Wie Simon durchs Kiffen eine Psychose bekam

Ein bisschen kiffen bei der Bandprobe zusammen mit Freunden. Eigentlich kein Problem, wenn es bei gelegentlichem Konsum bleibt? Ja, eigentlich.

Bisschen kiffen? © clemens fait / photocase.de

An die Zeit vor drei Jahren kann sich Simon* eigentlich kaum noch erinnern. Da sind nur verschwommene Szenen aus einem Kapitel in seinem Leben, in dem es mal nicht so gut lief. Was er noch weiß: Seine Eltern haben sich Sorgen gemacht und bringen ihn in eine psychiatrische Klinik, dort bleibt er für Wochen.

„Kiffen war immer cool. Auch, das heimlich zu machen. Dass das solche Konsequenzen haben kann, hätte ich nie gedacht“

In der geschlossenen Station wird ihm klar, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Er findet sich zwischen Leuten wieder, die alle auf psychiatrische Hilfe angewiesen sind, muss Medikamente nehmen und ist durcheinander. Nach einer Weile darf er auf die offene Station und schließlich geht er nur noch in die Tagesklinik. Es sind Monate der Regeneration, in denen Simon von Psychologen betreut wird.

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Die Ärzte haben bei ihm eine Psychose diagnostiziert – eine schwere psychische Störung, bei der die Betroffenen zeitweise den Bezug zur Realität verlieren und ihre Umwelt ganz anders wahrnehmen, als gesunde Menschen. Dies sei zum Teil durchs Kiffen ausgelöst worden und zwingt Simon dazu, sich einmal ganz auf seine Gesundheit zu konzentrieren. „Kiffen war immer cool. Auch, das heimlich zu machen. Dass das solche Konsequenzen haben kann, hätte ich nie gedacht“, fasst er rückblickend zusammen.

„Ich war kein Hardcore-Kiffer.“

Am Anfang dieser Ereigniskette steht ein 19-jähriger Abiturient, der ein freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) in einem Umweltverein macht und ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat. Er wohnt noch zu Hause. In der Freizeit macht Simon Musik mit seiner Band. Bei den Proben rauchen sie mal den einen oder anderen Joint, kein besorgniserregender Konsum, wie Simon findet. „Ich war kein Hardcore-Kiffer, hab das nicht jeden Tag gemacht, sondern mal am Wochenende.“

Während er erzählt wird klar, Simons Geschichte ist eines dieser Schauermärchen, die viele Jugendliche von ihren Eltern oder Lehrer*innen hören. „Da gab es mal einen Jungen, der nur ein oder zwei Mal gekifft hat und direkt krank geworden ist“, so könnte die Geschichte im Biounterricht erzählt werden, bei denen viele Leute dann nur ungläubig den Kopf schütteln. Bei Simon war es aber tatsächlich so: Während er ab und zu mal kifft, sein FÖJ macht, sich mit Freunden trifft und macht, was 19-jährige Jungs eben so machen, verändert er immer mehr sein Verhalten.

„Meine Eltern haben mich als sehr sprunghaft, abwesend und abschweifend beschrieben.“ Sie wussten, dass ihr Sohn ab und zu kifft. Das war irgendwie okay, schließlich waren sie auch mal jung. Aber als sie bemerkten, dass Simon sich von Woche zu Woche veränderte und unkonzentrierter wurde, redete ihm sein Vater ins Gewissen. „Wir haben beschlossen, dass ich besser mit dem Kiffen aufhöre. Das habe ich auch eingesehen, nur dann halt trotzdem weitergemacht.“ An diesem Punkt merkt er auch, dass irgendwas nicht in Ordnung ist, es ihm nicht besonders gut geht.

