Wie wir so mit Trauernden reden können, dass wir Trost spenden

Mit dem Thema Tod befassen wir uns nur ungern. Das führt dazu, dass wir trauernde Menschen isolieren. Aber wir können lernen, Trost zu spenden und dabei unsere eigene Angst überwinden.

Beim Gespräch mit Trauernden ist Zurückhaltung geboten, außerdem sollte man auch eigene Grenzen einschätzen können. © Stocksnap / Luke Ellis-Craven

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden beispielsweise in der Psychologie gelehrt – oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Nichts ist so sicher wie der Tod. Das ist keine pessimistische oder fatalistische Einstellung, sondern die erste und letzte Regel des Lebens. Und doch haben wir Berührungsängste und Scheu, uns um Angehörige zu kümmern, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Wir haben Angst, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, weil der Tod dann scheinbar näher rückt und weil wir es nicht gewohnt sind, mit Trauernden umzugehen. Aber es lohnt sich, das zu lernen.

Von der Angst, etwas Falsches zu sagen

Als ich mich für einen Artikel mit dem Thema Tod beschäftigte, merkte ich, wie wenig ich darauf vorbereitet war, mit verzweifelten und trauernden Menschen zu sprechen. Ich hatte ein Gespräch mit einer Familie vereinbart, die kurze Zeit vorher ihren Sohn verloren hatte. Als das Interview näher rückte, bekam ich Zweifel und Scheu, verspürte geradezu Panik davor, mich mit einer unbekannten, trauernden Familie zu treffen. Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst, die Angehörigen zu verletzen und zugegebenermaßen auch Angst, selbst mit dem Thema konfrontiert zu werden. Fast hätte ich das Interview wieder abgesagt – mit einer Begründung, die wir oft als Ausrede benutzen, wenn es um Trauernde geht: Die wollen doch einfach ihre Ruhe haben.

Einfach nichts zu tun, wenn jemand trauert, ist eigentlich immer falsch.“ – Seelsorger Andreas Müller-Cyran

Obwohl ich in dieser Situation eine berufliche und keine private Rolle übernahm, wurde mir klar, wie sehr der Tod verdrängt wird. Ich begann mich zu fragen, welchen Umgang wir mit Trauernden pflegen könnten, wie wir ihnen beistehen könnten, ohne sie zu bedrängen. Im Laufe meines Interviews wurde mir klar, wie wichtig es ist, nicht wegzusehen, sich nicht zurückzuziehen, wenn Menschen einen schlimmen Verlust erlitten haben. Einfache Dinge wie Zuhören, zusammen Weinen und vielleicht sogar zusammen Lachen können schön wunderbar Trost spenden. Wenn wir uns trauen, auf Menschen zuzugehen.

„Einfach nichts zu tun, wenn jemand trauert, ist eigentlich immer falsch“, sagt Seelsorger Andreas Müller-Cyran. Er hat im Jahr 1994 das europaweit erste Kriseninterventionsteam gegründet, das sich bei schweren Verlusten um Angehörige kümmert, ihnen psychologische aber auch rein praktische Hilfe anbietet.

„Natürlich sollte man sich nicht aufdrängen“, sagt Müller-Cyran „wichtig ist aber, in Kontakt zu bleiben und Hilfe anzubieten.“ Das eigene Umfeld kann für Trauernde die beste Stütze in dieser schwierigen Lebensphase sein, denn: „Bestehende soziale Kontakte können viel mehr helfen als zum Beispiel Psychologieprofessor*innen “, sagt Müller-Cyran.

„Trauer passt nicht in unsere Spaßgesellschaft“

Neben seiner Arbeit als Seelsorger und Rettungsassistent hat Andreas Müller-Cyran Bücher und Artikel über den Umgang mit akuten Krisensituationen geschrieben. Für seine Einsätze nach Katastrophen und sein ehrenamtliches Engagement wurde er 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Obwohl für ihn Trauer und Tod in seiner Arbeit eine große Rolle spielen, sind sie nicht alltäglich, auch deshalb, weil jeder Mensch anders trauert. „Das lässt sich nicht kategorisieren“, sagt Müller-Cyran. „Es gibt kein richtiges und kein falsches Trauern.“ Auch er bedauert, dass es in unserer Gesellschaft nur sehr wenig Platz für Tod und Verlust gibt. „Trauer passt nicht in unsere Spaßgesellschaft“, sagt er „Der Fokus liegt auf Erfolg, aber wir sollten auch den nicht so schönen Sachen Raum geben.“

[Außerdem auf ze.tt: Wie man aufrichtig zuhört]

Wir müssen akzeptieren, dass es Trauer gibt und dass sie nicht wie Kopfschmerzen einfach geheilt werden kann. Sie ist keine ansteckende Krankheit, sondern zutiefst menschlich. Trauer ist ein Teil unseres Miteinanders und in gewisser Weise auch gesund, denn sie ist ein Zeichen von Liebe und von Erinnerung an Menschen, die uns viel bedeutet haben. Wir sollten also versuchen, unsere eigene Angst und Scheu abzulegen und uns Zeit für die Trauernden zu nehmen, denn wir alle werden früher oder später mit dem Tod konfrontiert werden.

