Indigene Volksgruppen in Tansania gefährdet – durch Agrarprojekte mit deutscher Beteiligung

Die Weltbank hat die Standards zum Schutz indigener Volksgruppen in Tansania gesenkt – für neue Agrarprojekte mit deutscher Beteiligung. Ein Besuch vor Ort.

©Peter Elias Masoi

Joseph Lacton Olaramantani (li.) und Mwita (re.). Mwita ist kein Barbaig. Er arbeitet für Olaramantani. ©Peter Elias Masoi

Eigentlich ist es ein weiter Weg vom Reichstag in Berlin in die tansanische Morogoro-Region. Doch seit einigen Jahren sind diese eng miteinander verbunden – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt: Die deutsche Bundesregierung ist in zwei Landwirtschaftsinitiativen in Afrika involviert, die die afrikanischen Agrarsektoren nachhaltig verändern. Und indigene Hirten und Kleinbauern gefährden.

So wie Joseph Lacton Olaramatani (29), den ich in der Nähe von Dutumi in der tansanischen Morogoro Region, südlich der Uluguru Mountains, treffe. Joseph ist Barbaig, eine indigene Volksgruppe, die als Halbnomaden hauptsächlich von der Viehhaltung leben. Dadurch sind sie immer wieder unterwegs auf der Suche nach neuen Weidegründen. Wie lange sie das aber noch können, ist unklar.

Wie Deutschland beteiligt ist

Schuld daran ist die Neue Allianz für Ernährungssicherung, an der zehn afrikanische Länder (unter anderem Tansania) und die G8-Staaten beteiligt sind. Umstrittene Agrarriesen wie Monsanto, Bayer, Syngenta oder Unilever sollen in großflächige, Landwirtschaft investieren – und so 50 Millionen Menschen aus der Armut befreien. Das Projekt wird auch durch deutsche Entwicklungshilfe finanziert. Kriterien zu nachhaltigen Armutsbekämpfung sind laut Nichtregierungsorganisationen aber bisher nicht zu erkennen.

Zusätzlich gibt es in Tansania noch das SAGCOT-Projekt (Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania), das die Bundesregierung, indirekt über die Weltbank, unterstützt. Ähnlich wie bei der New Alliance soll hier –  durch Agrarkonzerne – Tansanias Landwirtschaft stark kommerzialisiert werden, um die Armut zu reduzieren.

Der Agrarkorridor erstreckt sich von Dar es Salaam am Indischen Ozean über Morogoro bis an die süd-westlichen Grenzen zu Malawi, Sambia und der Demokratischen Republik Kongo. Das Gebiet umfasst etwa ein Drittel Tansanias (etwa 350.000 Quadratkilometer) und ist damit fast so groß wie Deutschland.

Tansania hat ein Kooperationsabkommen mit der New Alliance, dass internationalen Agrarkonzernen erhebliche Investitionserleichterungen ermöglicht. In der SAGCOT-Region erhalten internationale Investoren riesige Anbauflächen. Kleinbauern und Hirten verlieren ihr Land, warnen Menschenrechtsorganisationen. Auf Nachfrage bestreitet der Sprecher des SAGCOT-Projekts diese Vorwürfe vehement. Eine offizielle Stellungnahme blieb aber bisher aus. 

Josephs Onkel – mit dem er über 1000 Rinder hütet – wurde 2012 aus dem fruchtbaren Kilombero Valley im südlichen Tansania vertrieben. In das etwas nördliche Dutumi. Um Platz für kommerzielle Landwirtschaft im Rahmen des SAGCOT Projekts und der New Alliance zu schaffen. Ursprünglich stammt seine Familie eigentlich aus dem Norden Tansanias. Aber auch diese Regionen mussten sie schon vor Jahren verlassen.

Josephs Rinder blockieren die Straße. © Peter Elias Masoi

„Wir sind Flüchtlinge auf unserem eigenen Land“ sagt Joseph verbittert. Nicht weit entfernt – in Mkulazi – sollen nun auf 63.000 Hektar fruchtbarster Erde, ebenfalls Reis- und Zuckerohrplantagen entstehen. Eine Fläche so groß wie etwa 88.000 Fußballfelder. SAGCOT ist wieder ganz in der Nähe. Nun auch um Dutumi. „Wenn SAGCOT für uns gemacht wird, warum profitieren wir denn nicht davon?“, fragt er. „Die Behörden schauen zu. Wir haben keine Rechte. Sie fordern, dass wir unsere Rinderanzahl reduzieren. Dabei waren wir doch zuerst hier“.

„Wir sind Flüchtlinge im eigenen Land.“

Joseph Lacton Olaramatani

Godfrey Eliseus Massay, vom Tanzania Natural Resource Forum, bestätigt Josephs Einschätzung. „Die Weltbank hat darauf verzichtet, die indigene Bevölkerung zu schützen“, sagt er. Und die Barbaig mussten schon oft weichen. „Seit Jahrzehnten werden sie immer wieder vertrieben“. Denn für seine Regierung sind die Barbaig „mal Indigene, die geschützt werden müssen, mal sind sie es nicht, da ja alle Tansanier indigen wären. Das ist doch ein Widerspruch“ sagt Massay. Oft fiel ihr Land großen Agrar-, Natur- oder Tourismusprojekten zum Opfer. Nicht selten durch internationalen Druck. „Das sind gefährliche Dynamiken. Obwohl diese Prozesse bekannt und dokumentiert sind, hat die Regierung sie nie wirklich geschützt“, sagt Massay. Er setzt sich mit seiner Organisation für Kleinbauern und Pastoralisten wie den Barbaig ein.

Durch die ständigen Vertreibungen von indigenen Hirten kommt es in Tansania seit Jahren immer wieder zu gewaltsamen Konflikten mit Kleinbauern. Das nutzbare Land wird knapp. Landrechte sind seit jeher fragil. Zahlreiche Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Auf beiden Seiten.

Der Ruvu River in der Nähe von Dutumi. Dieser soll bald die großen Plantagen bewässern. Joseph braucht ihn aber auch für seine Rinder. © Peter Elias Masoi

Laut Massay verstärken „neben historischen und klimatischen Konfliktursachen, natürlich großflächige Agrarprojekte wie der New Alliance und SAGCOT diese Konflikte. Der Westen trägt eine Verantwortung dafür.“ Diese Projekte werden von westlicher und deutscher Entwicklungshilfe finanziert und von internationalen Agrarkonzernen mit umgesetzt. Dabei wird aber weder auf die ökologischen, noch auf die schwerwiegenden sozialen Folgen – ernsthaft – Rücksicht genommen.

Somit entstehen „komplizierte Konfliktfelder“, sagt Massay. Während Agrarkonzerne Kleinbauern ihre Lebensgrundlage streitig machen, verschärfen sich deren Konflikte mit nomadischen Volksgruppen. Dabei sind die kleinbäuerlichen und nomadischen Tätigkeiten laut Prof. Urassa von der Sokoine Universtiy of Agriculture  Tansanias wirtschaftliches Rückgrat. 

Sollten Joseph und sein Onkel auch die Region um Dutumi verlassen müssen, weiß er nicht wie es weiter geht. Massay ist der Meinung, dass die „Zukunft der Barbaig und anderer indigenen Hirten Tansanias in Gefahr“ ist.

Für Joseph Lacton Olaramatani ist aber klar, dass er niemals sein Leben als Viehhirte freiwillig aufgeben wird. „Die Rinder sind unser Ursprung und unsere Herkunft. Ohne die Rinder gibt es keine Barbaig.“