Wieso wir mit unserer Familie über Politik diskutieren sollten

Oft vertreten Familienmitglieder eine andere politische Einstellung als wir selbst. Sich abschotten ist der leichte Weg, die Konfrontation zu suchen der bessere.

Stehen auf der Familienfeier politische Gespräche an, könnten wir ja mal versuchen, sie anzunehmen. © Stocksnap / Christopher Gawel

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden in der Psychologie gelehrt – oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Es sind politisch aufgeheizte Zeiten. Da fliegen gerne mal die Fetzen, gerade am Tisch mit der Familie. Ich kenne diese Diskussionen nur zu gut: Jeder meint, er oder sie habe recht, niemand will sich von der eigenen Meinung abbringen lassen und ist am Ende vielleicht sogar gekränkt, falls andere ihm*ihr widersprechen.

Bisher hatte ich das Gefühl, bei politischen Gesprächen mit der Familie geht es nicht um die Sache an sich, sondern darum, persönliche Standpunkte zu klären. Eine klassische Stellvertreterdebatte, auf die ich keine Lust mehr habe und sie bisher, so gut es geht, vermeide.

Allerdings gibt es gute Gründe dafür, sich erstens nicht vor solchen Diskussionen zu drücken und sich zweitens mehr Mühe zu geben.

Öffnen wir uns, lernen wir

Die Newssite Vox sprach für einen aktuellen Artikel zu diesem Thema mit diversen Expert*innen aus Psychologie und Forschung. Sie alle sind der Meinung, wir sollten politische Gespräche mit der Familie nicht vermeiden. Wenn wir denken, wir würden so Probleme und Streits umgehen, mag das kurzfristig stimmen; aber auf lange Sicht ist es eher schädlich für unsere Beziehungen.

Eigentlich ist es ganz logisch: Man lernt Menschen ja nicht besser kennen, indem man ihnen aus dem Weg geht. Folgerichtig erklärt die Psychologin Vaile Wright, was wir verpassen, wenn wir nur an der Oberfläche kratzen und schwereren Themen aus dem Weg gehen: „Wir werden mit dieser Person dann sehr wahrscheinlich keine tiefergehende Beziehung haben, weil niemand von uns sich die Zeit nimmt und die Initiative ergreift, die Einstellung des*der anderen wirklich zu verstehen“, sagt sie.

[Außerdem auf ze.tt: Sprecht mehr darüber, wie ihr miteinander sprecht]

Das greife laut Wright noch viel tiefer: „Wir werden damit weiterhin auch dieses Denkmuster verstärken, dass wir offenbar einfach nicht über dieses Thema reden können. Und indem wir das tun, halten wir ein System am Laufen, das weiterhin bestimmte Gruppen ausschließt.“

Besser ist es also, nicht vor der Diskussion zu fliehen. Was aber, wenn die Ausgangslage schon dermaßen aufgeheizt ist, dass sich fühlbar ein Streit anbahnt? In diesen Fällen ist, so simpel es klingt, Besonnenheit und eine kluge Gesprächstaktik gefragt.

Wie ein Gespräch gelingt, bei dem beide etwas mitnehmen

Nehmen wir für ein Gesprächsbeispiel an, unsere Mutter und wir sind komplett unterschiedlicher Meinung, wenn es um Geflüchtete geht. Sie ist Zuwanderung gegenüber negativ gestimmt, wir sehen das positiv. Und nehmen wir an, unsere Mutter argumentiert uns gegenüber mit Plattitüden, so wie es einige Menschen bei diesem Reizthema tun: Es kämen nur Kriminelle zu uns, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen würden, die faul wären und sich durchfüttern lassen würden.

Nehmen wir an, wir wären empört und wütend über diese Vorwürfe und starteten eine reaktive Gegenrede. Wir würden ihr unsererseits Vorwürfe darüber machen, wie man nur so voller Hass und Vorurteile sein könne. Wir würden ihr sagen, dass sie das alles ganz falsch sehe, sie hätte ja noch nicht mal versucht, mit Geflüchteten zu sprechen. Überhaupt sei Deutschland wirtschaftsstark genug, diesen paar Menschen zu helfen.

Viele politische Diskussionen folgen diesem Muster: vorurteilsbeladene Rede – vorurteilsbeladene Gegenrede. Das ist ein Weg ins Nichts, er führt lediglich zu Verhärtung, zu einer Spirale der Nicht-Argumente. Weil wir aneinander und übereinander hinweg diskutieren, wie der Philosoph Christoph Quarch schreibt. Es geht um unsere vermeintliche Meinungsvorherrschaft und nicht den Dialog über die explizite Sache oder Sichtweise. Dabei wäre genau das der richtige Weg: Wieso versuchen wir nicht, die Sichtweise unserer Familienmitglieder wirklich zu verstehen?

Wir könnten uns dafür schon vor einer Gesprächssituation klar machen, dass wir die Wahrheit nicht gepachtet haben; man kann entschieden gegen etwas ansprechen, ohne das Gegenüber gleich argumentativ vernichten zu wollen. Es sollte dabei nicht um Gewinnen und Verlieren gehen. In politischen Gesprächen sollten wir uns laut Kenneth Cloke viel mehr davon wegbewegen, dass eine Seite komplett richtig sei und die andere komplett falsch. Er arbeitet als professioneller Vermittler in Konfliktsituationen.

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Der Rest sind absolute Basics gelungener Kommunikation, die natürlich auch für Gespräche mit der Familie gelten: nicht dazwischen krakeelen, sachlich bleiben, aktiv zuhören und versuchen, die Botschaft hinter der Botschaft zu verstehen. „Rassismus und Vorurteile entstehen etwa nicht durch Hass. Sie entstehen durch Angst“, sagte Cloke zu Vox. „Der einzige Weg, Angst zu überwinden und zu eliminieren, ist durch Dialog.“

Haben wir das begriffen und spürt unser Gegenüber, dass wir zuhören, fühlt es sich wertgeschätzt und ist bereit, auch uns zuzuhören. Ist diese Art des respektvollen Umgangs erst einmal geschaffen, können wir unsere Argumente besser formulieren.

Wir überzeugen Menschen zudem übrigens besser von unserer Sichtweise, wenn wir sie an unseren Emotionen teilhaben lassen und die positiven Aspekte unserer Sichtweise herausstellen, nicht die negativen ihrer Sichtweise.

So werden wir vielleicht nicht sofort einer Meinung mit Familienmitgliedern sein, die eine andere politische Einstellungen haben. Aber wir haben zumindest einen Weg gefunden, ein Klima des gegenseitigen Verständnisses zu schaffen, statt einander aus dem Weg zu gehen.