Wie sich muslimische Frauen gegen Islamhasser schützen können

Hass-Posts, anti-muslimische Proteste, gewaltsame Übergriffe – nach islamistischen Anschlägen nimmt die Gewalt gegen Muslime zu. Gerade Mädchen und Frauen sind gefährdet. Die Website Muslimgirl.net gibt Ratschläge, wie sie sich schützen können.

© Olivier Morin/AFP/Getty Images

Eine Frau demonstriert in Mailand gegen Terrorismus und für Solidarität mit den Opfern der Paris Anschläge. © Olivier Morin/AFP/Getty Images

Da reißen Sechstklässler in New York einer muslimischen Mitschülerin das Kopftuch herunter und beschimpfen sie mit „ISIS“. In Toronto schlagen zwei Männer eine muslimische Frau, die ihre Kinder gerade von der Schule abholen will. In London wird eine Muslima gegen eine einfahrende U-Bahn gestoßen. Auch in Deutschland nimmt die Zahl islamfeindlicher Übergriffe zu. Allein im ersten Halbjahr 2015 gab es 23 politisch motivierte Angriffe auf Moscheen in Deutschland.

Wenn Muslime – und gerade Frauen, die oft leicht an ihrem Kopftuch zu erkennen sind – Angst vor islamfeindlichen Übergriffen haben, ist diese Angst also leider berechtigt. Die Seite Muslimgirl.net hat sich ihr angenommen.

Muslimgirl.net wird von Washington aus betrieben und richtet sich, wie der Name schon sagt, vorwiegend an muslimische Mädchen und junge Frauen. Unter dem Motto „Muslim women talk back“ veröffentlicht die Seite Artikel über starke Muslimas, gegen Donald Trump und für mehr Mut zu modischen Outfits mit Kopftuch.

Nun hat Muslimgirl.net Ratschläge veröffentlicht, wie sich muslimische Frauen am besten vor antimuslimischen Übergriffen schützen. Aber auch für nicht-muslimische Frauen können einige der Tipps nützlich sein.

Mütze oder Turban

Im Winter ist das eine Lösung: Eine normale Mütze über das Kopftuch ziehen, dann fällt man nicht sofort als Muslima auf. Ein Kopftuch lässt sich auch als Turban wickeln, sieht stylisch aus und sieht nicht aus wie ein traditionelles Kopftuch. Das Kopftuch zu verstecken schützte allerdings nicht vor rassistischen Übergriffen, wenn die Frau, die es trägt, dunkelhäutig ist, betont Muslimgirl.net.

Dieser Hinweis ist angesichts der Gewalttaten von Polizisten gegen dunkelhäutige Menschen in den USA offenbar nötig. Um besonders auf Flughäfen nicht ständig misstrauisch beäugt oder durchsucht zu werden, rät Muslimgirl.net sogar, das Kopftuch ganz abzulegen. Ein Ratschlag für Muslimas, die in westlichen Ländern leben. Also in jenen Ländern, die sich sonst gern mit den Labels „Freiheit“ und „Toleranz“ schmücken.

Augen auf vor der Moschee

Wenn vor der Moschee jemand herumhängt, der pöbelt oder bedrohlich wirkt, sollte jemand aus der Gemeinde verständigt oder im schlimmsten Fall die Polizei gerufen werden. Natürlich kann sich jeder vor einer Moschee aufhalten, wenn er Lust dazu hat. Es sollte also einen guten Grund geben, die Polizei zu rufen oder denjenigen zum Gehen aufzufordern.

Immer in der Gruppe

Das gilt auch für Frauen, die nachts ausgehen: Geht zusammen zum Auto oder nach Hause. Muslimgirl.net betont zusätzlich: „Wir sitzen alle im gleichen Boot, helft also besonders den Schwestern mit kleinen Kindern und den Älteren, die nicht schnell laufen können.“

Bleib selbstbewusst

Eine krumme Haltung, ein unsicherer Gang, kein Augenkontakt – all das sind Signale, die Schwäche signalisieren. Gewaltbereite Menschen suchen keine Gegenwehr, sondern ein leichtes Opfer. Wer also unsicher wirkt, macht sich angreifbar. Deswegen: Gerade und selbstbewusst gehen, möglichst auch bei Gefahr ruhig bleiben. In der Öffentlichkeit möglichst unter Menschen bleiben und keine einsamen Wege gehen. In einer bedrohlichen Situation wenn es geht rasch zum Telefon greifen und Hilfe rufen.

