Wie Paris seine Obdachlosen vergisst

Nachts schlafen sie in den Metrostationen, tagsüber versuchen sie, möglichst unsichtbar zu bleiben. In der Stadt der Liebe sind Obdachlose nicht willkommen – darunter auch immer mehr Jugendliche und Geflüchtete.

Ein Mann schläft auf den Straßen von Paris. © OLIVIER MORIN/AFP/Getty Images

Ich kann nicht behaupten, dass ich Ajmal wirklich kenne. Das erste Mal begegnete ich ihm an meinem ersten Arbeitstag bei Radio France. Zusammengekauert saß er auf einem aufgeschnittenen Pappkarton, mitten auf dem Bürgersteig. Unter ihm die Ausdünstungen der Metro, die aus einem Luftschacht heiß nach oben bliesen. Mit einem harten Stück Brot lockte er einige Tauben an.

An diesem Tag lief ich an Ajmal vorbei – wie alle anderen. Aber in Gedanken ließ mich sein Bild nicht mehr los.

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Job, aber keine Wohnung

Ajmal ist ein sogenannter SDF , ein sans domicile fixe, was so viel wie bedeutet wie „jemand ohne festen Wohnsitz“. Ein Euphemismus, der sich Anfang der 1990er-Jahre in die französische Sprache eingeschlichen und das diskriminierende Wort Penner verdrängt hat.

28.800 von ihnen sollen in Paris leben. Wie viele Menschen es wirklich sind, darüber gibt es kaum verlässliche Daten. Die Abbé Pierre Stiftung schätzt (PDF), dass vergangenes Jahr etwa 142.000 Menschen in Frankreich ohne Unterkunft waren, ein Anstieg von 50 Prozent in zehn Jahren. Davon sind über die Hälfte nicht in Frankreich geboren, die meisten von ihnen kommen aus afrikanischen, frankophonen Ländern.

Einer von Dreien geht weiterhin arbeiten, meistens allerdings für durchschnittlich 1.400 Euro brutto. Eine Zweizimmerwohnung in Paris kostet rund 1.200 Euro.

Immer mehr junge Menschen betroffen

Ajmal arbeitet nicht. Er spricht auch kein Französisch und nur ein paar Brocken Englisch. Als ich ihn einmal nach Feierabend anspreche, versteht er zunächst nicht, was ich von ihm möchte. So erfahre ich nur seinen Namen, über andere Dinge können wir nicht sprechen. Das „Merci“ hat er sich angewöhnt, immer dann, wenn ihm jemand ein paar Cent in den Pappbecher legt.

Seinem Aussehen nach zu urteilen ist er etwa Mitte 40, die schwarzen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht. Rein optisch passt Ajmal in das Bild, das wir von Obdachlosen haben. In Paris sind aber auch immer mehr junge Menschen betroffen. Laut der Abbé Pierre Stiftung ist jeder Vierte in einem Obdachlosenheim unter 30 Jahren. Das Ergebnis zunehmender Ungleichverteilung; insgesamt leben 900.000 junge Französinnen und Franzosen in Armut. Aufgrund der hohen Mieten entscheiden sich immer mehr, wieder bei ihren Eltern zu leben – 2013 waren es fast 400.000.

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Solidarität und Protest

Im aktuellen Wahlkampf ist die Situation der SDF Teil der Wahlprogramme vieler Politiker. Der Kandidat der Parti de Gauche, Jean-Luc Mélenchon, möchte keine Obdachlosen mehr auf der Straße sehen. Seiner Meinung nach sollte jeder von ihnen eine akzeptable Bleibe finden. Wie er das durchsetzen will, dazu äußert er sich nicht. Emmanuel Macron hingegen hätte da eine Idee (PDF): Er will für jeden SDF ein kostenloses Postfach einrichten lassen. Denn, so Macron, eine Adresse sei wichtig, um zum Beispiel Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Außerdem möchte er rund 10.000 Plätze in Pensionen für Obdachlose reservieren. Die Kandidatin des rechtsradikalen Front National, Marine Le Pen, dagegen spielte in der kalten Jahreszeit Migrant*innen gegen französische Obdachlose aus, indem sie behauptete, Notunterkünfte würden vorrangig für Geflüchtete statt für SDF genutzt werden (PDF).

Dabei ist es ein bekanntes Problem: Angesichts der steigenden Zahlen versuchen Organisationen wie Aurore mehr Zentren für Obdachlose zu bauen, doch das finden nicht alle gut. Im 16. Arrondissement, nicht weit von Ajmals Pappkarton entfernt, protestierten im vergangen November Anwohner*innen gegen die Eröffnung eines solchen Zentrums. Es sollte vor allem Platz für Migrant*innen mit kleinen Kindern bieten. Kurz vor der Eröffnung zündeten Unbekannte das Haus an. Mittlerweile ist es repariert und eröffnet, der Protest der Bourgeoisie bleibt. Das zeigt sich schon daran, dass kein einziges Restaurant im Viertel Gutscheine ausstellt, mit denen Obdachlose dort kostenlos essen können.

Bloß keine Durchmischung

Trotzdem, Ajmal lebt im 16. Arrondissement. Überlebt ist wohl der treffendere Ausdruck. Wenn es das Wetter zulässt, breitet er seinen Karton immer an derselben Stelle aus, vor ihm eine kleine Schachtel für Kleingeld und manchmal eine Orange, die ihm die Obsthändler von nebenan überlassen. Zigaretten, Baguette, ein Lächeln, Ajmal nimmt alles, was die vorbeilaufenden Menschen ihm geben. Wählerisch ist er nicht. Auch meine Kolleg*innen von Radio France und ich laufen jeden Tag an seinem Luftschacht vorbei. Unterhalten können wir uns aufgrund der Sprachbarriere kaum. Sein Name bedeutet „mächtig“ auf Arabisch. Mächtig hilflos.