Wie zwei Wochen ohne Internet mein Leben zerstörten

Die Angst vor einem Dasein ohne Netz ist in meinem Kopf verpflanzt wie die Angst vor dem Fliegen oder der Ekel vor Quallen. Der Unterschied ist, dass ich den letzten beiden Dingen bewusst aus dem Weg gehen kann. Doch dann: „Cannot open the page because your device is not connected to the Internet.“

© Tomasz Wojtasik/AFP/Getty Images

So schlimm war's dann doch nicht. © Tomasz Wojtasik/AFP/Getty Images

Vor zwei Wochen ist es also passiert. Als ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam und mein Gehirn mit idiotischem Trash-Reality-TV entlasten wollte, ließ sich mein Laptop aus Gründen nicht mehr mit dem Wlan verbinden. Für mich als Mensch, der die technische Sprache nicht versteht und bei jeder Änderung unter akuter Planlosigkeit leidet, war das ein Schlag ins Gesicht.

Wir leben zu viert in einer WG. Jeder von uns bewegt sich regelmäßig und maßlos in der Netzwelt – teilweise beruflich, aber meistens just because we can. An jenem schwarzen Abend sind wir nach und nach – so, als hätten wir uns alle den Wecker gestellt – aus unseren Zimmern gekrochen und haben uns spontan im Wohnzimmer zu einer Notfallbesprechung zusammengefunden. Die Internetlosigkeit hat uns ganz automatisch wie Zombies auf der Suche nach Menschenfleisch aus den Zimmern getrieben. Leider erfolglos, denn keiner wusste, was los war.

– Geht euer Internet?
– Nein!
– Nein!
– Nein!
– Meins auch nicht.
– FUCK!

Nach einer wahnsinnig geistreichen Googlesuche („Internet kaputt was tun“) und kurzem semi-professionellem Herumklicken war klar: der Haushalt ist ohne Internet und es gab nichts, was wir auf eigene Faust dagegen tun können. Meine erste Reaktion: lautes, willkürliches Schimpfen. Die erste Reaktion meines Mitbewohners: „Wie soll ich jetzt Pornos schauen?“

Wie wir uns in den folgenden zwei Wochen veränderten, erinnerte stark an das Vierphasenmodell der Trauer nach Yorik Spiegel.

Die Schockphase

„Diese Phase setzt unmittelbar nach dem Erhalt der Todesnachricht ein und lässt die Menschen in einen Zustand der Lähmung verfallen.“

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Niemanden von uns war zu diesem Zeitpunkt klar, in welchem starken Abhängigkeitsverhältnis wir zum Internet stehen. Unser engster Freund hatte sich eine Auszeit genommen. Ohne Vorwarnung. Ohne ausreichend Zeit zu geben, uns auf so eine Krisensituation gebührend vorzubereiten.

Während sich die anderen womöglich Lösungsstrategien überlegten, malte ich mir im Kopf diverse Szenarien aus. Was, wenn wir bis zum Wochenende kein Internet kriegen würden: Wie sollte ein Wochenende ohne Internet funktionieren? Was macht man, wenn man am Tag danach verkatert auf der Couch liegt und nicht sinnfrei surfen kann? Konnte ich beim besten Willen nicht verstehen. Wochenende + kein Internet = absoluter Horror.

Die erste Folge des toten Internets war der sofortige Verbrauch des Handy-Datenvolumens. Ohne es ausgesprochen zu haben, war uns klar, dass wir nun in den kommenden Stunden alles in unserer Macht Stehende tun würden, um den Draht zur Welt wieder zu öffnen. Termine und Dates wurden per Anruf oder SMS abgesagt. Nichts war jemals so wichtig.

Es folgten mehrere Anrufe bei unserem Netzanbieter inklusive dem Kampf mit der bescheuerten automatisierten Sprachsteuerung.

Während ich weiter diverse Knöpfe auf meinem Laptop drückte, hörte ich aus dem Nebenzimmer meinen Mitbewohner in den Telefonhörer schreien: „JA! NEIN! VERBINDUNG! NEIN! VER – BIN – DUNG! Verdammt nochmal!“ Kurz nachdem er nach gefühlten vier Stunden in der Warteschleife zu einem echten Menschen aus Fleisch und Blut durchgestellt wurde, kappte die Verbindung. Diesen Zyklus durchlebte er drei Mal. Sein Gefluche erreichte somit seinen Zenit.

Ich war währenddessen dazu übergegangen, verzweifelt das Modem ein- und auszustecken, den Router neuzustarten und irgendwelche Kabel mit irgendwelchen anderen Kabeln auszutauschen. Natürlich war das völlig zwecklos und hat das Problem wahrscheinlich noch verschlimmert. Als mir klar wurde, dass ich so nicht weiterkam, ertappte ich mich dabei, wie ich lautstark das Modem beleidigte. Seltsamerweise geschah das auf ziemlich persönlicher Ebene: „Deine Mutter ist scheiße. Ich hasse dich, deine Familie und deine ganze Generation!“

Die kontrollierte Phase

„Gerade in den ersten Tagen nach einem Todesfall muss der Mensch trotz des möglichen Zusammenbruchs seiner Welt funktionieren und agieren. Daher werden in dieser Phase durch eigene und fremde Aktivitäten die Emotionen kontrolliert, um einen möglichen Zusammenbruch zu verhindern und notwenidge Dinge erledigen zu können.“

Vielleicht funktionierts ja wieder, wenn ich nach Hause komme?

