Wie wir Betrug definieren, sagt viel über unsere Beziehung aus

Was genau bedeutet Betrug eigentlich? Geht der erst beim Stelldichein los oder schon beim Küssen? Oder kann er schon in Gedanken losgehen? Der Umgang damit sagt viel über die Beziehung selbst aus.

Betrug fängt im Kopf an – oder? © sint / photocase.de

„Fast”, sagte S. auf meine Frage. „Fast?!”, fragte ich zurück. S. nickte stumm und grinste blöd, aber ich wollte auch gar nichts Genaueres wissen, denn die Info reichte mir. Wer eine Freundin hat und eines Nachts fast mit einer anderen schläft, der betrügt. Was auch immer bei diesem Fast passiert ist.

Oder?

Mein Freund S. jedenfalls sah in diesem Fast sein Hintertürchen der Rechtschaffenheit. Trotz aller Flirterei und vertrauter E-Mails, die diesem Fast vorangegangen waren, ließ es ihm die Gelegenheit, sich noch ein Stück weit schuldlos zu fühlen. Es war schließlich nichts passiert. Also, fast nichts.

Als er mir davon erzählte, kam mir diese Ausrede vor wie eine neue Disziplin der Exegese. Betrug als Interpretationsaufgabe. Dabei war ich mir zugleich sicher, dass M., eine Freundin von ihm, dieses nächtliche Geschehen ganz anders interpretieren würde.

Intimität und Betrug

„Wie Betrug definiert wird, ist oft sehr individuell”, erklärt Paartherapeutin Ankha Haucke, als ich mit ihr über das Thema spreche. Meistens gelte, dass Betrug als etwas wahrgenommen werde, das gegen eine Art Abkommen verstößt. Die wenigsten Paare redeten explizit darüber, aber es gebe dennoch eine Art unausgesprochene Vereinbarung. In den meisten Fällen bedeutet diese Vereinbarung schlicht, dass keine*r der Partner*innen intime Beziehungen zu anderen Menschen aufnimmt.

Ist also S.‘ Beinahe-Sex kein Betrug, weil es eben nur beinahe passiert ist? Laut der Paartherapeutin lässt sich hier keine klare Grenze ziehen, denn auch was wir sexuell außerhalb einer Beziehung so unternehmen, kann ganz unterschiedlich interpretiert werden: „Für den einen fängt Intimität mit einem Kuss an, für den anderen beim Austausch sehr intimer Gedanken. Manch einer kann einen Kuss beim Karneval wegstecken, für den anderen bricht eine Welt zusammen.”

Betrug ist Betrug ist Betrug

Was Betrug ist, lässt sich also nicht auf einer Skala der erotischen Handlungen verorten, sondern kann schon in der vorgeblichen Reinheit der ausgetauschten Gedanken losgehen. Denn Gedanken sind nun mal mindestens so intim wie Hände, die fremdfummeln. Die meisten von uns erwarten daher auch, wenn sie eine Beziehung eingehen, dass sowohl Hände als auch Gedanken des*der Partner*in ausschließlich uns selbst vorbehalten bleiben.

Und daraus erklärt sich eben auch die jeweilige Definition von Betrug: „Menschen haben oft die Vorstellung, dass Intimität etwas sehr Exklusives ist. Und wenn der*die Partner*in das mit jemand anderem herstellt, ist das ein Betrug. Das kann erst mit einer emotionalen Ebene losgehen, landet aber auch schnell im Körperlichen”, erläutert Ankha Haucke dieses Phänomen.

Beim Betrug wird also eine unausgesprochene Intimitätsvereinbarung verletzt. So behördlich das klingen mag, so wenig nüchtern fühlt es sich an, betrogen zu werden. Bei allen, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, wiederholen sich ganz ähnliche Vokabeln, um die Gefühle dabei zu beschreiben. Es war ein Tritt in die Kniekehle, ein Schlag ins Gesicht, man sieht Sterne, es wird heiß und kalt und der Boden tut sich auf.

Das, was da so bis an die Grenzen des Erträglichen schmerzt, ist eben nicht nur ein Vertrauensbruch, sondern wirkt wie eine Abrissbirne auf den Selbstwert. Eine narzisstische Kränkung, die aufgeht in den Gedanken, der*die mit dem*der betrogen wurde, sei irgendwie besser – schöner, schlauer, sexyer. Kein Wunder, dass Betrogene ins Straucheln geraten.

Betrug: warum?

Wer so ins Straucheln gerät, weiß sich oft nicht anders zu helfen, als panisch nach den Gründen des Betrugs zu suchen. Dabei ist die Frage nach dem Warum tatsächlich eine, die ganz generell verwundern kann. Warum betrügen Menschen ihre Partner*innen? Warum sparen sie nicht allen Beteiligten Schmerz und lösen die Beziehung einfach auf, bevor es zum Betrug kommt? Wäre das nicht eine ehrlichere und auch liebevollere Lösung?

„Betrügen ist das Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Prinzip. Man könnte sich ja trennen, wenn man unzufrieden ist. Aber mit dem Betrug kann man beides probieren. Das Neue, und dann schauen, ob es eine Zukunft gibt und außerdem das Alleinsein nach einer Trennung vermeiden”, erläutert Ankha Haucke dieses Verhalten.

Betrug als Probefahrt

So gesehen ist der Betrug eine Art Testrun, eine emotionale und sexuelle Probefahrt, bei der man nichts aufgeben muss, aber zugleich schauen kann, wie sich das Neue so anfühlt. Das Problem ist nur, dass diese Probefahrt mehr Illusion als handfestes Ausprobieren ist. Denn eine Affäre, auch ein Fast-Sex, sagt nichts darüber aus, ob man mit der Person auch eine langfristige Beziehung eingehen kann. Beziehungen bewähren sich im Alltag, und der hat bekanntlich wenig Raum für fast, vielleicht und so-tun-als-ob.

Das habe ich auch versucht S. zu erklären. Dass es nicht auf seine krude und ziemlich selbstgerechte Definition von Betrug ankommt, sondern darauf, mit seiner Partnerin über die eigenen Grenzen zu reden. Und zu schauen, ob sie sich vielleicht nicht auch auf gemeinsame Grenzen einigen können.