„Wenn ich damals ein Buch gelesen habe, dann habe ich die komplette Handlung auf mein Leben bezogen. Da war kaum ein Unterschied mehr zwischen Realität und Fiktion.“

Aber die Erinnerungen an die Zeit der Psychose sind heute nicht mehr präsent. Sie haben sich verändert oder sind gelöscht, das gehört wohl dazu. Trotzdem kann er das Gefühl der Psychose auf den Punkt bringen: „Wenn ich damals ein Buch gelesen habe, dann habe ich die komplette Handlung auf mein Leben bezogen. Da war kaum ein Unterschied mehr zwischen Realität und Fiktion.“ Heute kann er sein Verhalten von damals gut einordnen, weiß was damals mit seinem Körper los war.

Die Debatte um die Legalisierung

Es sind ungefähr 20 bis 30 Prozent der Leute, die regelmäßig kiffen, die Krankheiten wie Simon bekommen können. So erklärt es Andreas Bechdolf, er ist Chefarzt der Psychiatrie im Vivantes Klinikum am Urban in Berlin. Größte Schwierigkeit: Die Betroffenen können vor ihrem ersten Joint nicht wissen, wie sie es vertragen. „Wenn man eine hohe Anfälligkeit für Psychosen oder andere psychische Störungen hat, kann es sein, dass man nach relativ wenig Konsum eine psychische Störung bekommt.“  Simon ist also eher eine Ausnahme. Trotzdem werden Krankheitsverläufe wie seiner als Argument gegen die Legalisierung von Cannabis angeführt und tragen zum konservativen Umgang bei.

Dennoch geht die Debatte um legales Kiffen weiter: Bremen hat im letzten Jahr die strafrechtliche Verfolgung für Cannabiskonsum gelockert und die Stadt Düsseldorf will, dass dort bald alle Erwachsenen Gras legal in der Apotheke kaufen können. Auch in Berlin wird um freies Cannabis weiter diskutiert. Dort wurde der Versuch, legale Abgabestellen in Friedrichshain-Kreuzberg einzurichten, vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte abgeschmettert. Die neue rot-rot-grüne Regierung will jetzt einen weiteren Versuch starten. Diesmal soll die Cannabis-Legalisierung nicht nur für einen einzelnen Bezirk sein, sondern stadtweit gelten.

Vorbild für Deutschland sind zum Beispiel die USA. Mit der Präsidentschaftswahl wurde dort auch für eine gelockerte Drogenpolitik gestimmt. In Kalifornien dürfen Leute nun ab 21 Jahren Gras in kleineren Mengen besitzen und zu Hause sechs Cannabispflanzen anbauen. Auch in Nevada und Massachusetts wurde für den Freizeitgebrauch von Marihuana gestimmt.

Nicht alle Menschen haben eine so hohe Anfälligkeit für Psychosen wie Simon

Für die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler von der CSU, ist eine Legalisierung in Deutschland aber nicht denkbar. Mit einer Ausnahme: „Cannabis als Medizin: ja. Cannabis zum Spaß: nein.“ Von dieser Aussage lässt sich die deutsche Hanflobby jedoch nicht beirren und kämpft weiterhin für eine vollständige Legalisierung.

Simon hat sich inzwischen von seiner Psychose erholt. Er muss keine Medikamente mehr nehmen und auch nicht mehr zum Psychologen gehen. Statt sich ausschließlich um seine Gesundheit zu kümmern, kann er jetzt wieder ganz normale Dinge machen. Zum Beispiel hat er angefangen Sonderpädagogik zu studieren und ist auch sonst wieder ganz der Alte: „Ich glaube, ich habe echt Glück gehabt.“ Die Erinnerungen an die Zeit sind für ihn zwar verwaschen, trotzdem sitzt der Schock noch tief und gekifft hat er nie wieder.

Und obwohl er selbst nicht wirklich gute Sachen übers Kiffen erzählen kann, ist er keineswegs strikt gegen die Cannabis-Legalisierung in Deutschland: „Obwohl ich sehr negative Erfahrungen gemacht habe, würde ich sagen, dass es viel wichtiger ist Prävention zu betreiben, als an einer Kriminalisierung von Gras festzuhalten.“

*Name geändert