Wie sich in Kairo eine 26-Jährige auf dem Fahrrad für mehr Gleichberechtigung einsetzt

Frauen auf Fahrrädern? Eine Sensation in Kairo – und auch eine Provokation. Doch wenn die Leute sehen, was die Frauen da machen, vergeht ihnen das Gaffen.

Kairo während des Ramadan, zwei Stunden vorm Fastenbrechen: Im schicken Stadtteil Mohandessin im Zentrum Kairos kniet Nouran Salah in einer Hausecke vor einer riesigen Plastiktüte mit dutzenden Styroporbehältern. Einen nach dem anderen packt sie in Rucksäcke. Ein paar weitere Frauen helfen ihr dabei. Hinter ihnen dröhnt der Kairoer Feierabendverkehr, schwarzglänzende SUVs ziehen vorbei, staubige Schrottkarren, die in Deutschland seit Jahren nicht mehr durch den Tüv gekommen wären. Autos sind in Kairo das übliche Fortbewegungsmittel. Wer keins hat, fährt Metro oder Bus, wem dazu die wenigen Cent fehlen, geht zu Fuß oder sitzt am Straßenrand und hofft auf Almosen.

Die Frauen vor der Plastiktüte wählen heute aber ein anderes Fortbewegungsmittel: Mountainbikes. Das ist eine Sensation. In Kairo sind sonst nur halbwüchsige Jungen, selten mal Männer auf Fahrrädern unterwegs. Frauen scheuen die Tour auf dem Sattel. Schließlich werden sie auf der Straße auch so schon ständig angegafft oder mit unangenehmen Bemerkungen belästigt, selbst wenn sie in lange Kleider und Kopftücher gehüllt nur schnell zum Laden um die Ecke gehen.

Nouran aber liebt Fahrradfahren. „Aber in Ägypten ist es für Frauen nicht einfach, Rad zu fahren“, sagt sie. „Eine Frau auf einem Fahrrad wird bei uns immer verurteilt. Die Leute sagen, es sieht zu sexy aus, deswegen sollten Frauen nicht fahrradfahren. Das nervt mich. Und ich will das ändern.“

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Und sie, die mit ihren 26 Jahren schon einige Länder bereist hat und aus einer weltoffenen Kairoer Familie stammt, will das nicht länger hinnehmen. Sie will Frauen ermutigen, Fahrrad zu fahren – egal, was die Männer davon denken. Und sie will gleichzeitig anderen etwas Gutes tun. Beide Wünsche führten zu einem Projekt: BelBicycle – Life is a Cycle. BelBicycle bedeutet so viel wie „Per Fahrrad“.

Am ersten Tag des Ramadan schwang sich Nouran auf ein geliehenes Fahrrad und verteilte Süßigkeiten an Kinder und arme Menschen auf der Straße. Am nächsten Tag fuhr schon eine Freundin mit. Seitdem liken und teilen immer mehr Menschen die Facebook-Seite von BelBicycle, jeden Tag schließen sich andere junge Frauen – und gelegentlich auch Männer – der Tour an, bringen Rucksäcke und Räder mit, um dann über die ungewöhnlich sauberen Straßen Mohandessins in die Ecken der Stadt zu radeln, in denen sich mit jedem Kilometer mehr Müll am Straßenrand türmt, die Kinder schmutziger und zahlreicher sind und die Männer intensiver auf die radelnden Frauen starren.

Auf dem Fahrrad Gutes tun

An diesem Tag geht es nach Bashteel im Nordwesten der Stadt, weit weg von den Touristenmagneten und vom staubigen Prunk der Innenstadt. Bei mindestens 40 Grad im Schatten strampeln die Helfer*innen von BelBicycle an hupenden Autos vorbei, über staubige Straßen und zwei der gigantischen Brücken, die sich an verschiedenen Orten durch die Stadt ziehen und das Verkehrschaos etwas entlasten sollen. Die meisten aus der achtköpfigen Gruppe fasten selbst und haben seit drei Uhr morgens nichts mehr gegessen und getrunken.

Mit aufgesprungenen Lippen erreichen sie Bashtil. Die Sonne geht allmählich unter, aber es ist noch immer eine Stunde bis zum Fastenbrechen. Vorher wollen die Frauen ihre Ladung verteilt haben. In jedem Styroporbehälter ist Reis, Fleisch und Salat, genug, um den Hunger nach einem Fastentag zu stillen. Wo aber die armen Leute finden, die wirklich etwas zu Essen brauchen? Bashteel ist zwar ein armer Stadtteil, doch das Essen will Nouran wirklich an die ärmsten der Armen verteilen.

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Wie so oft in arabischen Ländern, wissen die Kinder am besten Bescheid. Eine Gruppe von Jungen hat sich schon um die Radler*innen versammelt, ist neugierig auf die Fremden und hilft eifrig weiter. Zu Fuß schiebt die Gruppe ihre Räder durch immer engere Gassen. Und dort, wo die Sonne kaum noch hinscheint, reichen sie die Mahlzeiten durch Fenster und Haustüren, an alte Menschen und Frauen mit vielen Kindern. Die Rucksäcke leeren sich, das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, beflügelt.

Dann dröhnt der Ruf des Muezzins durch die Gassen, das Essen ist verteilt, einer der Helfer stapelt am nächsten kleinen Laden eisgekühlte Wasserflaschen auf seinen Arm, die er an den Rest der Gruppe verteilt. Stärker noch als das Glücksgefühl, arme Menschen mit Nahrung versorgt zu haben, ist in diesem Moment die Erleichterung, endlich wieder trinken zu können. Und die Vorfreude auf die Rückfahrt im nicht mehr ganz so heißen Abendwind.

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Damit ist die Mission von BelBicycle aber noch nicht erfüllt. Nouran und eine Freundin schmieren gegen Mitternacht noch Sandwiches, die sie zwei Stunden später auf den Straßen Mohandesins verkaufen. Dann ist die Zeit des frühen Frühstücks, bevor die Sonne aufgeht und der nächste Fastentag beginnt. Nouran verkauft ihre hausgemachten Sandwiches für umgerechnet einen Euro und verteilt dabei Flyer, die die Mission von BelBicycle erklären. Manchmal zahlt dann auch jemand umgerechnet zehn Euro für ein Sandwich.

Während des Ramadan sind die Leute besonders spendabel. Von dem eingenommenen Geld bezahlt Nouran eine Syrerin, die die Mahlzeiten kocht und am nächsten Tag zwei Stunden vorm Fastenbrechen zu dem Treffpunkt an der Straßenecke in Mohandesin liefern lässt. Dann machen sich die Helfer von BelBicycle auf zur nächsten Tour in einen anderen armen Stadtteil in Kairo. So soll es immer weiter gehen, bis der Ramadan zu Ende ist und sich immer mehr Frauen getraut haben, auf ein Fahrrad zu steigen.