Wie sich eine bipolare Störung anfühlt

An einem Tag strotzt man vor Elan, Freude und Tatendrang und am nächsten Tag fühlt man sich, als sei alle Lebensenergie weg. Das allein macht einen noch lange nicht manisch-depressiv.

Bipolare Störung

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Die Gefühle Manisch-Depressiver gehen über das Normalmaß emotionalen Schwankens deutlich hinaus © David-W- / Photocase

„Höchste Höhen, tiefste Tiefen“ – so beschreibt der Rapper Prinz Pi in seinem Song „Schwarze Wolke“ die Gefühlslage eines Manisch-Depressiven. Ansatzweise nachfühlen kann die Aufs und Abs wohl fast jede*r mal. Aber wir wollten herausfinden, wie weit die normalen, menschlichen Stimmungsschwankungen vom bipolaren Verhalten entfernt sind und haben zwei Menschen gefragt, die sich damit richtig gut auskennen: den Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld in Bethel, Professor Martin Driessen und einen seiner Patienten, den 35-jährigen Max P., der mit 18 unter seiner ersten schweren Depression litt und nach langer Unklarheit im Alter von 25 Jahren die Diagnose „bipolar“ bekam.

Was ist eine bipolare Störung überhaupt?

„Die Gefühlswelt eines Menschen mit bipolarer Störung sieht völlig wechselhaft aus“, erklärt der Psychiater, „bei dieser Krankheit gibt es zwei Seiten, die Manie und die Depression.“ Beide treten episodisch auf. Es gibt auch Phasen, in denen man komplett gesund ist – dann auch wieder abgelöst von manischen oder depressiven Episoden.

Von einer Episode spricht man, wenn der Zustand mindestens zwei Wochen anhält. Sie kann über mehrere Monate andauern. „Bei mir halten die Episoden immer etwa ein halbes Jahr an – genauso wie die Normalzustände“, erklärt Patient Max. Die Episoden bauten sich bei ihm allerdings nicht schlagartig, sondern eher langsam auf – wie eine lineare Funktion. Tendenziell halten die depressiven Episoden länger an als die manischen.

Es kommt aber auch vor, dass die Phasen immer schneller aufeinander folgen. Das heißt, die Patient*innen gehen immer öfter von einem Extrem in das andere über. „Wenn die Episoden innerhalb von Tagen kippen, nennen wir das rapid cycling„, erklärt Professor Martin Driessen.

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Aber wie genau fühlen sich diese zwei Seiten an?

Jeder Mensch schwankt in seinen Emotionen und seinem Antrieb. Aber das bewegt sich im Rahmen der normalen Schwingungen, die – je nach Typ – stärker oder geringer ausfallen. „Wenn jemand eindeutig aus diesem normalen Schwingungsmuster herausfällt, stimmt meist etwas nicht“, weiß der Psychiater und Psychotherapeut.

Die depressive Seite ist dadurch gekennzeichnet, dass der oder die Betroffene keinen Antrieb mehr hat, interesselos ist, keine Freude empfindet, trübe Gedanken hegt und die Welt komplett negativ wahrnimmt. „Wenn ich depressiv bin, habe ich so eine Art weißen Schleier, der sich über alles legt“, erklärt Max, „alles sieht so fad aus und obwohl man rational weiß, dass es schön ist, unter Leute zu gehen, möchte man einfach nur nach Hause in sein Bett, weil man diese Freude eben nicht empfinden kann.“

„Eine Depression kann verdammt schmerzhaft sein“

Häufig geht die Depression auch mit Konzentrationsstörungen und Gedächtnisproblemen einher. „Gleichzeitig hat man in einer Depression das Gefühl, total unter Stress zu stehen, so, als würde der Motor auf 180 laufen, aber das Auto nicht von der Stelle kommen“, erklärt der Psychiater, „und zwar unabhängig davon, ob von außen wirklich Stress vorhanden ist.“

Meistens schleicht sich eine Depression innerhalb von Wochen langsam ein und kann dann mehr oder minder ausgeprägt sein. Bei schwergradigen Depressionen können noch psychotische Symptome dazu kommen. „Dazu kann das Gefühl gehören, nichts wert zu sein, an allem Schuld zu sein, ein Nichts zu sein (…)“, meint Professor Driessen. „Eine Depression kann verdammt schmerzhaft sein“, sagt auch Max.

„Manie ist wie Party im Kopf“

Die andere Seite, die Manie, ist genau das Gegenteil: Man fühlt sich superstark, hat große Ideen. Der Antrieb ist gesteigert, man denkt deutlich schneller, redet schneller und hat kaum noch das Bedürfnis zu schlafen – und meint dennoch, sich brillant konzentrieren zu können. In der Manie ist man allen Dingen gegenüber positiv gestimmt, hat überhaupt kein Verständnis für die Probleme anderer und kommt für gewöhnlich mit völlig übersteigerten Ideen um die Ecke.

