Wiedersehen in Idomeni: Das Schicksal von Ismael und seinem Sohn Ahmed

Der Syrer Ismael darf seinen Sohn Ahmed nicht zu sich nach Deutschland holen – weil er nicht nachweisen kann, dass der Vierjährige tatsächlich sein Sohn ist. Um ihn wiederzusehen, macht er sich auf den Weg ins Flüchtlingslager in Idomeni.

© Sophia Maier

Ismael und sein Sohn Ahmed im Flüchtlingslager in Idomeni. © Sophia Maier

Das Ticket sollte 230 Euro kosten. So viel hatte Ismael Birro nicht. Er ist ein hagerer Mann mit tiefliegenden, braunen Augen. Starr blickt Ismael auf den steinigen Boden, während er mit leiser Stimme erzählt: „Ich habe tagelang kein Essen gekauft, um Geld für den Flug zu sparen.“

Vor vier Jahren floh Ismael mit seinen Eltern und seinem Sohn aus dem syrischen Bürgerkrieg in die Türkei. Seine Frau war gestorben, als Ahmed erst 15 Tage alt war. Sie hatte das Haus ihrer Eltern in Aleppo besucht, als es von einer Bombe getroffen wurde. Ismael hatte sie noch von dem Besuch abhalten wollen. „Diese Gegend ist zu gefährlich, bitte bleib hier“, hatte er sie angefleht. Er hielt sie fest. Sie stritten sich. Und sie ging trotzdem.

„Der Weg zum zerstörten Haus war grausam. Überall tote Körper auf dem Boden. Dann sah ich das zerbombte Gebäude. Ich wusste sofort, meine Frau ist tot“, erzählt der 29-Jährige. Ihre Leiche fand er nie.

Kurz darauf begann seine Flucht. In der Türkei angekommen, blieben er, sein Sohn und seine Eltern zunächst in der kurdischen Stadt Diyarbakır. Doch auch hier wurde der Alltag immer gefährlicher. „Wir sind Kurden, wir sterben in der Türkei“, sagt Ismael.

Ismael war eineinhalb Jahre von seinem Sohn Ahmed getrennt. © Sophia Maier
Ismael war eineinhalb Jahre von seinem Sohn Ahmed getrennt. © Sophia Maier

Ismael machte sich erst einmal alleine auf den Weg nach Deutschland: „Ich hatte Angst, dass mein Sohn auf dem Boot stirbt. Deswegen habe ich ihn mit den Großeltern in der Türkei zurückgelassen.“ Die drei blieben zunächst in Diyarbakır.

In Deutschland angekommen wollte Ismael seinen Sohn über den Familiennachzug nachholen. Den Antrag stellte er in der vorgesehenen Frist von drei Monaten.

Das Problem: Ismael kann nicht nachweisen, dass Ahmed sein Sohn ist. Er besitzt keine Dokumente, die seine Vaterschaft beweisen könnten. Während des Bürgerkrieges in Syrien waren viele Ämter bereits geschlossen, die eine Geburtsurkunde hätten ausstellen können.

 [Außerdem bei ze.tt: Eine Helferin berichtet von der Situation in Idomeni]

Schon in der Türkei versuchte er, einen Termin bei der deutschen Botschaft in Istanbul zu bekommen, um seinen Fall zu schildern. Die Wartezeit: 13 Monate. „Ich weiß doch nicht, welche Möglichkeiten ich habe, meine Vaterschaft zu beweisen“, sagt Ismael. Er hatte außerdem Probleme, sich zu verständigen, da er nur Arabisch und Kurdisch spricht. Er sei mit der gesamten Situation überfordert gewesen, erzählt er.

Fehlende Papiere sind kein Einzelfall im Lager von Idomeni. Insbesondere Kurden tragen oft keine Reisepässe, Geburts- oder Hochzeitsurkunden bei sich, da das syrische Regime die Infrastruktur, die für die Ausstellung solcher Dokumente nötig ist, systematisch zerstört hat. Und viele von ihnen wissen nicht, auf welchem Weg sie diese Papiere nachträglich für einen Asylstatus besorgen können. Die Verfahren sind langwierig und kosten Tausende Euro. Geld, das Flüchtlinge in den meisten Fällen nicht besitzen.

Ahmed lebt mit seinen Großeltern (3. und 4. von links) in Idomeni. © Sophia Maier
Ahmed lebt mit seinen Großeltern (3. und 4. von links) in Idomeni. © Sophia Maier

Nachdem das Leben im türkischen Diyarbakır zu gefährlich für Ahmed und seine Großeltern wurde, machten auch sie sich auf den Weg in Richtung Nordeuropa. Für die drei blieb die vorläufige Endstation das Flüchtlingslager in Idomeni – bis heute.

Sie leben, wie etwa 10.000 weitere Flüchtlinge in einem grünen Zelt auf den alten Bahngleisen. Drei vergilbte Kuscheltiere liegen in der Ecke, daneben eine graue Decke und ein schmutziger Kinderrucksack. Den trug Ahmed auf der gefährlichen Überfahrt mit dem Boot von der Türkei nach Lesbos auf dem Rücken.

„Mein Sohn soll in die Schule gehen dürfen“

Ismael lebt seit eineinhalb Jahren in Schramberg in Baden-Württemberg, wo er Asyl bekam. Eineinhalb Jahre wartete er darauf, seinen mittlerweile vierjährigen Sohn in die Arme zu schließen. Vor gut einem Monat entschloss sich der Syrer schließlich, freiwillig in das Flüchtlingslager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze zu reisen, um Ahmed endlich wiederzusehen.

[Außerdem bei ze.tt: Wie Flüchtlinge in Idomeni leiden]

Das Wiedersehen dauert nicht lang. Ismael muss seinen Sohn nach wenigen Tagen wieder bei den Großeltern zurücklassen. Die Arbeitsagentur streicht ihm das Geld, wenn er zu lange fernbleibt. „An manchen Tagen denke ich darüber nach, die Grenze mit meinem Sohn illegal zu überqueren. Das ist meine letzte Hoffnung“, sagt der Syrer. Wenn Idomeni evakuiert wird, dann sei die Flucht mithilfe von Schleppern seine einzige Option.

Wie sein Leben weitergehen wird, weiß Ismael nicht. Ein Helfer der privaten Organisation „Swisscross“ kam vor einigen Tagen an ihrem Zelt vorbei. Er möchte Geld sammeln, um Ismael einen DNA-Test zu ermöglichen. Ob die deutschen Behörden das akzeptieren werden, ist unklar. Aber es ist ein kleiner Strohhalm, an den sich Ismael nun klammert, denn es ist seine einzige Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit seinem Sohn. Und darauf, dass Ahmed eines Tages ein normales Leben führen kann. „Mein Sohn soll in die Schule gehen dürfen. Vielleicht kann er eines Tages Doktor werden.“