Wir brauchen unseren Anstand zurück!

Wann genau sind unserer Gesellschaft eigentlich Moral und Empathie abhanden gekommen? Eine Anleitung und ein Plädoyer für die Rückkehr zu ganz normalem Anstand.

Anstand

Es einfach mal rauslassen? Nein, verdammt! © tim_toxxic / Photocase

Wann haben wir verlernt, was man in einer freien, friedlichen, demokratischen offenen Gesellschaft tun und lassen sollte, damit das Zusammenleben aller einigermaßen funktioniert? Warum und trauen sich Leute, ihren Hass auf andere so hemmungslos zu zelebrieren?

Ein Phänomen, das vorwiegend in sozialen Netzwerken grassiert wie Lungenpest und von dort aus auf die reale Welt übergreift. Es heißt auch im Rahmen der US-Wahl, der öffentliche Diskurs würde einseitig geführt; anderslautende als linksliberale Meinungen würden nicht geduldet und ihre Vertreter*innen an den rechten Rand gedrängt, von wo aus sie von Populist*innen abgefischt und mobilisiert würden. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

Es geht aber nicht um anderslautende Meinungen. Es geht um unverhohlenen Hass, der ins Verderben führt.

Offenbar ist unsere Zivilisation ein hauchdünner Firnis, unter dem der Hass wuchert wie ein Schimmelpilz. Aber nur, wenn wir es zulassen.

Hier zur Auffrischung ein Leitfaden dafür, was okay ist und was nicht:

Es ist okay, gestresst und genervt zu sein.

Ach, jeder Hass fängt klein an: In der U-Bahn, im Büro oder beim Einkaufen. Zu viele Menschen, zu wenig Zeit. Zu viele Anforderungen, zu wenig Geld. Ja, das nervt – und wie. Ab und zu kann man einfach nicht anders und grummelt hörbar. So weit, so in Ordnung und menschlich.

Es ist nicht okay, deshalb andere zu beschimpfen.

Jemanden anzupöbeln, weil die Bahn proppenvoll und kein Platz zum Aussteigen ist, gehört sich nicht. Garantiert ist man nicht der einzige Mensch, der grad immens gestresst ist. Einfach kurz zusammenreißen, an was anderes denken, schöne Musik hören, Augen zu machen. Ist gleich wieder vorbei.

Es ist okay, Angst davor zu haben, abgehängt zu werden.

Bei uns in Deutschland gibt es, insbesondere in den neuen Bundesländern, ganze Landstriche, die von der Politik jahrzehntelang vernachlässigt wurden und in denen Wohlstand und Entwicklungsperspektiven extrem niedrig sind – wie diese Infografik zeigt. Das ist eine Tatsache und ein Skandal. Auch die Armutsquote ist weiter gestiegen. Und das, obwohl es der Deutschen Wirtschaft gut geht. Doch der Mittelstand schrumpft, weil Industriearbeitsplätze wegfallen und durch Niedriglohnjobs (beispielsweise im Dienstleistungsbereich) ersetzt werden – immer mehr Menschen verdienen immer weniger und brauchen teilweise staatliche Unterstützung. Die Behandlung von Hartz-IV-Empfänger*innen ist zudem bürokratisch und teilweise schlicht würdelos.

Es ist nicht okay, dafür einen Sündenbock zu suchen.

„Uns geht es schlecht, die Flüchtlinge kriegen alles“, heißt es oft genug in einschlägigen Kommentarspalten.

Moment. Kurz mal inne halten.

Die Grundleistungsbeträge für Asylbewerber*innen liegen derzeit zehn Prozent unter dem Hartz-IV-Satz. Ab 2017 sinken die Beiträge auch noch, alleinstehende Asylbewerber*innen bekommen dann 332 Euro monatlich – 77 Euro weniger als ALG II bei Regelstufe 1. Es gibt außerdem kein Begrüßungsgeld für Geflüchtete.

Damals vor 70 Jahren waren es die Juden, die vermeintlich an der Wirtschaftskrise und der ökonomischen Situation in Deutschland Schuld waren; heute sind es Einwanderer und Geflüchtete. Doch so einfach ist das nie – damals nicht und heute auch nicht. Wir leben in einem global vernetzten, sehr komplexen Wirtschaftsgefüge und da spielen zahlreiche verschiedene Faktoren eine Rolle. Wie wäre es stattdessen, den Neoliberalismus und wuchernden Kapitalismus differenziert und kritisch zu betrachten und nach alternativen, neuen Systemen zu suchen?

Es ist okay, Politiker*innen, Politik und das System scharf zu kritisieren.

Ja, man darf Politiker*innen wie Angela Merkel, ihre Aussagen und ihr Handeln beobachten, anzweifeln und scheiße finden und das auch kommunizieren. Das muss man sogar. Es ist Teil der Demokratie, es gehört zwingend dazu.

Es ist nicht okay, Verschwörungstheorien und populistischen Parolen zu glauben.

