machen

Wenn man so wenig zu tun hat, kann man umso mehr Zeit mit der Pflege der eigenen Profile in den sozialen Medien verbringen. Sieht doch niemand, dass es hier eigentlich furchtbar langweilig ist. Mit dem Zug sind es nur ein paar Stunden nach Stockholm, Göteborg und Kopenhagen. Im benachbarten Kalmar entdecke ich die Liebe der Schweden für in Vanillesoße ertränkte Beerenkuchen – und teile sie. Im Ikea-Museum fotografiere ich mich in der Kulisse für die Titelseite des neuen Katalogs. Das gibt 36 Facebook-Likes. Immerhin: die Welt hat mich nicht ganz vergessen.

Fika mit Freund*innen

Das schwedische Rezept gegen die Melancholie ist schwarz und kostet drei Euro pro Tasse: Fika. Gemeinsam Kaffee trinken mit Freund*innen. Die Schweden lieben es. Wir internationalen Studierenden passen uns an, verbringen Stunden im Bibliothekscafé, nippen an unseren Tassen und knabbern an Kanelbullar, den Zimtschnecken. Fika hilft gegen Prüfungsstress genauso wie gegen Einsamkeit. Und wenn das nicht reicht: einfach mal miteinander Kuscheln!

Ein Semester in Växjö ist wie ein schwedischer Sonnenuntergang: erst zieht es sich ewig hin und ist dann ganz plötzlich vorbei. Wenn ich in wenigen Wochen zurück nach Deutschland fahre, werde ich die vielen tollen Menschen vermissen, die ich hier kennengelernt habe. Ich habe sie eingeladen, mich zu besuchen. In einer echten Stadt. Und bei mehr Sonnenlicht.

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