In den nächsten Tagen veränderte sich unser Verhalten am offensichtlichsten. Ich begann zu putzen, ein Buch zu lesen (wie blättert man noch mal um?), zu zeichnen und ständig zu telefonieren. Meine Arbeitstage verlängerten sich um einige Stunden, da ich in der Redaktion nach Feierabend weitersurfen konnte. Wie lange war es her, dass ich eine normale SMS verschickt hatte? Es kam mir vor, als wäre es in einem früheren Leben passiert. Als Leute mit Pferden zur Arbeit geritten sind, Wasser aus dem Dorfbrunnen ziehen mussten – und kein Whatsapp hatten.

Anfangs klammerte ich mich noch ganz fest an die Vorstellung, dass die Internetverbindung am nächsten Tag wieder stehen könnte. Relativ gut gelaunt kam ich Tag für Tag von der Arbeit nach Hause und dachte mir: „So, vielleicht funktioniert es ja heute?“ Technik macht doch üblicherweise sowieso, was sie will, und könnte sich demnach auch selbst reparieren, oder? Dem war nicht so.

Irgendwann schafften wir es, unseren Netzbetreiber tatsächlich ans Telefon zu kriegen, ohne dass das Gespräch unterbrochen wurde. Leider legte er gleich die nächste Horrornachricht nach. Den nächsten freien Termin für einen Hausbesuch gab es erst in zwei Wochen. Oh. Mein. Gott! Ab diesem Zeitpunkt war es definitiv. Unsere Verbindung war flöten gegangen, die Nachbarn waren nicht da, das Datenvolumen am Handy weg. Es führte kein Weg drum herum. Die nächsten zwei Wochen würden wir gezwungenermaßen als Höhlenmenschen leben.

Erst nach dieser Nachricht wurde mir langsam klar, wie oft ich das Internet im Alltag benutze. Diese Hilflosigkeit leitete auch den Übergang zur nächsten Phase ein.

Die Phase der Regression

„Der Alltag ohne den Verstorbenen setzt ein. Nun wird der Trauernde mit aller Macht mit dem Alltag ohne den verlorenen Menschen konfrontiert, er zieht sich von der Welt zurück, verspürt eine Fülle unterschiedlicher Emotionen und fühlt sich ob des Zusammenbruchs seiner Welt oft hilflos und gelähmt.“

Ist doch alles scheiße!

Die Stimmung war am Tiefpunkt angelangt. Ich hörte mich oft Dinge sagen wie „Es hat doch eh keinen Sinn.“ Oder: „Ohne Internet kann ich das nicht.“ Die Sehnsucht war groß, die Entzugserscheinungen ebenso. Von Aggressionen, Trauer, Lustlosigkeit, Lach- und Weinkrämpfen, über Unruhe, Nägelbeißen, bis zu unruhigem Gliederzucken und völliger Egalität war alles dabei. Ob ungesund oder nicht, ich wollte die volle Strahlendröhnung. Ich brauchte mein tägliches Fix.

Wir konnten schließlich keine Musik hören, keine Filme streamen, keine Lieder shazamen. Ich wusste nicht, wie ich an bestimmte Ort kommen sollte, konnte nicht nach Öffnungszeiten suchen oder nachsehen, welcher DJ abends in diesem und jenem Club spielte. Gespräche mit Freunden endeten immer auf dieselbe Art und Weise:

– Hast du schon das neue Video von Missy Elliott gesehen?
– NEIN!

– Wo warst du gestern? Hast du meine Einladung auf Facebook nicht gesehen?
– NEIN!

– Wusstest du noch gar nicht, dass …
– NEIEN!!

Aus Frust verließen zwei meiner Mitbewohner die Stadt. Eine nach Portugal an den Strand, die andere nach Aachen in eine internetfähige Umgebung. Meine letzte Unterstützung in der Form meines Mitbewohners und ich konnten unseren unfreiwilligen Selbstversuch leider nicht abbrechen. In was für einer gottverlassenen Welt leben wir eigentlich?

Die Phase der Adaption

„Langsame Rückkehr ins Leben und neue Beziehungsfähigkeit. Der Trauernde versucht, langsam wieder in sein altes Leben zurückzukommen, aber der Verlust wird immer im Herzen bleiben. Doch der Trauernde kann sich nicht ewig zurückziehen. Kurzzeitige Rückschritte in vorherige Stadien des Trauerprozesses sind möglich.“

Es geht auch ohne.

Wie kann etwas, das unsichtbar durch die Luft schwirrt, einem dermaßen die Laune verderben, wenn es wirklich nicht da ist? Da das ganze Gefluche ja doch nichts half, mussten wir uns irgendwann an die neue Situation anpassen. Für meine Abendplanung begann ich Werbeplakate auf den Straßen zu lesen, meine Neuigkeiten bekam ich aus dem Radio.

Es geschahen wundersame Dinge: Die WG war noch nie sauberer und wir erledigten Dinge, die wir seit Ewigkeiten vor uns hergeschoben hatten. Das Schönste an der internetlosen Zeit war allerdings, wie sich unser zwischenmenschliches Verhältnis veränderte. Es gab Abende, die wir so ganz ohne Internet, aber dafür mit umso mehr Alkohol durchquatschten. Es wurden tiefsinnige Fragen gestellt und intelligente Antworten gegeben. Say whaaat?!

Und dann, dann kam der Internetmensch und bohrte in unseren Wänden herum. Ich weiß bis heute nicht, was wirklich schiefgelaufen war, aber er hats gerichtet und das ist alles, was zählt. Zum Abschied sagte ich „danke, tschüss“ und meinte insgeheim: „Ich liebe dich!“

Der Wechsel zur Internetlosigkeit war wie ein Wechsel zu einer analogen Kamera. Man kann nicht nach Lust und Laune drauf los schießen und verschwommene Fotos löschen, sondern musste sich bewusst für ein Motiv entscheiden. Die zwei Wochen waren unsere Analogkamera des Lebens.