Schreien

Das klingt so selbstverständlich, trotzdem muss man es sich oft bewusst machen. In einer gefährlichen Situation muss man um Hilfe rufen, schreien, kreischen, was immer möglich ist, um Aufmerksamkeit zu erregen – auch wenn es peinlich ist. Muslimgirl.net schreibt außerdem: „Auch wenn du Arabisch sprichst und du dir damit noch mehr Ärger einhandelst, bleib nicht still.“

Verteidige dich

Unterricht in Selbstverteidigung bedeutet vor allem, Selbstbewusstsein und Reaktionsvermögen zu lernen. Nach ein paar Unterrichtsstunden kann sich eine zierliche Frau zwar immer noch nicht gegen einen stämmigen Mann verteidigen. Aber sie hat schon gelernt, Gefahrensituationen wahrzunehmen, auf Belästigung angemessen zu reagieren und einen hartnäckigen Verehrer in einer Bar fernzuhalten.

Muslimgirl.net rät Frauen, in ihrer Moschee nachzufragen, ob sie Selbstverteidigungskurse anbieten können. Selbstverteidigungstipps gibt es auch online. Pfefferspray oder eine Trillerpfeife können ebenfalls sinnvoll sein. Auch ein Schlüsselbund, der so in der geschlossenen Hand liegt, dass die Schlüssel zwischen den Fingern herausragen, kann zur Verteidigung genutzt werden. Die beste Waffe, auch wenn sie wenig heroisch klingt, ist aber noch immer die Flucht.

Kopfhörer raus

Wer Kopfhörer trägt, nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr. Gerade nachts auf dem Heimweg oder in einsamen Straßen sollten Frauen deswegen keine Kopfhörer tragen. So kann sich niemand einfach anschleichen.

Vorsicht in Bussen und Zügen

In Zügen und Bussen sind die Sitze direkt hinter dem Fahrer am sichersten, gerade nachts, wenn nicht viele Fahrgäste mitfahren. Muslimgirl.net rät außerdem, großen Abstand zum Bahnsteigrand zu halten, bis der Zug eingefahren ist. Denn es kam schon vor, dass Menschen vor Züge gestoßen wurden.

Handy bereit halten

Egal ob eine Frau mit Kopftuch allein von der Moschee oder nachts allein von einem Club nach Hause geht – dieser Tipp gibt Sicherheit: Auf dem Weg mit einem Freund oder der Freundin telefonieren. So kann man dumme Sprüche besser ignorieren – und wenn es wirklich zu einer kritischen Situation kommt, kann der Gesprächspartner sofort Hilfe holen.

Notrufnummer kennen

Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig den Notruf – also die 110 – wählen. Die Polizei kann im Notfall Tipps geben, wie man sich am besten verhält, bis Beamte vor Ort sind. Die Polizei sollte auch informiert werden, wenn man einschüchternde Anrufe oder Drohbriefe erhält. Der Notruf kann ohne SIM-Karte, ohne Guthaben oder von einem gesperrten Handy aus gewählt werden.

Kamera anschalten

Wenn jemand bedrohlich zu nahe kommt oder immer das gleiche Auto hinter einem fährt, sollte man unauffällig ein Foto machen, rät Muslimgirl.net. Falls derjenige tatsächlich übergriffig wird, hat man wenigstens ein Foto des Täters, dass man der Polizei geben kann. Aber Vorsicht: Merkt derjenige, dass er fotografiert wird, könnte er sich provoziert fühlen. Und: Fotos anderer Menschen dürfen nicht ohne deren Einwilligung veröffentlicht werden. Auch wenn der Mensch auf dem Foto rassistische Sprüche losgelassen hat, darf er nicht im Internet an den Pranger gestellt werden.

Bescheid sagen

Andere sollten wissen, wohin man geht. Eine kurze Nachricht auf Facebook oder per SMS reicht, damit Eltern oder Freunde Bescheid wissen, wohin man unterwegs ist und wann man zurückkommt. Im schlimmsten Fall können Freunde oder Familie sofort eine Suchaktion starten, wenn man nicht wieder auftaucht. Diese App kann dabei helfen: bSafe informiert mit einen Klick Freunde oder Eltern, wenn man in Schwierigkeiten steckt und teilt auch den Standort mit. Auch ein Fake-Anruf kann eingestellt werden, um sich aus unangenehmen Situationen heraus zu manövrieren.