Willst du immer noch zur Raumstation, wenn dein Arbeitstag so aussieht?

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Astronaut Mike Fossum macht einen Weltraumspaziergang im Juli 2011. © NASA via Getty Images

Weiß doch jeder, Astronauten auf der ISS twittern bloß Fotos der Erde und genießen die Schwerelosigkeit. Falsch! Ein Arbeitstag da oben ist lang und beschwerlich.

Einmal an Bord der Internationalen Raumstation ISS zu sein, 400 Kilometer von der Erde entfernt – davon träumen viele. Mehr als 6100 Menschen bewarben sich 2011 auf eine Jobanzeige der NASA. Ob sie wussten, was sie dort oben erwartet? Bevor ihr euch bewerbt, könnt ihr hier lesen, wie ein normaler Arbeitsalltag auf der ISS (International Space Station) aussieht – in der Regel bleiben die Astronauten übrigens ungefähr ein halbes Jahr im All.

7.30 Uhr: Stell dir vor, du schälst dich nach neunstündigem Schlaf aus deinem Schlafsack, der wegen der Schwerelosigkeit an der Wand befestigt ist. Du bist noch etwas groggy, aber mit dem Anstreifen des Overalls erinnerst du dich langsam wieder, wo du dich befindest: Willkommen in der Schwerelosigkeit des Alls.

Gurt anlegen auf der Spacetoilette

Der normale Tagesablauf auf der ISS führt dich zunächst auf die Spacetoilette zum Zähneputzen. Das erfordert Fingerspitzengefühl. Denn an Bord der ISS gibt es kein fließend Wasser, sondern nur Wasserspender in Alu-Tüten-Form. In der Schwerelosigkeit würde Wasser aus dem Hahn in der Gegend herumfliegen und so womöglich elektronische Geräte stilllegen.

Zum Zähneputzen lässt du vorsichtig einen Tropfen aus dem Wasserspender, fängst ihn mit dem Mund ein und beginnst das Putzen mit Zahnpasta und –bürste; wie auf der Erde, nur dass der Mund dabei geschlossen bleiben muss. Würdest du die Lippen öffnen, würde der tröpfchenförmige Inhalt deines Mundes durch den Raum schweben. Wenn du fertig bist, spuckst du das Zahnputzgemisch nicht aus, sondern schluckst es herunter.

Dein Geschäft erledigst du auf der Spacetoilette. Mit Luftdruck aus einer Vakuumpumpe werden die Fäkalien eingesaugt und in Behältern gesammelt, die bei der Rückreise zur Erde restlos verglühen. Damit dein Hintern auf dem Spaceklo bleibt und nichts daneben geht, musst du dich für den Toilettengang wie im Flugzeug bei Start und Landung mit einem Bauchgurt anschnallen.

Kaffee mit Strohhalm

Am Frühstückstisch erwarten dich deine fünf Astronauten-Buddies. Bei Trockenmüsli und krümelfreiem Brot macht ihr ein wenig Smalltalk. Das Geschäftliche besprecht ihr erst um 8.45 Uhr bei der allmorgendlichen Planungskonferenz.

Ohne einen richtig starken Kaffee zum Frühstück geht bei dir gar nichts? Keine Sorge, Kaffee und sogar Espresso gibt es auch auf der ISS. Von außen sieht der allerdings eher aus wie eine Capri-Sonnen-Trinktüte. Wie Kaffeekochen im All funktioniert, zeigt dieses Video.

Durchgetaktetes Arbeitsprogramm

8.45 Uhr: Zeit für die Planungskonferenz. Hier besprichst du mit deinen Kolleg_innen etwa eine halbe Stunde lang den aktuellen Stand der Projekte und Experimente, an der die Besatzung arbeitet. Die ISS steht währenddessen in Kontakt mit ihren Bodenstationen in vier Ländern auf der Erde: USA, Russland, Europa und Japan.

Danach verteilt sich die Besatzung wieder auf verschiedene Bereiche der ISS. Du gehst den Aufgaben in deinem vorher festgelegten Arbeitsplan nach. Auf dem stehen unter anderem wissenschaftliche Experimente. Du erforscht, wie Plasmamedizin antibiotikaresistente Bakterien tötet, wie Strömungen im Erdinneren funktionieren oder auch wie Pflanzen im All wachsen. Dieses Bild von der ersten Blume, die jemals im All gewachsen ist, postete vor kurzem ISS-Besatzungsmitglied und Gärtner Scott Kelly.

