William kämpft für ein besseres Venezuela – und muss um sein Leben fürchten

Der 26-jährige William Verde gab seinen Job auf, um Tag und Nacht gegen die Regierung Venezuelas zu protestieren. Trotz Polizeigewalt und drohender harter Strafen der Militärgerichte will er nicht aufgeben.

Proteste gegen die venezolanische Regierung in Caracas am 20. Juli. © RONALDO SCHEMIDT/AFP/Getty Images


Angst, Unruhen und Hunger – das sind seit geraumer Zeit ständige Begleiter der venezolanischen Bevölkerung. Seit Anfang April gibt es immer wieder Massenproteste gegen den Staatspräsidenten Nicolás Maduro, der für die Krise verantwortlich gemacht wird und aufgrund seiner weitreichenden Machtbefugnisse praktisch als Alleinherrscher regiert. Am kommenden Sonntag will er mit einer Wahl für eine verfassungsgebende Versammlung seine Macht weiter ausbauen.

Wer sich öffentlich gegen die Regierung ausspricht und an Protesten teilnimmt, muss mit Polizeigewalt und Gefängnisstrafen rechnen. Obwohl die Demonstrationen häufig eskalieren und bereits mehr als 100 Menschen ums Leben kamen, gibt es weiterhin viele Venezolaner, die sich von Tränengas und Panzern nicht einschüchtern lassen und täglich auf die Straße gehen, um für ihr Land und eine bessere Zukunft zu kämpfen.

[Außerdem auf ze.tt: Unruhen in Venezuela – Fünf Schicksale geflohener und inhaftierter Menschen]

So auch der 26-jährige William Verde, der Mitglied der oppositionellen Partei Voluntad Popular ist und an den Protesten gegen das Regime Maduros teilnimmt. Der junge Venezolaner kämpft für ein glückliches und freies Leben, ohne Angst, ständig ausgeraubt oder getötet zu werden. Er liebt seine Heimat Venezuela von ganzem Herzen und wünscht sich für sie Demokratie, Freiheit und Wohlstand.

Seine Freunde sitzen bereits im Gefängnis

William Verde. © Sabrina Faria
William Verde © Sabrina Faria

„Ich protestiere für all jene Venezolaner, die sich derzeit von Resten aus Mülleimern ernähren müssen, um zu überleben, für jene, die tagtäglich in den Krankenhäusern sterben, weil es nicht ausreichend Medikamente gibt und dafür, dass nicht noch mehr Venezolaner ins Ausland gehen, um dort nach einem besseren Leben zu suchen. Ich protestiere gegen ein kriminelles, skrupelloses Regime, dem die Tränen des Volkes und Werte wie Gerechtigkeit gleichgültig sind.“

William ist eigentlich Bauingenieur, hat seinen Job allerdings gekündigt, da die Arbeitsbedingungen in seinem Land miserabel sind und sein Gehalt nicht zum Leben ausreichte. Nun widmet er seine gesamte Zeit den Protesten gegen das diktatorische Regime Maduros, obwohl er sich der Konsequenzen, die seine politischen Aktivitäten haben können, bewusst ist. Kürzlich wurden einige seiner Freunde und Parteikollegen als politische Gefangene inhaftiert.

William wurde in der Hauptstadt Caracas geboren. Seine Familie zog nach Lechería, einer Kleinstadt im Bundesstaat Anzoátegui im Nordosten des Landes, als er wenige Monate alt war. Nachdem Hugo Chávez 1999 an die Macht kam, spürte er bereits, wie sich das Land politisch spaltete. Die Situation verschärfte sich dramatisch während seines Studiums von 2009 bis 2015 an der Universidad de Oriente. In diesem Zeitraum stieg die Inflation und der Mangel an Medikamenten und Grundnahrungsmitteln. William hat seitdem 13 Kilogramm an Gewicht verloren, weil Lebensmittel rationiert sind.

„Gemeinsam können wir etwas bewegen“

William begann während seiner Zeit an der Universität, sich politisch zu engagieren und schloss sich studentischen Aktivisten an. 2012 trat er der Partei Voluntad Popular bei – jener Partei, deren Vorsitzender Leopoldo López derzeit unter Hausarrest steht. Er nahm an allen Wahlkampf-Kampagnen der Partei teil sowie an Professoren- und Studentenstreiks in den Jahren 2013 und 2014, bei denen 44 Menschen starben.