„Ein Orgasmus ist gegen das Hochgefühl in der Manie nichts. Man fühlt sich in der Manie als wäre man permanent auf LSD und Kokain gleichzeitig“, erzählt Max. „Alle Reize werden viel intensiver – man hört auch unglaublich gerne laut Musik. Manie ist wie Party im Kopf.“ Doch diese positive Stimmung kann auch in eine gereizt-aggressive umschlagen.

Ein Orgasmus ist gegen das Hochgefühl in der Manie nichts.“ – Max

„Und auch die Manie kann psychotische Ausmaße annehmen“, erläutert Professor Driessen, „das geht von Einbildungen weit übernatürlicher Dinge bis hin zu Möglichkeiten, die Welt zu lenken.“ Teilweise schließen Menschen in der Manie absurde Verträge ab, die ihren finanziellen Verhältnissen überhaupt nicht entsprechen und verschulden sich dabei. Oder sie kündigen Verträge, die existenziell wichtig sind. Ein weiteres Symptom ist Promiskuität – die Betroffenen lassen sich in ihrer Manie häufig auf sehr viele Partner*innen ein.

„Ich hätte mich da selbst nicht mehr herausbringen können“

Auch bei Max haben die Manien schon psychotische Ausmaße angenommen und zu ganz unterschiedlichen Erlebnissen geführt. Solche, bei denen er der Ansicht war, dass das ganze Universum eins sei. „Das war irgendwie toll. Ich habe Diagramme gezeichnet, um meine Gedanken darzustellen und dabei haben sich sowohl die Manie als auch die Psychose absolut positiv angefühlt.“, erklärt Max.

Allerdings hatte er auch eine psychotische Erfahrung, die er selbst als „Horrortrip“ bezeichnet. „Zu der Zeit war ich manisch und seit etwa zwei Tagen wach. Ich saß in meiner Wohnung und schaute mir ein Foto an, auf dem der Red Skull aus dem Marvel-Universum abgebildet war. Die rote Farbe des Red Skull habe ich dann mit der Roten-Armee-Fraktion assoziiert“, berichtet er, „dann habe ich die Zeit, in der die Partei aktiv war, mit der des Baujahres meines Wohnhauses verknüpft. Und weil ich in einem Viertel lebe, das ein bisschen wohlständiger ist, war ich davon überzeugt, dass die Rote-Armee-Fraktion mein Haus vermint hatte.“

Vor lauter Panik sei er dann auf die Straße gelaufen und habe nach den Marines geschrien. „Die Gedanken verselbstständigen sich einfach und man ist in einer kompletten Parallelrealität unterwegs. Max wurde damals in die Klinik gebracht und am Krankenhausbett fixiert. Als er aufwachte, war das Wahnkonstrukt verschwunden. „Dafür war ich den Ärzten unglaublich dankbar, ich hätte mich da selbst nicht mehr herausbringen können.“

Negativer Kreislauf

Im Gegensatz zur Depression, bei der der Betroffene oftmals selbst merkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, wird bei der Manie eher das soziale Umfeld auf die übersteigerte Stimmung aufmerksam. „Aus diesem Grund ist die Fremdanamnese in der Diagnose besonders wichtig“, meint der Professor, „Familie, Freunde und Bekannte bemerken die Veränderung sofort und haben in der manischen Episode einen ganz anderen Menschen vor sich, als sie ihn sonst kennen. Die Einschätzung durch die Angehörigen wird in der Untersuchung immer berücksichtigt.“

Wenn jemand komplett fern von seiner eigentlichen Persönlichkeit sei, von den sozialen Normen abweiche und Dinge tue, die ihm oder seinem Umfeld im Endeffekt Schaden zufügten, spricht man von einem manischen Punkt.

Und wenn die Betroffenen nach der manischen Episode bemerken, was für ein Desaster sie angerichtet haben, stürzt sie das nicht selten wieder zurück in die Verzweiflung. So folgt auf die Manie oft unmittelbar die Depression.

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Grundsätzlich unterscheidet sich die Depression eines Manisch-Depressiven, die bipolare Depression, nicht von der eines Depressiven, der unipolaren Depression. „Aber wenn der Mensch in der Manie alles an sozialen und existenziellen Dingen eingerissen hat und dann in die Depression kippt, ist die reale Katastrophe, die dahinter steckt, eben tatsächlich da und nicht nur fantasiert”, führt der Psychiater aus. Dies sei für den Betroffenen zusätzlich belastend. Seinen Patient*innen sehe er oft an, dass das ständige Switchen sie verbrauche. “Die Krankheit belastet den Körper und lässt die Menschen deutlich schneller altern.”