Jede*r, der eine simple, bequeme Lösung bietet, verspricht Unhaltbares, spielt mit Ängsten, Wünschen und Hoffnungen. Weil das fast immer funktioniert und angenehm einfach ist. Aber es ist auch gefährlich.

Außerdem funktioniert Gesetzgebung bei uns zum Beispiel so. Auf alles, was in Deutschland geschieht, ernsthaft mit „DANKE, MERKEL!!!“ zu reagieren, ist Bullshit.

Es ist okay, Urteile aufgrund von Erfahrungen zu fällen.

Wir Menschen lernen im Laufe unseres Lebens permanent hinzu, leider oft auch durch negative Erfahrungen. Neue Situationen und Personen in Sekundenschnelle basierend auf Erlebtem einzuschätzen, ist grundsätzlich ein nützlicher und natürlicher Mechanismus.

Es ist nicht okay, hemmungslos Vorurteile zu kolportieren.

Jede*r von uns hat schon mal gemeine, unangenehme, üble Gestalten getroffen. Aber standardmäßig von Religionszugehörigkeit, Optik oder Herkunft vollkommen unreflektiert auf Wesen, Verhalten und ganze Bevölkerungsgruppen zu schließen und Vorurteile zu verbreiten, nennt man Diskriminierung. Mal ehrlich: Wir sind doch schlauer als das, oder?

Hier das besonders herausragende Negativbeispiel eines CSU-Politikers:

Es ist okay, seine Heimat zu lieben.

Heimat ist ein wichtiger und wunderbarer Ort. Der Ort, an dem wir alles zum ersten Mal erleben, der uns formt. Der Ort, wo unsere Wurzeln liegen und unsere Herzen zu Hause sind. An dem wir sein können, wer wir wirklich sind. Er bedeutet für jeden Menschen etwas anderes und kann sich auch im Laufe des Lebens ändern, aber eine Form der Liebe ist immer mit im Spiel.

[Außerdem bei ze.tt: Wie riecht eigentlich Heimat?]

Es ist nicht okay, darauf so stolz zu sein, dass man Fremde hasst.

„Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte.“ — Arthur Schopenhauer

Stolz sein kann man nur auf Dinge, die man selbst ist, die man eigens erreicht oder geschaffen hat – nicht auf den zufälligen Ort der Geburt. Denken wir daran: Geflüchtete beispielsweise haben ihre Heimat verloren, das tut weh und ist schwer. Niemand gibt das leichtfertig auf. Auch unsere (Ur-)Großeltern sind vielleicht selbst vertrieben worden und hätten sich Unterstützung und Hilfe gewünscht.

Es ist okay, sich nach einfacheren besseren Zeiten zu sehnen.

Erwachsensein kann schlauchen: Ständig Verantwortung, Katastrophen, Probleme und niemand, der sie für einen löst. Ach, war das früher schön, als Mutti mit Kakao und Keksen alles wieder gut machen konnte! Damals, als man von Dispo, Bewerbungsstress, Treibhauseffekt und Acrylamid noch nichts wusste. Als es Vollbeschäftigung gab und die D-Mark, als man noch ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen und…

Stop.

Zurück zur kindlichen Naivität ist eine nachvollziehbare Sehnsucht, aber damit gibt man eben auch die Verantwortung für das eigene Leben und das eigene Handeln ab.

Es ist nicht okay, sich deshalb eine starke Führungsfigur zu wünschen.

Jemandem, der verspricht, alles wieder so fein überschaubar, sicher und muckelig wie früher zu machen, ist grundsätzlich und umfassend zu misstrauen! Denn diese Person spielt bewusst mit Emotionen und Sehnsüchten. Sich unreflektiert in diesen Wunsch nach heiler Welt fallen zu lassen, ist deshalb gefährlich. Die Welt ist nicht heil, wird sie auch nie sein. Wir können bloß versuchen, sie ein bisschen besser zu machen.

Es ist okay, die Institution Ehe für alle nicht uneingeschränkt supi zu finden.

Es gibt im konservativen Lager Leute, die meinen, die Institutionen Ehe und Familie bestünden im Idealfall aus Vater, Mutter und Kindern. Ein traditioneller Standpunkt, mit dem man echt nicht übereinstimmen muss, den man jedoch respektieren kann. Allerdings nur, so lange daraus keine reale Einschränkung für Andersdenkende und -lebende wird.

Es ist nicht okay Menschen darum zu diskriminieren, beleidigen und bedrohen.

Es gibt nämlich auch Leute, die das komplett anders sehen. Die ein offeneres, flexibleres, freieres Bild von Liebe, Beziehungen und Familie sowie ein Recht darauf haben, so leben zu dürfen. Diese unterschiedliche Auffassung davon, wer wen liebt oder heiraten darf oder welches Geschlecht für sich in Anspruch nimmt ist absolut kein Grund, jemanden im Netz zu drangsalieren, im echten Leben zu mobben oder sogar Safe Spaces zu attackieren. Jeder liebt, wen er oder sie will und wir lassen einander einfach in Ruhe, ja?

