Wie Paare in den USA künstliche Befruchtung finanzieren

Darlehen, Pensionsersparnisse und Kreditkartenkonten werden in den USA von Paaren mit Kinderwunsch angezapft, um die hohen Kosten für künstliche Befruchtung zu finanzieren. Immer öfter setzen sie nun auch auf Crowdfunding.

Manche US-Paare, die sich eine künstliche Befruchtung nicht leisten können, sammeln über Crowdfunding Geld. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Lange waren Terry Esparza und ihr Ehemann Mike mit ihren Sorgen alleine. Auf die ständig wiederkehrende Frage, wann sie denn Kinder haben würden, antworteten beide zumeist mit betretenem Schweigen, vielleicht auch mal mit einem gequälten Lächeln. Seit nun schon acht Jahren ist das Paar aus Phoenix, Arizona, verheiratet und seit acht Jahren will es einfach nicht klappen.

Mit jedem Arztbesuch schrumpfte die Hoffnung der beiden, endlich pitter patter, das Tapsen von Kinderfüßen, zu hören. In ihre emotionale Achterbahnfahrt zwischen Diagnoselaboren und Ultraschalluntersuchungen weihten sie lediglich Terrys Eltern ein – nicht einmal die eigenen Geschwister wussten davon. „Es liegt an uns beiden“, sagt Esparza mit fester Stimme. „Aber mein Mann hat sich sehr dafür geschämt, und so haben wir nie offen über unsere Fruchtbarkeitsprobleme gesprochen.“

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Irgendwann aber ging es nicht mehr anders. Das Paar hatte bereits mehrere tausend Dollar für Untersuchungen und Hormonbehandlungen ausgegeben, als ihnen der Arzt erklärte, die einzig verbleibende Möglichkeit sei In-Vitro-Fertilisation (IVF) – also eine künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers, bei der im Reagenzglas Eizelle und Spermien aufeinandertreffen. Der Arzt begann bereits die Kosten für die Behandlung aufzuzählen, da hatten sich die beiden noch kaum von der Diagnose erholt. Ein Behandlungszyklus würde umgerechnet zwischen 7.300 und 8.200 Euro kosten, plus vorheriger Medikamentenbehandlung für etwa 3.700 Euro. Im Durchschnitt werden in den USA laut FertilityIQ, einer Non-Profit-Website zum Thema Unfruchtbarkeit, zweieinhalb solcher Zyklen durchgeführt.

Gut ein Fünftel der Paare versucht es mehr als viermal

Die Chancen einer erfolgreichen Schwangerschaft hängen von vielen Faktoren ab: von Alter bis medizinischer Vorgeschichte. Zwischen 20 und 35 Prozent sind zwar krankenversichert, aber das deckt nur einen Bruchteil der Kosten. „Bei dem Termin wurde mir klar, wie viel Geld für die Behandlung notwendig sein wird“, erinnert sich die 37-jährige Terry Esparza. „Wir hatten für die ersten Behandlungen unser Pensionskonto geplündert, aber es war nicht genug und ich habe einen zweiten Job und mein Mann macht Überstunden, doch es war klar, es würde trotzdem nicht reichen.“ Das bedeutete den Abbruch aller Behandlungen – oder den Weg gehen, den sie bisher gescheut hatten: mit einer Crowdfunding-Kampagne an die Öffentlichkeit.

Screenshot: gofundme.com

Esparza steht damit nicht alleine da. Auf US-amerikanischen Crowdfunding-Plattformen wie GoFundMe.com oder GiveForward.com finden sich mittlerweile unzählige Bewerbungen, in denen um Geld zum Abdecken der Kosten von künstlicher Befruchtung gebeten wird. Viele Spendenaufrufe werden von den Paaren selbst angelegt, andere von ihren Geschwistern oder Eltern. Manche erzählen in der Kampagnenbeschreibung von ihren Erfahrungen mit Unfruchtbarkeit eher allgemein, andere listen jeden erlittenen Rückschlag und jede Fehlgeburt bis ins kleinste Detail auf und führen zusätzlich Videoblogs über Behandlungsfort- und Rückschritte.

In den vergangenen fünf Jahren wurden laut dem Finanznachrichtenportal MarketWatch alleine auf GoFundMe.com mit mehr als 7.500 In-Vitro-Fertilisation-Kampagnen 10,5 Millionen Euro an Spenden eingesammelt. Das ist nur ein Bruchteil der Summe, die auf dieser Plattform für allgemeine Gesundheitsausgaben eingenommen wird – in den für ihre extrem hohen Behandlungskosten berüchtigten USA ist es schon lange populär, teure Krebsbehandlungen bis hin zu langen Krankenhausaufenthalten nach Frühgeburten – zumindest teilweise – über Crowdfunding zu finanzieren. Der Bereich der künstlichen Befruchtung wächst dabei genauso wie der Bereich Adoptionen.