„Das politische Engagement verlieh meinem Leben wieder einen Sinn“

Momentan wirkt er Tag und Nacht an den Protesten mit. Er sieht es als seine Pflicht zu protestieren, um sein Land und dessen Verfassung gegen jeden Missbrauch zu verteidigen. Das venezolanische Volk kämpfe unabhängig vom sozialen Status gemeinsam für eine bessere Zukunft, sagt er. Das gibt dem 26-Jährigen Hoffnung. „Gemeinsam können wir es schaffen, etwas zu bewegen. Das Gute, was uns Venezolaner charakterisiert, ist, dass wir solidarisch mit unserem Nächsten sind.“

Er erzählt von der Unzufriedenheit der Menschen in den Armenvierteln, den Barrios, die gegen die populistische Regierung protestieren. Aber er sehe auch immer wieder reiche Familien, die sich den Demonstrationen anschließen. Er spürt einen immer stärker werdenden Zusammenhalt jener, die sich eine demokratische Ordnung und Freiheit für ihr Land wünschen, wohingegen er die Gewalthaber zunehmend verzweifelt und weniger vereint sieht.

Polizeigewalt und Militärgerichte

Doch neben Hoffnung und Zusammenhalt berichtet William auch, wie die Sicherheitskräfte des Staates jeden Widerstand brutal unterdrücken, Menschenrechte verletzen, willkürlich auf friedliche Demonstranten schießen und Tränengas in Wohngebieten und Gebäuden einsetzen. Ihn schockierten besonders die Zustände in den öffentlichen Krankenhäusern, wo er viele Verletzte sah, die Opfer von Polizeigewalt oder als Gefangene in Gefängnissen oder von Militärgerichten misshandelt wurden. Solch ein Anblick schüre die Angst der Oppositionellen.

William betont vor allem die Brutalität und Gleichgültigkeit, mit der politische Gefangene in Militärgefängnissen behandelt werden. Die Armee ist die größte Stütze Maduros; ohne sie könnte der Despot vermutlich keinen Tag länger regieren. Er setzt sie als Machtinstrument ein, um Demonstranten ohne juristischen und bürokratischen Aufwand von Militärgerichten verurteilen zu lassen, was vielfach zu Misshandlungen und Folter der verurteilten Zivilisten führt.

[Außerdem auf ze.tt: Was du über die Proteste in Venezuela wissen musst]

Ein besonders einschneidender Moment für William war der Todesfall seines Freundes und Parteikollegen Cesar Pereira (21) während der Proteste am 28. Mai dieses Jahres. „Das war der bisher schwierigste Augenblick, seit ich politisch aktiv bin. Cesar war noch so jung, fröhlich, bei allen beliebt und eine echte Kämpfernatur. Auch wenn es mir unendlich weh tut zu wissen, dass er nun nie ein freies Venezuela erleben wird, so weiß ich, dass er nicht umsonst gestorben ist. Wir gedenken all den Helden, die für ihr Vaterland gestorben sind. Und das gelingt am besten, in dem wir auf die Straßen gehen und friedlich, aber energisch protestieren, um unser Ziel zu erreichen: Freiheit.“

Wer müde wird, verliert

Die meisten von Williams Freunden sind ausgewandert, und auch er sagt, dass es Zeiten gab, in denen er an eine Auswanderung dachte. Doch je mehr er darüber reflektierte, desto mehr wollte er in Venezuela bleiben und aktiv etwas verändern. Er wollte sich auf die Seite der Gerechtigkeit schlagen, für sie einstehen und kämpfen. „Das ist nicht einfach, das gebe ich zu. Dieser Kampf ist körperlich und geistig sehr anstrengend, aber ich weiß, dass unser Ziel es wert ist.“

Ist Venezuela einmal frei, so sieht William die eigentliche Herausforderung, nämlich den Aufbau eines funktionierenden, demokratischen Staates. „Bildung ist die einzige Lösung aller Probleme. Sollte ich eines Tages ins Ausland gehen, dann um an einer guten Universität zu studieren und mit meinem dort gewonnenen Wissen ein besseres Venezuela aufzubauen.“

William hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Venezuela dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte in naher Zukunft abschließen kann, um eine neue Etappe des Friedens, der Freiheit und der Demokratie einzuleiten. Einige Leitsprüche motivieren William während der Proteste, erzählt er. Einer davon lautet „Fuerza y Fe“, „Kraft und Glauben“, gleichzeitig das Motto der Partei Voluntad Popular. Ein zweiter, der unter Venezolanern populär ist und bei Demonstrationen als Plakataufschrift verwendet wird, lautet: „El que se cansa pierde“ – „wer müde wird, verliert.“