Kreativität als Ventil

Auch Mischzustände können vorkommen. Der oder die Betroffene fühlt sich innerlich ein bisschen depressiv, ist aber beschwingt, hat mehr Antrieb und Kraft. Die sogenannte Hypomanie kann man sich wie eine abgemilderte Form der Manie vorstellen. “Das ist wie eine Art Vorstufe der Manie”, erklärt Professor Driessen. Die Hypomanie könne zudem zu erheblicher Kreativität und Produktivität führen. Max hat schon früh mit dem Malen angefangen; mittlerweile designt er mit verschiedenen Programmen eigene Grafiken, in denen er seine Gedanken und Gefühle verarbeitet. „Kreative Arbeit ist ein schönes Ventil für die Krankheit“, erklärt er.

Der Komponist Robert Schumann beispielsweise war auch bipolar und hat in seinen hypomanen Episoden die schönsten Werke verfasst. „Nur kommt irgendwann der Punkt, an dem die Betroffenen nicht mehr wirklich produktiver und kreativer, sondern nur noch flusig und durcheinander sind“, erklärt Driessen.

Wer ist gefährdet?

Bezüglich des Risikos an einer bipolaren Störung zu erkranken, geht man heute von Gen-Umwelt-Interaktionen aus. „Gene können in verschiedenen Formationen, so genannten Allelen, vorliegen. Darunter gibt es solche, die ein Krankheitsrisiko erhöhen. Wer eine Mehrzahl dieser (…) Allele in sich trägt, ist anfälliger für die Krankheit“, erklärt der Professor.

Kommen zu diesen genetischen Faktoren noch traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit hinzu, wird das Erkrankungsrisiko deutlich höher eingestuft. Ausgelöst werden kann die Krankheit durch Stress, Drogen oder körperliche Erkrankungen.

Wie geht man damit um?

„Besonders in den manischen Episoden habe ich oft Cannabis wegen seines sedierenden Effekts eingesetzt. Ich kann aber nur jedem Betroffenen raten, das sein zu lassen. Wegen der halluzinogenen Wirkung treten eben auch schneller Psychosen auf. Und so einen Horrortrip will man auf keinen Fall erleben“, sagt Max.

Mittlerweile ist er auf Lithium und ein atypisches Neuroleptikum eingestellt und hat seitdem auch keine Episoden mehr gehabt. „Dem Lithium habe ich die besten Phasen in meinem Leben zu verdanken. Ich habe endlich mal Dinge auf die Kette bekommen, mein Abitur nachgeholt und mit dem Malen angefangen.“

Psychische Krankheiten werden stigmatisiert

Max blickt in dem Gespräch auf seine mittlerweile lange Krankenakte. Was er in all den Jahren definitiv gelernt hat, habe mit den Menschen in seinem Umfeld zu tun. „Man lernt schnell die Spreu vom Weizen zu trennen. Manche Freunde verschwinden in Nullkommanichts, sobald sie von deiner Krankheit erfahren (…) Ich habe gemerkt, dass sich generell viele Leute distanzieren, sobald man ihnen von seiner psychischen Erkrankung erzählt. In unserer Gesellschaft werden psychisch Erkrankte stark stigmatisiert. Jede Straftat wird erst dann logisch, wenn der Täter gleichzeitig in psychiatrischer Behandlung war. Das führt automatisch dazu, dass psychisch Kranke zu Tätern, zu Feinden in unserer Wahrnehmung werden. Auch in Filmen herrscht häufig ein sehr zugespitztes Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen vor.“

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Wo gibt es Hilfe?

Wer wirklich das Gefühl hat, davon betroffen zu sein und das eventuell auch von Angehörigen bestätigt bekommen hat, kann vorab unter dgbs.de einen Selbsttest zur bipolaren Störung durchführen.

Für die individuelle Behandlung sollte man aber in jedem Fall einen Psychiater zu Rate ziehen. „Es schadet auf jeden Fall nicht, mal einen Arzt aufzusuchen. Bei mir war es ein ziemlich langer Prozess, bis ich die richtige Diagnose und die entsprechende Therapie bekam“, sagt Max. „Lange wurde ich als unipolar-bipolar eingestuft und bekam Anti-Depressiva, die die Manien natürlich verstärkt triggerten. Zu diesem Zeitpunkt war mein Spitzname Rakete.“

Wer monatelang auf seinen Termin warten muss, dem empfiehlt der Experte, sich in der Institutsambulanz zu melden, die jede psychiatrische Klinik hat: „Da bekommt man in der Regel schneller einen Termin, weil die Kollegen dort personell besser aufgestellt und auf Akutsituationen eingestellt sind.“ Dort kann man einen Diagnostik- oder Beratungstermin vereinbaren und erfährt schnell, wie es weitergeht.