[Außerdem bei ze.tt: So trauert die Welt nach dem Massaker von Orlando]

Es ist okay, seine Familie beschützen zu wollen.

Die Welt ist ein wahrhaft furchterregender Ort, nicht erst seit gestern. Und wenn man Menschen liebt, dann will man, dass es ihnen gut geht und ihnen kein Leid geschieht.

Es ist nicht okay, deshalb Bürgerwehren zu bilden, die Menschen zusammenschlagen.

Aber sich zusammenzurotten, einen Menschen an einen Baum zu fesseln und zu schlagen – wo sind wir denn hier, im Mittelalter? NICHT. OKAY.

Angst ist der schlechteste Ratgeber der Welt und irrational. Denn auch, wenn wir uns zunehmend unsicher fühlen, die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Wir waren noch nie so sicher, die Verbrechensrate sinkt – das hat zum Beispiel Forscher Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum eruiert.

Es ist okay, Einwanderung kritisch gegenüber zu stehen.

Die Integration von Millionen Menschen IST ein enormer Kraftakt. Aber einer, den wir stemmen können – wenn die Politik wirklich mitzieht und entsprechende Ressourcen locker macht. Wenn jede*r seinen Beitrag leistet. Dann können wir als Gesellschaft sogar davon profitieren. Auch, aber nicht nur, wirtschaftlich.

Es ist nicht okay, Unterkünfte anzuzünden, Menschen zu verletzen oder zu töten.

Brennende Flüchtlings-Unterkünfte in der ganzen Republik, davor applaudierende Gaffer – es ist eine Schande. Da wohnen Menschen, die atmen, fühlen, einen Herzschlag haben, Schmerzen, Angst und Sorgen wie jede*r andere auch. Und an der Grenze auf Geflüchtete Menschen schießen, wenn es vermeintlich nicht anders geht – diesen Standpunkt vertrat AfD-Vorsitzende Frauke Petry dem Mannheimer Morgen: „Zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt.“

Nochmal in aller Deutlichkeit: Man tötet keine Hilfe suchenden Menschen. Das darf niemals, NIEMALS, in irgendeiner Gesellschaft akzeptiert oder relativiert werden. Und Menschen, die woanders herkommen, sind immer noch Menschen. Klar soweit?

Es ist okay, seine anders lautende Meinung auch in sozialen Netzwerken auszudrücken.

Auch Diskussionen im social Web sind eigentlich dafür da, Standpunkte auszutauschen, Verständnis für die jeweils andere Seite und eine neue Perspektive zu entwickeln und im Idealfall einen Konsens zu finden oder aber zumindest etwas zu lernen. Dass das manchmal dauert und anstrengend ist – geschenkt. Aber es kann funktionieren, wenn man respektvoll miteinander umgeht.

Es ist nicht okay, andere Menschen oder Menschengruppen „den Tod oder Schlimmeres“ zu wünschen.

Man muss nicht übereinstimmen, man muss sich nicht mal verstehen. Aber man sollte sich respektieren. Wem die Argumente ausgehen, der wirft oft mit Hass und Drohungen um sich, um andere mundtot zu machen. Es geht ja so leicht, weil man nur an einem Bildschirm sitzt und man dabei niemandem in die Augen schauen muss. Doch das ist abscheulich, erbärmlich und schadet uns allen gleichermaßen. Lassen wir das. Machen wir das Netz nicht zu unserem persönlichen Mordor.

Denn der Hass aus dem Netz schwappt irgendwann unweigerlich ins echte Leben: „Heil Trump!“ brüllen die über 200 Besucher der jährlichen Konferenz des National Policy Institutes in Washington, D.C. enthusiasmiert und machen den Hitlergruß.

Selbstverständlich ist es auch ausdrücklich nicht, niemals und nirgendwo, okay, den Hitlergruß zu zeigen wie in dem obigen Video der Trump-Anhänger*innen; es ist in Deutschland sogar strafbar.

Aus gutem Grund: Der Mann war für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich und hat nicht nur Autobahnen gebaut, wie gern angeführt wird, sondern unaussprechliches Leid, Tod und Elend über die gesamte Welt gebracht. Nur, falls es jemand vergessen haben sollte. Hitler war nicht allein, er wurde gestützt von einem ganzen Volk, das schwieg und zuschaute und die schleichende Verrohung hinnahm. Bis zum organisierten Massenmord.

Der Holocaust begann nicht mit Morden: er begann mit Worten.“

Das schreibt das „Holocaust Memorial Museum“ in einer Stellungnahme zu dem Clip.

Wir brauchen dringend mehr Empathie und Mitgefühl, mehr gegenseitiges Verständnis, mehr Respekt und unbedingt wieder mehr Anstand, im Internet genau so wie im echten Leben. Und zwar sofort. Denn das darf niemals wieder passieren.