Damit uns das Thema nicht zu sehr überfordert und wir es schaffen, unsere Scheu abzulegen, können wir uns an einigen Grundsätzen orientieren, die uns helfen, Trauernde richtig zu begleiten.

  1. Ehrlichkeit: Trauernde haben einen Radar dafür, was ehrlich gemeint ist und was nur so dahingesagt wurde. Phrasen oder geheucheltes Mitgefühl kann man sich daher sparen. Es ist vollkommen verständlich, wenn man selbst mit der Situation überfordert ist und nicht weiß, wie man reagieren soll. Sätze wie „Es tut mir unendlich leid, was passiert ist, aber ich bin gerade selbst überfordert und weiß nicht, wie ich dir helfen kann“, sind vollkommen legitim. Wer den Trauernden nicht sehr nahe steht, kann auch eine Karte schreiben, um Anteilnahme auszudrücken und Hilfe anzubieten. Auch hier gilt: Ehrlichkeit geht vor.
  2. Zurückhaltung: Bei aller Anteilnahme sollte man sich niemals aufdrängen. Trauernde haben das Recht, ein Hilfsangebot abzulehnen – das sollte man nicht persönlich nehmen. Selbst wenn jemand die Hilfe annimmt, geht es immer um die Bedürfnisse der Trauernden, das kann schon bei einem Einkauf, einer Reparatur oder der Kinderbetreuung beginnen. Wichtig ist, dass die Trauernden selbst bestimmen, was sie gerade brauchen.
  3. Empathie: Sätze wie „So ist das Leben nun mal“ oder „Sieh es doch als Chance“, die den Verlust bagatellisieren, sind Gift für die Seele. Auch die Aussage „Ich weiß was du gerade fühlst“, sollte man vermeiden – man weiß es nämlich nicht. Stattdessen kann echte Empathie helfen. Zuhören oder in den Arm nehmen sind viel besser als gut gemeinte Ratschläge. Manchmal gilt es auch einfach, die Angehörigen auszuhalten. Trauer ist unberechenbar und kann uns manchmal überrumpeln. Auch der Neid der Trauernden im Sinne von „Wieso habe ich jemanden verloren und du nicht?“, mag am Anfang befremdlich sein. Wer es schafft, sich in die Situation ein wenig einzufühlen, kann solche Reaktionen aber besser verstehen.
  4. Geduld: Trauer ist kein Schnupfen. Auch wenn wir selbst gerne nach einigen Wochen zum Normalzustand zurückkehren möchten, der Tod eines geliebten Menschen hinterlässt bei den Angehörigen eine Lücke, die sich nicht schließen lässt. Natürlich nimmt die Trauer nach mehreren Jahren weniger Raum ein als kurz nach dem Tod. Wie schnell dieser Prozess voranschreitet, bestimmen aber alleine die Trauernden. Jahrestage wie der Geburts- oder Todestag können wichtige Rituale sein, um an Verstorbene zu denken – wir können diese Erinnerung gemeinsam mit den Angehörigen pflegen. Natürlich nur, wenn sie selbst das Bedürfnis danach haben.
  5. Die eigenen Grenzen kennen: Auch für uns ist die Situation nicht einfach. Manche haben ein natürliches Gespür dafür, anderen fällt der Umgang und auch das Abstand nehmen schwer. Wir sollten uns darüber im Klaren sein und nichts versprechen, was wir nicht halten können. Wenn wir Trauernden anbieten „Du kannst mich jederzeit anrufen“, kann es sein, dass wir auch Wochen später noch nachts um zwei aus dem Bett geworfen werden. Wer damit überfordert ist, sollte solche Angebote lieber gar nicht machen.
  6. Die Hobbypsychologie zu Hause lassen: Am Anfang haben wir vielleicht den Anspruch, tiefgründige Gespräche zu führen und durch schlaue Fragen und psychologisch durchdachte Anmerkungen, den Trauernden zu helfen. Das bringt gar nichts. Am besten können wir helfen, wenn wir einfach wir selbst sind. Für psychologische Unterstützung gibt es viele Angebote, die wir den Trauernden vorschlagen können, wenn wir den Eindruck haben, dass sie professionelle Hilfe benötigen (hier findet man eine gut sortierte Liste für solche Situationen).

Auch wenn die Liste sicherlich nicht abschließend und jede Situation anders ist, können uns diese Grundsätze doch dabei helfen, unsere eigene Scheu zu überwinden und für die Trauernden da zu sein. Das kann vielleicht auch uns beibringen, einen offeneren Umgang mit dem Thema Tod zu finden. Schließlich lässt sich von Trauernden lernen, dankbar zu sein für das, was man hat. Und jeden Tag mit seinen Mitmenschen als Geschenk zu betrachten.