Wie viele Lügen braucht eine gute Beziehung?

Vollkommene Offenheit und Ehrlichkeit bei allen Themen können einem Paar schaden. Aber bei welchen Themen sollte man lieber mal flunkern oder schweigen – und bei welchen nicht?

Ist etwas zu verschweigen auch schon eine Lüge? © Jeannine Jirak/photocase.de

Ehrlichkeit ist der Mörtel für eine gute Beziehung. Also, so ganz grundsätzlich gesprochen. Denn wie ehrlich ist der*die Partner*in wirklich zu uns und wie ehrlich sind wir selbst? Genau diese Frage kam neulich spätabends in einer Bar auf und wurde zunächst ganz eindeutig von der Runde nahezu empört beantwortet: „In meiner Beziehung gibt’s keine Lügen! Wenn wir uns belügen müssten, könnten wir es ja gleich bleibenlassen!“ Und im schummrigen Licht der Kneipe nickten alle erstmal einhellig, was gibt’s da schon anzufügen? Echte Liebe kann mit Ehrlichkeit umgehen, na klar.

Nun ja, nach ein paar weiteren Schlückchen – ja gut, Gläsern – Wein traute sich dann doch eine mutige Seele, all die vermeintlich perfekten, weil grundehrlichen Beziehungen infrage zu stellen: „Aber alles sagen, das tut ihr euch ja wohl auch nicht an.“ So, zack, da hatten wir den Salat. Denn, natürlich nicht. Wir sind ja nicht bekloppt. Aber sind wir hier schon bei einer bösen Lüge oder bei einer beziehungserhaltenden Maßnahme, die in der Grauzone des Verschweigens stattfindet? Eine waschechte Gretchen-Frage oder vielmehr eine, bei der jeder seinen ganz eigenen Ermessensspielraum hat.

Wer liebt, der lügt?

Die Szene noch im Kopf, stolperte ich neulich über ein spannendes Stück in der New York Times, in dem erörtert wurde, warum selbst die allerbeste, allerschönste, allerreinste Beziehung nicht ganz ohne Lügen ablaufen kann. Nicht mal, oder gerade nicht, die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Oder wie war das mit dem Christkind? „Lassen wir ihr doch noch ein bisschen den Zauber von Weihnachten, ja?“ Ihr wisst schon. Und die Argumente des Autors und Philosophie-Professors klangen für mich ziemlich überzeugend. Denn, ja, es ist wichtig in einer Beziehung auch mal ein Auge zuzudrücken und das auch verbal.

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Dazu gehört auch, mal die Klappe zu halten, wenn man mal wieder einen spitzen Kommentar auf der Zunge hat und sich daran zu gewöhnen, die ein oder andere Sache für sich zu behalten. Etwa, dass der*die andere gar nicht so gut kocht wie er*sie denkt oder das Lieblings-Shirt nicht cool, sondern total Banane ist. Denn nicht alles, was man selbst gut oder schlecht findet, ist eben objektiv auch gut oder schlecht beziehungsweise manchmal ist es einfach gar nicht so wichtig, wie wir etwas finden. Denn wenn es dem Gegenüber Spaß macht, dann kann man ihm*ihr auch einfach mal den Spaß lassen. Da bricht man sich ja keinen Zacken aus der Krone. Ich meine, alles teilen, das klingt schön – aber gilt das auch für jeden Gedanken? Und müssen oder wollen wir wissen, dass der*die Andere unser Hobby bekloppt findet und alles andere wäre ein Verrat an unserer Zweisamkeit? Oder ist das eigentlich vollkommen egal?

Wann ist ehrlich zu ehrlich?

Na klar, ich bin auch für Ehrlichkeit und halte sie für wichtig, um eine solide und lange Beziehung zu führen. Und doch glaube ich auch, dass man mit der Wahrheit oder dem, was man dafür hält, manchmal auch vorsichtig umgehen sollte. Denn ehrliche Worte können auch verletzen und Wunden zufügen, die manchmal gar nicht notwendig sind. Wann die angebracht sind? Nun, das ist Abwägungssache. Ja, manchmal braucht es auch den verbalen Holzhammer, aber eben nur in den wichtigen Dingen wie Politik, Religion und ob Pommes oder Pizza das bessere Hangover-Soulfood ist. Alles andere kann man auch mal aussparen, das macht frei.

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Vor allem einen selbst, weil man sich selbst nicht wichtiger nimmt, als man ist. Das ist immer eine gute Sache. Wir wollen ja auch selbst in Beziehungen den Raum haben, zu sein, wer wir wollen. Wenn dann immer jemand rummäkelt oder uns unsicher macht, denn das macht einen die Kritik von einem so nahestehenden Menschen natürlich, ganz gleich, wie selbstbewusst man ist, dann ist das ganz schön schwer. Und nein, wenn man oft was zu mäkeln hat, muss man sich nicht gleich jemand anderes suchen, weil man nicht zusammenpasst. Ich glaube, man kann sich ab und an auch richtig doof finden und trotzdem schwer verliebt sein. Wenn man alle immer gut finden müsste, mit denen man zu tun hat, dann könnte man die Sache mit den sozialen Kontakten gleich abschreiben und in eine einsame Hütte im Wald ziehen.

Wenn also beim Verschweigen schon das Lügen anfängt, dann würde ich sagen: Oh ja, das ist in gewissen Maße beziehungsfördernd. Gilt übrigens auch für Freunde, Familie und Kollegen.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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