Ich wollte studieren, um die Welt zu retten – und landete in der Hausarbeiten-Hölle

Die Europäische Hochschulreform sollte junge Menschen früher auf den Arbeitsmarkt bringen. Stattdessen ertrinkt die Kreativität in einem Meer aus Prüfungsleistungen.

Hausarbeiten

Zu viele stumpfe Hausarbeiten, zu wenig Zeit für wirklich gute Gedanken – ihr kennt das... © Pexels

Ich studiere jetzt seit zwei Jahren. Nach dem Abitur hatte ich erst eine Ausbildung gemacht. Als ich nach drei Jahren Berufsalltag das Headset vom Kopf nahm, meinen Krempel in einen Rucksack packte und das Büro verließ, um ein geisteswissenschaftliches Studium zu beginnen, hatte ich mir das alles irgendwie anders vorgestellt.

Wie ich auszog, die Welt zu retten

Ich wollte wieder etwas lernen, mich mit anderen Ansichten beschäftigen, kritisch hinterfragen, verteidigen, diskutieren, grübeln. Ganz nach Nelson Mandela, dieser beharrliche, idealistische Kämpfer, der einmal sagte: „Bildung ist die mächtigste Waffe, die du benutzen kannst, um die Welt zu verändern.“ Dafür nahm ich auch gern die finanzielle Umstellung und den Ausblick auf weitere drei Jahre WG-Moloch hin. Mein Hauptfach Kulturwissenschaften wählte ich nicht, weil ich mir davon besonders tolle Jobaussichten versprach, sondern wegen der Inhalte.

Vor zwei Wochen taten es mir weitere rund 500.000 Menschen gleich: Sie begannen ein Bachelorstudium an einer deutschen Uni oder Fachhochschule. Viele von ihnen werden ähnlich motiviert sein, wie ich es war .

Doch meine Motivation wurde inzwischen erstickt – in Hausarbeiten. Davon schreibe ich nämlich sechs Stück. Pro Semester. Für jede Hausarbeit bekomme ich fünf Creditpoints, zusammen ergibt das das erforderliche Pensum von 30 Creditpoints je Semester, zumindest, wenn man sein Studium in Regelstudienzeit abschließen möchte. Ganz so, wie es sich die Europäische Studienreform (Bologna) gedacht hat: Die Studierenden sollten sich mal ein bisschen beeilen, das faule Pack.

5 CP – alles andere ist egal

Wer dieses Pensum schaffen will, muss Abstriche machen. Drei Wochen an einer Hausarbeit zu sitzen, kann ich mir zeitlich einfach nicht leisten. Daher breche ich meine Recherche oft vorzeitig ab und benutze einfach das, was ich bisher gefunden habe. Die andere Alternative sieht vor (und so ist es eigentlich auch gedacht) die Fragestellung soweit einzugrenzen und runterzubrechen, dass sie im stark komprimierten Rahmen bearbeitet werden kann. Das wiederum hat zur Folge, dass ich mitunter Themen bearbeite, die in ihrer extrem komprimierten Form jeden Anspruch an Gültigkeit verlieren. Ich verhandele Einzelfälle und fiktive Situationen.

Der Mehrwert eines Fazits am Ende meiner Arbeit? Gleich null. Zeit, die vergeht, bis ich das meiste meiner eigenen Hausarbeit vergessen habe?Ungefähr ein Semester.

Ein weiterer Faktor, der mich regelmäßig in Zeitnot bringt: Ich arbeite neben dem Studium 15 bis 20 Stunden in der Woche als Werkstudentin. Nicht, weil ich so sehr darauf erpicht bin, meinen Lebenslauf aufzupolieren. Sondern, weil ich das Geld brauche. Wie viele andere auch.

Bologna sieht allein für das Studium übrigens eigentlich 40 Wochenstunden vor.

Klar, so ist es bei mir nicht – sonst wäre ich nicht nur gestresst, sondern hätte mich wohl schon längst aus dem Studium verabschiedet. Aber es gibt Studierende, die in eben genau dieser Situation festhängen. Übrigens bringt ein Drittel davon das Bachelorstudium nicht zu Ende. Die zwei Hauptgründe: „Leistungsprobleme“ und „finanzielle Probleme“. Überraschung.

Bachelor-Absolvent*innen: Die können ja nix

Nun könnte man sagen: Was interessieren uns so ein paar Waschlappen, wenn die Wirtschaft profitiert? Ja, ich sehe euch nicken, ihr knallharten Kapitalisten. So ist es aber leider, leider nicht: Unternehmen beschweren sich nämlich laufend über die Unfähigkeit ihrer frisch eingestellten, blutjungen Bachelor-Absolvent*innen.

Die scheinen übrigens auch selbst zu wissen, dass sie zu nichts zu gebrauchen sind. Der weiterführende Masterabschluss ist unter Studierenden ziemlich en vogue. Logisch: Nach drei Jahren, in denen wir von allem ein bisschen und nichts richtig gemacht haben, dürfen wir uns im Master endlich spezialisieren.

Wer also früher bis zum Diplom oder Magister vier Jahre einplanen musste, ist jetzt mit Bachelor und Master bei mindestens fünf Jahren. Und ihr werdet es euch vielleicht schon gedacht haben: Bachelor und Master in Regelstudienzeit hat bisher nur Chuck Norris geschafft (kleiner Running-Gag unter uns verzweifelten Studierenden). So kann man es sich damals, bei Einführung der Hochschulreform, nicht gedacht haben. Die Idee war schließlich, dass wir dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung stehen.

Es ist nicht so, dass diese Probleme nicht längst schon erkannt worden wären (richtig Spaß haben europäische Studierende immerhin schon seit 1999). Zum Beispiel vom Präsidenten der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Und der hat auch direkt einen Lösungsvorschlag parat: Weniger Studierende durch höhere Zulassungsbeschränkungen. Das bedeutet mehr Menschen, die stattdessen eine Ausbildung machen (müssen) und weniger, die Zugang zu Hochschulbildung bekommen.

Mein Leben fürs Bruttosozialprodukt

Aber Nelson Mandela hat doch gesagt…? Ich weiß, ich weiß. Aber unter uns: Nach der sechsten Hausarbeit ist in meinem Kopf nicht mehr viel übrig vom Interesse für meine Umwelt oder dem Drang, mich ins Weltgeschehen einzumischen und neue Ideen zu produzieren. Dann bin ich nur noch müde und verwirrt und stelle mir stattdessen Fragen wie: Hätte es in Schillers „Die Räuber“ vielleicht weniger Tote gegeben, wenn der alte Moor seinen Sohn Franz ab und zu mal in den Arm genommen hätte? Oder wenn er stattdessen in einer afrikanischen Juju-Gemeinschaft aufgewachsen wäre?

Tja. Wer wird denn so die Welt verändern? Stattdessen versuchen wir einfach weiter, uns asap am Bruttosozialprodukt zu beteiligen. Dass das bisher so semi-gut geklappt hat, ignorieren wir verbissen. Und um noch mal auf Mandela zurückzukommen: Meine Bildung ist ganz sicher keine mächtige Waffe. Sie ist nicht mal eine Mistgabel.