Laufband-Training gegen Muskelverschleiß

Wenn Du ein Sportmuffel bist, ist der Aufenthalt an Bord der ISS vermutlich nichts für dich: Das Forschungsprogramm wird zwei Mal täglich für ein intensives Sportprogramm unterbrochen. Auf dem Laufband und beim Krafttraining schwitzt du täglich rund 2,5 Stunden im Weltraum. Und das hat einen guten Grund: Durch die Schwerelosigkeit beanspruchst du deine Muskeln so wenig, dass sie sich in kurzer Zeit zurückbilden. Das ist nicht nur blöd für die Rückkehr zum Planeten Erde. Es belastet auch die Knochen, die durch Nicht-Bewegung entmineralisiert werden.

Wer Sport macht, möchte auch duschen. Auf der ISS kannst du das allerdings nur ganz selten und nur mit einem Spezialduschkopf, der das Wasser auf die Haut presst und direkt wieder absaugt. Im Normalfall wäschst du deinen Körper nur mit feuchten Reinigungstüchern.

Tüten-Hühnchen zum Mittag

Irgendwann zwischen 12 und 2 Uhr ist es Zeit für deine wohlverdiente Mittagspause. Das ISS-Mittagessen ist genau wie das Frühstück ein lockeres Date mit deinen Kolleg_innen. Jede_r hat unterschiedliche Arbeitspläne und kommt zum Mittagessen, wann es passt. Auf dem Menü stehen Tüten-Hühnchen, Dosenthunfisch oder Krabbencocktail mit Mayonaise. Die Tütengerichte werden mit ein paar Tropfen Wasser oder Olivenöl angemacht.

Automatisierte Unterstützung vom R2

Gut gestärkt geht’s in die zweite Hälfte des Tagesprogramms. Experimente und Routinearbeiten wie das Neustarten der Computer stehen an.

Damit es an Bord der ISS sauber bleibt, müssen du und der Rest der Besatzung einmal pro Woche Küche und Spacetoilette desinfizieren. Dabei hilft der Robonaut 2 (R2), ein kleiner von der NASA entwickelter Roboter. Der ist, genau wie der Rest der Besatzung, ein ziemlich aktiver Social-Media-Nutzer. Auf Twitter kann man das Tun des R2 auf der ISS verfolgen:

Feierabendbierchen verboten

Um 18 Uhr versammelst du dich mit der gesamten Besatzung zum gemeinsamen Abendessen. Es gibt Kartoffelpürree mit Gulasch oder würziges Chili con Carne. Das entweder schockgefrostete oder dehydrierte Essen wurde von Köchen auf der Erde zubereitet. Frisches Obst oder Gemüse gibt es nur, wenn es ein Space-Transporter die nächste Ladung Benzin zur ISS liefert.

Damit das Essen am Besteck kleben bleibt, enthält es eine extra Portion Gelatine. Gegessen wird nicht mit dem Teller, sondern direkt aus der Dose oder Tüte. Ein Feierabendbierchen ist an Bord der ISS nicht drin – Alkohol ist strikt verboten, selbst an Weihnachten oder Silvester.

Auch am Abend findet eine Planungskonferenz statt: Von 19 bis 19.30 Uhr berichtest du den Bodenstationen von deinem Tag. Was hast du gemacht, was sind die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse? Erst danach ist dein langer, anstrengender Arbeitstag als Astronaut auf der ISS zu Ende und du kannst dich um Privates kümmern – zum Beispiel um die Körperhygiene.

Mindestens 8 Stunden und 45 Minuten Schlaf

Frisch gewaschen kannst du den Abend mit Lesen, Skypen oder Serien verbringen. Oder wie Scott Riley ein wenig Wassertropfen-Ping Pong spielen.

An Bord der ISS gibt es Internet und kleine Privat-Kabinen, in denen du vom Rest des Raumschiffs abgeschirmt bist. Nächtliches Binge Watching deiner Lieblingsserie kannst du dir als Astronaut allerdings abschminken. Der ISS-Besatzung ist pro Nacht mindestens 8 Stunden und 45 Minuten Schlaf vorgeschrieben: Um am nächsten Tag im All wieder fit zu sein.