Rund 4.000 Dollar, umgerechnet 3.700 Euro, hofft Terry Esparza mit ihrem Crowdfunding einnehmen zu können. Sie wählte diese Summe, da dies der Teil ist, den sie im Voraus bezahlen muss. Ihren Schritt bereut sie nicht: „Ich bin wirklich überwältigt von der Hilfsbereitschaft.“ Ein Selbstläufer ist der Spendenaufruf aber nicht, sie muss ihn fortlaufend bewerben und anpreisen, was oft nicht einfach ist. In den ersten drei Tagen bekam sie 280 Euro, danach wurde es weniger. Sie findet es schwierig, ihre Bitte immer wieder auf Facebook zu posten, „denn ich will nicht so erscheinen, als würde ich betteln“.

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Wenn über mehrere Tage keine einzige Spende eintrifft, ertappt sie sich ab und zu dabei, an enge Freund*innen zu denken, die wohlhabend sind, sie aber nicht unterstützen. Dann verschickt ihre Mutter wieder den Link und es trudeln neue Zusagen ein. Gut einen Monat nach Beginn der Kampagne hatte Esparza knapp die Hälfte der notwendigen Summe beisammen. Im Schnitt wurden etwas über 64 Euro pro Unterstützer gespendet. Esparza kennt sie alle persönlich – bis auf einen Geldgeber, der anonym blieb. Das gesammelte Geld wird alle zwei Wochen auf ihr Konto überwiesen, fünf Prozent der Summe gehen an GoFundMe und 2,9 Prozent an das Online-Zahlungssystem WePay.

Unfruchtbarkeit ist in den USA ein Stigma

Auch Barbara Collura, Präsidentin von Resolve, der nationalen Unfruchtbarkeitsvereinigung (National Infertility Association), ist vom Trend zum Crowdfunding positiv überrascht und schockiert. Schockiert von der schieren Anzahl, aber auch, weil sie wisse, dass Unfruchtbarkeit weiterhin ein Stigma in den USA ist.

Viele würden eher Entschuldigungen erfinden, als etwa beim Arbeitgeber einzugestehen, warum sie für Untersuchungen und Behandlungen längere Zeiten frei brauchen – oder gar ihre Arbeit kündigen, wenn sie mehrere In-Vitro-Fertilisations-Zyklen durchmachen. Sie beobachte seit längerem, wie heute immer mehr Paare vor allem in Blogs, Sozialen Medien und eben auf Crowdfundingseiten ihre Geschichten teilen. „Das ist wirklich ermutigend“, sagt Collura.

Sie sieht aber auch die finanziellen Nöte für Paare mit Kinderwunsch. Laut einer Studie ihrer Vereinigung aus dem Vorjahr hatte lediglich ein Drittel der Befragten eine Krankenversicherung, die 75 bis 100 Prozent ihrer Kosten abdeckte. 42 Prozent der Befragten hatten Kosten in Höhe von über 18.300 Euro, die sie selbst aufbringen mussten. Viele nahmen dafür einen Kredit auf, nur 20 Prozent konnten sich auf Spenden von Freund*innen und Familie verlassen.

Die Kampagne von Terry und Mike. Screenshot: gofundme.com

Esparza freut sich aber nicht nur über das Geld, sondern auch über die moralische Unterstützung. „Mit jeder Spende erhalte ich auch Worte der Ermutigung.“ Auch drei alte Freundinnen, mit denen sie seit der Highschool keinen Kontakt mehr hatte, meldeten sich bei ihr und erzählten von ähnlichen Schwierigkeiten. Eine davon ist Krankenschwester und Esparza kann sich mit vielen Fragen nun an sie wenden.

Kritik an ihrem Vorgehen bekam sie selbst bislang keine zu Ohren, ihre Familie aber sehr wohl. Da kamen Fragen wie: „Wenn sie sich künstliche Befruchtung nicht leisten können, wie wollen sie dann für ein Kind sorgen können?“ Esparza hält dagegen, dass es bei ihrem Crowdfunding nur um einen kleineren Teil der Kosten gehe, eben jenen, den sie vorab bezahlen muss. In Sozialen Medien finden sich oft Kommentare bei den Spendenaufrufen, warum die Paare denn nicht adoptieren würden oder seit wann es denn in Ordnung sei, Wildfremde einfach so um Geld zu fragen – da könne man sich ja auch ein Haus und ein größeres Auto wünschen. GoFundMe rät seinen Nutzer*innen dazu, nur Menschen Geld zu spenden, die sie auch kennen, um nicht Betrüger*innen aufzusitzen.

Terry Esparza hofft, dass ihre Kampagne auch andere ermutigt, offen über einen nicht erfüllten Kinderwunsch zu sprechen. „Unfruchtbarkeit ist keine Schande“, sagt sie, „sondern vielmehr ein medizinisches Problem.“ Ende April startete ihr erster IVF-Zyklus. An den Fortschritten lässt sie die Crowd mit regelmäßigen Updates teilhaben.


Von Veronika Eschbacher auf Deine Korrespondentin.

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